Die mikroskopische Aufnahme zeigt eine menschliche Eizelle © Ralf Hirschberger/dpa

Wer auf natürliche Weise kein Kind zeugen kann, sucht oft erst spät Hilfe beim Fertilitätsmediziner – und verschweigt dies. Denn künstliche Befruchtung ist mit Scham besetzt. Auch in der Politik gilt: Nur nicht an das heikle Thema rühren! Das deutsche Embryonenschutzgesetz , eines der strengsten der Welt, stammt von 1990, quasi aus dem Mittelalter der Reproduktionsmedizin . Schon damals blieb aus politischer Uneinigkeit Wichtiges ungeregelt. Seitdem hat sich die Medizin rasch entwickelt. Heute stehen neue Techniken bereit, um unfreiwillig Kinderlosen zu helfen oder um schwerwiegende Erbkrankheiten im Vorfeld festzustellen.

Zwar haben Betroffenenverbände und Ethiker, Juristen und Mediziner die alten Regelungen immer wieder als "widersprüchlich", "patientenfeindlich" und "völlig veraltet" kritisiert. Doch alle Versuche, ein Fortpflanzungsmedizingesetz auf Höhe der modernen Heilkunst zu erlassen, sind bislang im Sande verlaufen – letztlich aus politischer Scheu. Seit zwei Jahrzehnten.

Nun könnte ein Gerichtsurteil die Politik zwingen, sich der Thematik grundsätzlich zu widmen. Am Dienstag sprach der Bundesgerichtshof in Leipzig einen Arzt frei – und widersprach damit diametral der vorherrschenden Rechtsauslegung, wonach die Untersuchung auf Erbschäden bei künstlich befruchteten Keimlingen gegen das deutsche Embryonenschutzgesetz verstoße. Zwar liegt die ausführliche schriftliche Begründung des BGH noch nicht vor. Doch schon jetzt ist klar: Die Entscheidung ist ein Paukenschlag in einer der langwierigsten Ethikdebatten der Bundesrepublik.

Ein heute 47-jähriger Berliner Gynäkologe hatte Präzedenzfälle geschaffen und bei drei erblich vorbelasteten Paaren Gentests an Embryonen vorgenommen. Anschließend pflanzte er den Frauen nur jene Embryonen ein, die keinen Erbdefekt aufwiesen.

Ein solcher Gencheck (Präimplantationsdiagnostik, kurz PID, Klicken Sie hier für eine Infografik ) war nach Auffassung der meisten Juristen und Ärzte in Deutschland verboten. Zwar wird die PID im Embryonenschutzgesetz gar nicht erwähnt, denn es datiert aus einer Zeit, als die Technik noch kaum bekannt war. Generell verbietet das Gesetz aber alles, was bei einem in vitro erzeugten Embryo auf einen "nicht seiner Erhaltung dienenden Zweck" abzielt. Das ist ebenso abstrakt wie interpretationsbedürftig.

Die Richter im Fünften Senat des obersten deutschen Strafgerichts haben entschieden, dass die Embryonenauswahl durchaus erlaubt ist. Seit Jahren hatten liberale Experten dies propagiert, solange die Ärzte sich an gewisse Regeln halten. Die wichtigste Voraussetzung: Man darf für die Chromosomenanalyse keine "totipotenten Zellen" benutzen, die selbst noch die Fähigkeit haben, zu einem Menschen zu werden. Vielmehr gilt es – wie der beschuldigte Berliner Arzt es getan hatte –, einige Tage zu warten, bis der Embryo aus "pluripotenten Zellen" besteht. Aus einer von ihnen können sich zwar noch verschiedene Gewebe und Organe entwickeln, jedoch kann kein vollständiger Embryo mehr entstehen (siehe Grafik). Deshalb dürfe man hier straffrei eine Zelle abtrennen und auf Unregelmäßigkeiten untersuchen. Stelle sich dann heraus, dass der Embryo belastet ist, könne keine Frau gezwungen werden, ihn auszutragen.