Katarina Bader Wie Jureks Geschichte sich ändert
Die junge Historikerin Katarina Bader wollte herausfinden, warum der alte Jurek Hronowski so einsam war. Daraus ist ein glänzendes Buch über die Erinnerung, das Erzählen und die deutsch-polnische Geschichte geworden
Eines Februartags liegt ein alter Mann in seinem Blut auf dem Badezimmerboden seiner winzigen Wohnung in Warschau. Wahrscheinlich, sagt man, hat ihn einer erschlagen, es wird ermittelt. Der Mann hieß Jerzy Hronowski, Jurek genannt, und zu seiner Beerdigung findet sich fast kein Mensch ein. Aber eine junge Frau ist aus München gekommen, die mit diesem Jurek befreundet war, und sie wird ein Buch über ihn schreiben: um zu ergründen, warum der Alte so einsam war; und auch, weil Jurek selbst so unbedingt ein Buch über sein Leben gedruckt sehen wollte. Vergeblich: Das Manuskript kam von den Verlagen zurück, es gebe zu viele Bücher mit Erinnerungen von Auschwitzhäftlingen am Markt.
Vielleicht ist es ein Glück, dass Jureks Erinnerungen ungedruckt blieben. Denn sonst wäre Katarina Baders Buch Jureks Erben nicht entstanden. Fast zehn Jahre lang, seit sie achtzehn war, hat sich diese sehr junge Frau mit dem Stoff befasst, und wer meint zu ahnen, worum es diesem Buch geht – noch ein Buch über Auschwitz –, der irrt sich leicht. Die Geschichte, die hier entsteht, ist neu, und sie ist erstaunlich offen: Man meinte, alles zu wissen, und merkt, es war, es ist alles anders. Der jungen Osteuropa-Historikerin ist ein ungewöhnliches Stück Geschichtsschreibung geglückt: über die verändernde Macht des Erzählens, die Erinnerung und die deutsch-polnische Geschichte.
Katarina Bader versteht es, die individuell gefühlte Geschichte, die in Deutschland im privaten Erinnern an das Leid der eigenen Familie eine Konjunktur erlebt hat, mit den wissenschaftlichen Deutungsmustern der kulturellen Erinnerung zusammenzuführen, der es mehr um eine angemessene Würdigung der Opfer geht. Aus der Dissonanz zwischen Gefühl und Wissen gewinnt sie ihr Interesse. Sie sucht Menschen auf, die Jurek kannte, fragt nach deren erlebter Geschichte, kontrastiert sie mit Jureks autobiografischem Gedächtnis, mit Videoaufzeichnungen, Tonbändern, schriftlichen Quellen. Bader merkt bald, dass das Gedächtnis leichter an Erlebtes als an Erlerntes anknüpfen kann und wie sehr jede Gegenwart des Erinnerns das Erinnerte formt. Wie durch Zuwendung das Erzählen entsteht und wie es zugleich mit dem Gegenstand auch den Erzählenden formt. So wird Jureks Geschichte, die sich der Vorstellungskraft entzieht, doch zugänglich.

Fast notwendigerweise handelt dieses Buch also zugleich von den Arbeitsweisen des menschlichen Gedächtnisses wie von öffentlicher Geschichtspolitik, aber Bader bedenkt dies nicht lehrhaft, sondern beinahe unmerklich. Von Jurek selbst hat sie die Skepsis übernommen, dass pädagogische Bemühung kaum etwas ausrichten kann. Bader wählt nicht den Weg der Unterrichtung: Sie geht von der eigenen Irritierbarkeit aus. Von dem Wunsch, sich zu öffnen. Und indem sie Jureks Biografie zu entschlüsseln sucht, entsteht ihre eigene Biografie, als Kind der eigenen Herkunftsfamilie, als Historikerin Osteuropas, als Journalistin: Katarina Bader.
Am Anfang standen ein Zufall und eine Zuneigung. Die Geschichte der jungen Frau und des alten Mannes fing absichtslos an. Katarina Bader, geboren 1979 als Lehrertochter in einem Dorf am Fuß der Schwäbischen Alb, wurde eines Tages vom Zufall in die Jugendbegegnungsstätte Auschwitz geführt, Oktober 1998. Da war sie 18, kaum älter, als Jurek zu jenem Zeitpunkt gewesen war, als er nach Auschwitz geriet: mit dem ersten Transport, der im Juni 1940 ins spätere Vernichtungslager ging, als Nummer 227, deportiert nur aufgrund seiner Zugehörigkeit zur polnischen Intelligenzija. Er war Gymnasiast. In der Begegnungsstätte also hat Katarina Bader den fast achtzigjährigen Jurek kennengelernt, der dort für das Gespräch mit dem Besuch zuständig war, und hat sogleich mit ihm Freundschaft geschlossen. Er konnte so gut erzählen, war so zugewandt, und er strahlte einen Stolz, eine Vitalität und einen Eigensinn aus, die dem Mädchen gefielen.
Von Anfang an aber hat er die junge Frau auch verwundert: »Warum erzählen Sie nur Geschichten, die gut ausgehen? – Mein Fräulein, zwei Gründe. Erstens: Wenn sie nicht gut ausgegangen wären, könnte ich sie nicht erzählen. Zweitens: Ihr seid jung. Ich will euch nicht den Glauben nehmen. – Sie waren selbst ganz genauso alt, als Sie diese schrecklichen Dinge erlebt haben. – Eben.«
Jurek rät dem Mädchen, es solle Polnisch lernen, aber nicht »wegen der Versöhnung und so«. Nein: »Lern es, weil du reich und berühmt werden willst. Weil du an Polens Zukunft glaubst und dann profitieren willst von Kenntnissen, die in Deutschland sonst fast überhaupt niemand hat. Ich kann dir dabei helfen.« Er spricht hervorragend Deutsch, seit er in Auschwitz war: »Ich wäre krepiert ohne Deutsch.«
Die ursprüngliche Irritation Katarina Baders über Jureks Art, Geschichten zu erzählen, wird erkenntnisleitend: Wie kann es sein, dass sich die Geschichten von und über Jurek im Laufe der Jahrzehnte immer wieder verändert haben? Wie kommt es, dass Jureks einziger Sohn Tomek diese Geschichten nicht kennt? Und wie kommt es, dass Jureks Gedächtnis sich erst seit dem Ende der neunziger Jahre auf dreißig Geschichten aus Auschwitz konzentriert hat, die alle einen Funken Hoffnung bargen? Im Transport seien in seinem Viehwaggon zwölf Menschen gestorben, an Hitze, Mangel an Wasser und Sauerstoff, an Erschöpfung, so hat Jurek es vor Jahrzehnten erzählt, zuletzt aber hat er gesagt, in seinem Waggon sei niemand gestorben, keiner, denn durch einen Trick sei es ihm geglückt, einen Spalt für etwas Luft zu öffnen.
Auf diesen Trick, die Selbstbestimmung, die Würde und die Solidarität gegen das Grauen obsiegen zu lassen, richten sich alle Geschichten aus, die Jurek im Alter erzählt, und Katarina Bader gelingt es, deren Verwandlung über die Jahrzehnte hinweg an den Quellen zu rekonstruieren: wie Jurek verhindert haben will, dass in seinem Block Kinder starben, obwohl der SS-Mann Windeck nachweislich fortgesetzt Kinder erschlug, die nicht ruhig hielten; wie Jureks Freund Feliks Klecha ihn, wider alle Wahrscheinlichkeit, in einem Misthaufen des Kälberstalls von Auschwitz versteckt haben soll, als er an Typhus zu krepieren drohte; wie er Brotabfälle in der Hose versteckte, um sie zu teilen, obwohl er doch früher erzählt hatte, dass das Christentum mit seiner ewigen Nächstenliebe sich irre, weil in Auschwitz ein jeder Verhungernde Brot gegessen habe, mit dem er einen anderen vorm Verhungern hätte retten können. Jurek hat die Erinnerung so arbeiten lassen, dass das Gedächtnis seine vernichtete Würde wiederhergestellt hat: als Mann, als Bürger, als polnischer Patriot. Als Jerzy Hronowski.
Auf der Suche nach dem schlüssigen Bild von Jureks Leben aber entwickelt Katarina Bader, von einer Begegnung zur nächsten reisend, viel mehr: die Geschichte der Aktion Sühnezeichen wie die der Vertriebenennöte, die des Widerstands wie diejenige der Auschwitzprozesse, diejenige der Solidarność und des Kriegsrechts. Beiläufig wird klar, dass Jurek gar nicht ermordet wurde, aber das ist inzwischen fast eine Nebensache.
Denn im Archiv der polnischen Gauck-Behörde öffnet sich dafür ein unheimlicher Kontinent, den Jurek stets verschwiegen hat: Er hat für den Geheimdienst gearbeitet. Eines Tags, 1965, hatte er eine Gruppe deutscher Stasileute durch Auschwitz geführt, die waren respektlos, es gab eine Schlägerei, und Jurek hätte daher fast seine Arbeit verloren. Wie Bader, entgeistert und angstlos, für den Leser Jureks alte Akte entziffert, um ein vielschichtigeres Bild ihres Freundes zu gewinnen: Das ist meisterlich. Offenbar nur über Westdeutsche hat er unter dem Decknamen »Tomek« berichtet, sagen die Akten. Wie angenehm sie seien, die Kinder einer neuen Generation. Weil ihn der Hass auf die Stasileute überfiel, ist der polnische Bürger Jurek, der nie Kommunist war, als Geheimdienstspitzel tätig geworden. Ausgerechnet so ist er zu seiner eigenen Überlebenserzählung gelangt: der grauenvollen Geschichte des Auschwitzhäftlings, die immer wieder gut ausgeht.
Zuletzt fährt ein Truck mit Jureks ausgewandertem Sohn Tomek am Steuer und Frau Bader als Beifahrerin durch den Mittleren Westen Amerikas. Tomek beginnt zu erzählen. Eine ganz andere Geschichte. In den Abgründen von Jureks privatester Geschichte mit Frau, Sohn und Enkel entstehen für die Historikerin neue offene Fragen. Und es entsteht die Gewissheit, dass man jede Information nur zum Teil versteht, immer nur provisorisch, dass sich jedes Faktum, und sei es noch so zweifelsfrei erwiesen, alsbald in anderem Licht darstellen kann. Dass jede Geschichte sich verändert, solange Menschen sich bemühen, sie zu deuten. Jurek würde sagen: solange sie nicht nur leiden, sondern auch kämpfen. Tomek würde sagen: Alles bloß Worte von einem, der nicht trösten kann und nicht lieben.
Die Geschichte, die hier entsteht, ist ganz am Schluss wieder offen: Man meinte, alles zu wissen, und merkt, etwas fängt jetzt erst an.
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- Datum 10.07.2010 - 12:22 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 08.07.2010 Nr. 28
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