PiratenAuch ohne Augenklappe gefährlich

Sind sie Feinde, sind sie Verbrecher? Der Literaturwissenschaftler Daniel Heller-Roazen ist den Piraten auf der Spur von Herfried Münkler

© S. Fischer Verlag

Daniel Heller-Roazen hat eine intellektuelle Sprengladung deponiert, deren Gefährlichkeit man erst bemerkt, wenn man das Buch bis zum Schluss gelesen hat. Es geht in den letzten Kapiteln des Buches nämlich gar nicht um die somalischen Piraten, wie man mit Blick auf die aktuelle Diskussion vielleicht erwarten könnte, auch nicht um die romantischen Helden der Südsee oder Karibik, sondern um die Berechtigung der beiden Kriege, die von den USA im zurückliegenden Jahrzehnt geführt worden sind. Der Pirat als »der Feind aller«, wie die von Cicero geprägte Formel lautet, ist danach eine Leerformel, die von tatsächlichen Seeräubern, aber auch von politischen Akteuren besetzt werden kann, die sich selbst außerhalb des Rechtssystems gestellt haben. Es handelt sich bei ihnen dann nicht um Feinde, die als solche anerkannt und nach den Regeln des Kriegsrechts bekämpft werden, sondern um Akteure, die sogar außerhalb des Feindesrechts stehen. Als Cicero den Piraten als »Feind aller« bezeichnete, meinte er damit, dass dieser ein »Feind der Menschheit« sei – nur dass ihm der Gattungsbegriff als rechtsförmige Größe noch nicht zur Verfügung stand.

Die Überlegungen Heller-Roazens, ob die in Nürnberg angeklagte Naziführung womöglich in jener Position zu verurteilen sei, in der man über zwei Jahrtausende den Piraten gesehen hatte, ob Osama bin Laden von der Staatengemeinschaft als ein piratengleicher Akteur zu bekämpfen und, wenn man seiner habhaft würde, rechtlich zu verurteilen sei, bilden den Schluss eines Buches, das mit einer stupenden Gelehrsamkeit einsetzt. Es vollzieht die seit Cicero unternommenen Versuche nach, die Figur des Piraten zu definieren und ihm dabei eine Feindesqualität zu attestieren, die ihn unverwechselbar gegenüber jenen Feinden macht, gegen die man Krieg führt, um anschließend wieder Frieden schließen zu können. Mit dem Piraten als »Feind des Menschengeschlechts«, wie ihn der mittelalterliche Rechtsdenker Bartolus in Zuspitzung der ciceronischen Formel genannt hat, gibt es keinen Friedensschluss. Gegen einen solchen Feind muss »ewiger Krieg« geführt werden. Heller-Roazen legt nahe, dass man in dieser Piratenrolle auch Saddam Hussein als Kriegstreiber im Mittleren Osten sehen könnte.

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Aber ist es nicht doch die Staatsqualität, die in der langen Geschichte der Versuche, zu einer völkerrechtlich befriedigenden Definition des Piraten zu gelangen, durchweg die Differenz zwischen Pirat und Feind (lat. hostis) ausgemacht hat? Dann ließe sich Saddam Hussein, wie auch immer man den Weg beurteilen mag, der ihn an die Spitze des Iraks geführt hatte, nicht als »Feind aller« bezeichnen. Ausführlich stellt Heller-Roazen die Praxis einiger Staaten der frühen Neuzeit dar, Kapitäne von Kriegsschiffen mit Kaperbriefen auszustatten und ihnen den Auftrag zu geben, die Schiffe anderer Länder aufzubringen, sie auszurauben oder als Prise zu nehmen. Was sonst ein glatter Akt von Piraterie gewesen wäre, war dies durch die Kaperbriefe nicht, denn nun handelten die Kapitäne im Auftrag eines Souveräns, und Staaten konnten per definitionem keine Piraterie betreiben. Im Kampf mit den von den nordafrikanischen Staaten aus operierenden Seeräubern haben sich einige Mittelmeerstaaten freilich auch durch Kaperbriefe nicht daran hindern lassen, die Kontrahenten als Piraten zu behandeln – um das zu ermöglichen, ließen sie Überlegungen anstellen, ob man den Barbareskenstaaten nicht die Staatsqualität aberkennen könne. Heller-Roazen gibt zu bedenken, ob die moderne Formel vom Staatszerfall womöglich ähnliche Folgen habe.

Es war jedenfalls kein förmlicher Krieg, der bei der Bekämpfung von Piraten in Gang gesetzt wurde, sondern ein Zwischending, mit dessen präziser Bezeichnung sich die Juristen schwertaten. Für einige Zeit lösten sie das Problem, indem sie Linien in die Weltmeere einzeichneten, die eine Grenze schufen zwischen den Räumen, in denen staatlich lizenzierte Kaperei an der Tagesordnung war, und jenen Räumen, in denen der je in Europa geltende Friede herrschte und respektiert wurde.

Daniel Heller-Roazen ist kein Jurist, sondern lehrt in Princeton vergleichende Literaturwissenschaft. Das ist für seinen Zugriff auf das Problem eher ein Vorteil, weil so das Interesse nicht mit dem dogmatischen Bescheid des völkerrechtlich Verbindlichen beendet wird, wie bei Juristen häufig der Fall, sondern der Autor den Verwicklungen einer langen Debatte nachgeht, bei der die Gestalt des Piraten zur offenen Bezeichnung für all diejenigen wurde, die der Rechtsfigur des Feindes nicht subsumiert werden konnten oder sollten. Damit ist der Bezug zu den nach wie vor in Guantánamo festgehaltenen »illegalen feindlichen Kämpfern« klar, denen eine Behandlung nach den Bestimmungen der Genfer Konvention verweigert wird.

Der Pirat ist von grundsätzlicher Relevanz für die völkerrechtliche Theorie wie die politische Praxis, weil er weder als Feind anerkannt noch als Verbrecher behandelt wird. Er figuriert als der in einem binären System problematische Dritte. Heller-Roazen hat dieser Gestalt über zwei Jahrtausende nachgespürt und aus dem Problem des Dritten einige überraschende Schlussfolgerungen gezogen. Dabei hat er sich im Übrigen immer wieder auch mit Carl Schmitt auseinandergesetzt, der nicht nur in seinen völkerrechtlichen Arbeiten auf den Piraten zu sprechen gekommen ist, sondern auch eine Theorie des Partisanen vorgelegt hat, in der die Erdverbundenheit des Partisanen, sein »tellurischer Charakter«, wie Schmitt das nennt, zum definitiven Unterscheidungsmerkmal gegenüber dem Piraten dient, den es nur auf dem offenen Meer gibt.

Heller-Roazen hat nun zu zeigen versucht, dass das Terrain seit dem späten 20. Jahrhundert nicht mehr so fest ist, wie Schmitt angenommen hat. Und auch wenn man mit Heller-Roazens politischen Schlussfolgerungen nicht einverstanden ist: Es handelt sich hier um ein ebenso gelehrtes wie kluges Buch, das hierzulande, wo man sich mit der Gestalt des Piraten wenig beschäftigt hat, weil der Blick aufs Land gerichtet war, manches zu klären vermag.

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Leserkommentare
    • th
    • 19. Juli 2010 16:39 Uhr

    welche, von England unterstützt, die spanischen Seewege in die Kolonien unsicher machten, ist es fraglich, ob das britische Kolonialreich seit dem 17. Jhdt. eine solche Dominanz erreicht hätte, und sich im Anschluß daran die USAmerikanische Weltmacht derartig entwickelt hätte.

    Anscheinend kann eine aufsteigende Macht Piraten gegen die herrschenden Mächte gut gebrauchen - ist dann aus dem Aufsteiger ein Herrscher geworden, müssen die Piraten allerdings energisch bekämpft werden. Ähnlich ist es wohl auch mit "Partisanen", "Revolutionären", "Mudjaheddin" u.ä.

    Alles eine Frage der Perspektive.

  1. Die Überlegungen Heller-Roazens, ob die in Nürnberg angeklagte Naziführung womöglich in jener Position zu verurteilen sei, in der man über zwei Jahrtausende den Piraten gesehen hatte, ..., bilden den Schluss eines Buches, das mit einer stupenden Gelehrsamkeit einsetzt.

    Den Trichter, den man mir auf den Kopf gesetzt hatte, gebrauche ich schon lange als Hut.

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  • Schlagworte Saddam Hussein | Carl Schmitt | Osama bin Laden | Cicero | Irak | USA
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