Katarina Bader Wie Jureks Geschichte sich ändertSeite 2/2

Die ursprüngliche Irritation Katarina Baders über Jureks Art, Geschichten zu erzählen, wird erkenntnisleitend: Wie kann es sein, dass sich die Geschichten von und über Jurek im Laufe der Jahrzehnte immer wieder verändert haben? Wie kommt es, dass Jureks einziger Sohn Tomek diese Geschichten nicht kennt? Und wie kommt es, dass Jureks Gedächtnis sich erst seit dem Ende der neunziger Jahre auf dreißig Geschichten aus Auschwitz konzentriert hat, die alle einen Funken Hoffnung bargen? Im Transport seien in seinem Viehwaggon zwölf Menschen gestorben, an Hitze, Mangel an Wasser und Sauerstoff, an Erschöpfung, so hat Jurek es vor Jahrzehnten erzählt, zuletzt aber hat er gesagt, in seinem Waggon sei niemand gestorben, keiner, denn durch einen Trick sei es ihm geglückt, einen Spalt für etwas Luft zu öffnen.

Auf diesen Trick, die Selbstbestimmung, die Würde und die Solidarität gegen das Grauen obsiegen zu lassen, richten sich alle Geschichten aus, die Jurek im Alter erzählt, und Katarina Bader gelingt es, deren Verwandlung über die Jahrzehnte hinweg an den Quellen zu rekonstruieren: wie Jurek verhindert haben will, dass in seinem Block Kinder starben, obwohl der SS-Mann Windeck nachweislich fortgesetzt Kinder erschlug, die nicht ruhig hielten; wie Jureks Freund Feliks Klecha ihn, wider alle Wahrscheinlichkeit, in einem Misthaufen des Kälberstalls von Auschwitz versteckt haben soll, als er an Typhus zu krepieren drohte; wie er Brotabfälle in der Hose versteckte, um sie zu teilen, obwohl er doch früher erzählt hatte, dass das Christentum mit seiner ewigen Nächstenliebe sich irre, weil in Auschwitz ein jeder Verhungernde Brot gegessen habe, mit dem er einen anderen vorm Verhungern hätte retten können. Jurek hat die Erinnerung so arbeiten lassen, dass das Gedächtnis seine vernichtete Würde wiederhergestellt hat: als Mann, als Bürger, als polnischer Patriot. Als Jerzy Hronowski.

Auf der Suche nach dem schlüssigen Bild von Jureks Leben aber entwickelt Katarina Bader, von einer Begegnung zur nächsten reisend, viel mehr: die Geschichte der Aktion Sühnezeichen wie die der Vertriebenennöte, die des Widerstands wie diejenige der Auschwitzprozesse, diejenige der Solidarność und des Kriegsrechts. Beiläufig wird klar, dass Jurek gar nicht ermordet wurde, aber das ist inzwischen fast eine Nebensache.

Denn im Archiv der polnischen Gauck-Behörde öffnet sich dafür ein unheimlicher Kontinent, den Jurek stets verschwiegen hat: Er hat für den Geheimdienst gearbeitet. Eines Tags, 1965, hatte er eine Gruppe deutscher Stasileute durch Auschwitz geführt, die waren respektlos, es gab eine Schlägerei, und Jurek hätte daher fast seine Arbeit verloren. Wie Bader, entgeistert und angstlos, für den Leser Jureks alte Akte entziffert, um ein vielschichtigeres Bild ihres Freundes zu gewinnen: Das ist meisterlich. Offenbar nur über Westdeutsche hat er unter dem Decknamen »Tomek« berichtet, sagen die Akten. Wie angenehm sie seien, die Kinder einer neuen Generation. Weil ihn der Hass auf die Stasileute überfiel, ist der polnische Bürger Jurek, der nie Kommunist war, als Geheimdienstspitzel tätig geworden. Ausgerechnet so ist er zu seiner eigenen Überlebenserzählung gelangt: der grauenvollen Geschichte des Auschwitzhäftlings, die immer wieder gut ausgeht.

Zuletzt fährt ein Truck mit Jureks ausgewandertem Sohn Tomek am Steuer und Frau Bader als Beifahrerin durch den Mittleren Westen Amerikas. Tomek beginnt zu erzählen. Eine ganz andere Geschichte. In den Abgründen von Jureks privatester Geschichte mit Frau, Sohn und Enkel entstehen für die Historikerin neue offene Fragen. Und es entsteht die Gewissheit, dass man jede Information nur zum Teil versteht, immer nur provisorisch, dass sich jedes Faktum, und sei es noch so zweifelsfrei erwiesen, alsbald in anderem Licht darstellen kann. Dass jede Geschichte sich verändert, solange Menschen sich bemühen, sie zu deuten. Jurek würde sagen: solange sie nicht nur leiden, sondern auch kämpfen. Tomek würde sagen: Alles bloß Worte von einem, der nicht trösten kann und nicht lieben.

Die Geschichte, die hier entsteht, ist ganz am Schluss wieder offen: Man meinte, alles zu wissen, und merkt, etwas fängt jetzt erst an.

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