Fussballbücher Drin oder nicht

Nach dem Spiel ist vor dem Bücherregal: Zum besseren Verständnis der WM

Dieser Ball überquerte die deutsche Torlinie, und alle haben es gesehen – nur der Schiedsrichter nicht.

Dieser Ball überquerte die deutsche Torlinie, und alle haben es gesehen – nur der Schiedsrichter nicht.

Fast ist die erste Fußballweltmeisterschaft auf afrikanischem Boden vorbei, und trotz mehrerer Hundert Stunden TV-Fußball bleiben Fragen: Flattert der Ball tatsächlich so, weil ein Kaninchen in ihm versteckt ist, wie der argentinische Konditionstrainer vermutete? Warum tun sich die Schiedsrichter so schwer mit dem Abseits? Was bedeutet die Demontage im Viertelfinale für die große Fußballnation Argentinien? Zum Glück ist nach der WM vor dem Bücherregal – allein in den vergangenen Monaten sind mindestens 400 Bücher über Fußball erschienen, wie eine Übersicht der Deutschen Akademie für Fußballkultur zeigt (ja, die gibt es! Und sie verleiht den Preis »Fußballbuch des Jahres«; www.fussball-kultur.org ). Hier finden sich Antworten auf Fragen, von denen man noch gar nicht wusste, dass sie stellbar sind…

Zum Ersten: Der berüchtigte WM-Ball Jabulani flattert nicht. Kann er gar nicht. Ist wissenschaftlich bewiesen. Schreibt Metin Tolan, Professor für Experimentelle Physik. So werden wir Weltmeister heißt sein Buch über »die Physik des Fußballspiels«, in dem er auf 359 Seiten den wichtigsten Fußballmythen, -floskeln, -vorurteilen auf den Zahn fühlt (Piper Verlag, München 2010; 16,95 €). Zum Beispiel, ob der alte Spruch »Wer eins null führt, der stets verliert« statistisch zu halten ist. Ist er nicht, »das genaue Gegenteil ist der Fall«. Dafür gibt es auch eine Formel, aber die ist so kompliziert, dass sie sich hier drucktechnisch gar nicht darstellen lässt. In Tolans schön gestaltetem Buch steht sie, zusammen mit vielen Diagrammen, Kurven, Statistiken sowie einer Anweisung zum todsicheren Gewinn eines Elfmeterschießens (leider gibt es das Buch noch nicht in Ghana). Sogar eine »WM-Formel« hat der Autor parat:

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Mit dieser Kosinusfunktion errechnet er, dass Deutschland 2010 Weltmeister werden müsste – bis zur Drucklegung dieser Ausgabe hat er recht.

Spätestens hier wird klar, dass der Professor auch Humor und Selbstironie besitzt. Doch das Buch ist alles andere als ein Witz, sondern erklärt ernsthaft, warum die Beschäftigung mit einem auf den ersten Blick so simplen Spiel letztlich unendlich ist. Und warum flattert der Ball nun nicht? Hat zu tun mit der Prandtlschen Grenzschicht und der Magnuskraft. Den Rest kann Deutschlands Nummer eins Manuel Neuer ja nachlesen, der hat Abitur.

Natürlich gibt es in Tolans Buch auch einen Abschnitt übers Abseits, das bei dieser WM offenbar so schwer zu erkennen ist wie nie zuvor. Warum das so ist, erfährt man noch viel besser als beim Physikprofessor beim Vizepräsidenten der Proust-Gesellschaft, Rainer Moritz. Sein Standardwerk Abseits. Das letzte Geheimnis des Fußballs liegt pünktlich zur WM in 2., erweiterter Auflage vor (Verlag Antje Kunstmann, München 2010; 160 S., 12,– €). Eigentlich ist es mit der vermaledeiten Regel Nummer 11 des Spiels ganz einfach, sie passt auf eine Karteikarte und wurde vom legendären Trainer Hennes Weisweiler noch knapper formuliert: »Abseits is, wenn dat lange Arschloch zo spät abspielt« (er meinte damit seinen Spielmacher Günter Netzer). Aber sie ist auch das »geheime Regulativ« des Spiels, wie Moritz in seiner theoretischen, historischen, weltanschaulichen Analyse zeigt.

Abseits gab es schon in den ersten Fußballregeln von 1863 – um das Toreschießen zu erschweren und dadurch den Reiz des Spiels zu erhöhen. Weil nun aber im modernen Fußball immer weniger Treffer fallen, werden die Plädoyers für eine Abschaffung der Regel immer lauter. Dagegen wendet sich Moritz. »Eine Rehabilitierung der missverstandenen und denunzierten Regel ist das Gebot der Stunde«, schreibt der Leiter des Literaturhauses Hamburg mit der ihm eigenen Ironie. Er führt Romane, Gedichte, Chansons, Filme und sogar Käpt’n Blaubärs Lügenmärchen ins Feld, um die wunderbare Welt des Abseits zum Weltkulturerbe zu erklären und zum Quell allen Redens und Schreibens über Fußball. Seine Verzückung erklärt sich daraus, dass Moritz selbst acht Jahre lang Schieds- und Linienrichter war; er will sich nicht umsonst für seine (Fehl-)Entscheidungen beschimpft haben lassen.

Bleiben die Fragen nach Argentinien. Wie wird das Land, dessen Symbolfigur der Gaucho, der frei und stolz nomadisierende Anarchist, ist, fertig werden mit der dritten historischen Niederlage gegen Deutschland? Alle Antworten die Albiceleste betreffend liefert Pablo Alabarces’ große kulturwissenschaftliche Studie Für Messi sterben? Der Fußball und die Erfindung der argentinischen Nation (edition suhrkamp, Berlin 2010; 288 S., 16,– €). Kein Buch mehr für Neuer & Co., denn die Lektüre erfordert mitunter mehr als Abitur. Aber wie der Soziologe und Philosoph aus Buenos Aires die »Nationalität produzierende Kulturmaschine« des argentinischen Fußballs erklärt, seine Übernahme des »englischen« Spiels in den 1920er Jahren, die Vereinnahmung durch die Militärdiktatur bei der WM 1978 und dieVollendung in den Götterlieblingen Maradona und Messi, das ist schon großer Sport.

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