Martenstein "Ich habe immer noch die Namen meiner Kritiker im Gehirn gespeichert"

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen

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Ich bin nicht oft mit anderen Autoren zusammen. Aber vor ein paar Wochen war ich zu einem Schriftstellerwochenende eingeladen. Die Kollegen dort waren alle ziemlich bekannt, man respektiert sie, einige hatten Bestseller verfasst. Am Abend, bei Bier und Wein, erwähnte einer der Autoren einen Verriss, der über eines seiner Werke erschienen ist. Er konnte sich nicht nur an den Namen des Verfassers erinnern, nein, er wusste auch noch den Erscheinungstag auswendig: Es war ein Tag des Jahres 2001. Daraufhin meldete sich ein zweiter Autor zu Wort und erzählte ebenfalls über einen Verriss. Auch er kannte nicht nur den Namen des Täters, sondern dazu auch das Datum der Veröffentlichung.

Im ersten Moment war ich fassungslos. Diese Männer hatten in ihrem Beruf zweifellos eine Menge erreicht, die beiden Verrisse waren, aufs Ganze gesehen, völlig unbedeutend und eine Ewigkeit her. Kann man denn wirklich so nachtragend sein? Aber dann fiel mir der Roman ein, den ich vor ein paar Jahren veröffentlicht habe. Er wurde gelobt, er war kein Flop, aber auch ich weiß noch genau, welche beiden Kritiken negativ waren. Ich habe immer noch die Namen der Kritiker in meinem Gehirn gespeichert, zum Glück wenigstens nicht das Datum. Die Verrisse waren nicht bösartig oder persönlich, einige Kritikpunkte leuchteten mir sogar ein – ich war den Verfassern, eigentlich, nicht gram. Aber ich habe sie mir gemerkt.

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Ist das nicht Wahnsinn? Ich vergesse normalerweise Namen sehr schnell. Ich stehe auf Partys herum, begegne alten Bekannten und weiß nicht mehr, wie sie heißen. Ich kann doch einem alten Bekannten aus der Studentenzeit nicht sagen: »Geh zur Süddeutschen, oder zur taz, schreib einen Artikel, schreib, dass ich seit Jahren nur Schwachsinn produziere, die elementarsten Regeln der deutschen Sprache missachte, ein frauenfeindlicher Reaktionär bin. Dann, mein Bester, wird mir dein Name auf allen Partys meines Lebens und auch noch beim Jüngsten Gericht sofort einfallen.«

Mir fiel eine Geschichte ein, die mir meine Oma erzählt hat. Ein Zoobesucher hatte einen Elefanten gefüttert, und dann, als der Elefant zutraulich geworden war, hatte dieser Mann auf dem empfindlichen Elefantenrüssel eine Zigarette ausgedrückt. Jahre später ging der Mann erneut in den Zoo. Der Elefant erinnerte sich, packte den Mann und brach ihm irgendwas, den Arm vielleicht. Das ist bestimmt nur eine Legende. Aber bei dem letzten Klassentreffen, an dem ich teilgenommen habe, konnten sich alle am besten an die extrem strengen oder sogar leicht sadistischen Lehrer erinnern, die netteren Lehrer hingegen waren längst im Nebel der Geschichte verschwunden.

Im Internet stieß ich auf ein Interview des ehemaligen Nationaltorhüters Oliver Kahn. Er sagte, dass er sich seltsamerweise kaum an die Bälle erinnern könne, die er gehalten hat, während ihm viele Bälle, die er nicht gehalten hat, bis heute in Erinnerung seien. Das Spiel, das er in seiner Erinnerung am klarsten vor Augen habe, sei ohne jeden Zweifel die Niederlage seines Vereins Bayern München gegen Manchester United im Champions-League-Finale. Es betrifft nicht nur Autoren, Schüler und Elefanten. Es betrifft auch Torhüter.

Und nun zu meinem heutigen Thema. Seit einigen Jahren werden alle Texte, die man in der ZEIT publiziert, ins Internet gestellt und dort kommentiert. Jede Woche liest man als Autor Kritiken, positive und negative. Auch mal sehr negative.

Alles, was ich sagen will, ist: Ich vergesse alles Positive, aber den Rest merke ich mir. Ich vergesse nichts, niemals. Und eines Tages kriege ich euch alle. Fühlt euch nie sicher.

 
Leser-Kommentare
    • 42317
    • 08.07.2010 um 10:22 Uhr

    Wunderschöne Darlegung.
    Ist nicht das Erkennen und folgliche Vermeiden negativer Situationen der bedeutendste Lernfaktor in der Geschichte des Menschen? Das, was man kurz "Lernen durch Schmerz" nennt? Ich halte es daher nicht für weiter verwunderlich, dass man sich an geschlagene Wunden besser erinnert, als an die Wohltaten - obwohl es uns allen gut täte, wenn es umgekehrt wäre. Ich bekomme das nicht so gut hin, wie ich das möchte, aber immerhin merke ich mir die guten Dinge mindestens genauso gut. Glaube ich jedenfalls.

    Und was den Elefanten betrifft: Da gab's doch in den Neunzigern eine Fernsehwerbung mit dem Thema. Kleiner Junge triezt kleinen Elefanten während der Zirkusparade. 20 Jahre später der gleiche Zirkus in der Stadt, der Elefant erkennt den Schuldigen wieder und, keine Ahnung, verpasst ihm eine Dusche oder so was.
    Der Begriff "Elefantengedächtnis" kommt ja nicht von irgendwoher.

  1. Ich sehe das so: "Leute mit kleinem Gedächtnis finden immer alles sofort. Ich habe ein großes Gedächtnis."
    Als Ich-kann-Schule-Lehrer sehe ich, dass wir in der Du-musst-Schule von Anfang an mit unseren Fehlern getriezt werden. Bis man aus der Schule kommt, ist man bis zum Horizont von unangenehmen Erlebnissen mit Fehlern umgeben. Das prägt. Umprägen geht aber auch.
    Ich grüße freundlich.
    Franz Josef Neffe

  2. Ich kann diese Behauptungen in diesem Artikel in keinster Weise nachvollziehen. Weder mit dem Stil noch mit dem Inhalt kann ich etwas anfangen.

    Mein Name ist Daniel, treffen wir uns doch mal auf ein Bier in ein paar Jahren. :)

    PS: sehr schöner Artikel...

  3. ist halt berufsrisiko. ansonsten typisch menschlich aber normale schwäche. sie machen das schon ganz gut ;)

  4. Dass man sich nur die negativ besetzten Namen merkt, ist mir noch gar nicht so aufgefallen.
    Bei mir ist es eher so, dass ich mir Neues so schlecht merken kann, weil mein ganzer Gehirnspeicherplatz mit Folgen von Benjamin Blümchen, Alf oder den Dialogen von Disneyfilmen belegt ist. Das kann ich alles noch auswendig, aber wehe, ich soll mir drei neue Namen auf einmal merken.

  5. Hallo Herr Martenstein,
    Wissen Sie was? Ihr Artikel ist schlecht. Sogar grottenschlecht. Das ist so klar, dass ich's nichtmal begründen muss. So. Das ist aber nicht das Wichtigste.
    Das Wichtigste ist: Ich kann mich ganz sicher vor Ihnen fühlen. Obwohl Sie mir hier in Berlin schon mehrfach über den Weg gelaufen sind!
    Sie kriegen mich nicht. Bei ZEIT Online fordern noch ganz, ganz andere Leute meinen Kopf. Schon lange ist das so. Aber ich wäre ja kein Spitzbub mehr, wenn jeder Hergelaufene mich zu packen kriegte.

  6. Lieber Harald Martenstein,

    nein, eine negative Kritik kann ich an Ihren Glossen nicht üben. Ganz im Gegenteil, das, was Sie schreiben, ist immer irgendwie originell, trocken, witzig oder hintersinnig. Das führt dazu, dass ich Ihre Seite im Zeit-Magazin regelmäßig und gern lese.
    Aber eine Sache wäre da doch. Seit geraumer Zeit wird die Seite, Ihre Seite, durch Zeichnungen von Fengel illustriert. Ich muss sagen, dass ich mit dem Strich, den der Zeichner hat,den Inhalten, die er vermitteln will, gar nichts anfangen kann. Ich finde sogar die Zeichnungen abschreckend. Sie sehen unbeholfen und unprofessionell aus. Als hätte ein Kind gezeichnet. Schade. Der Vorgänger-Zeichner war in seiner Botschaft viel treffender.

  7. aber wer wird denn gleich, lieber Herr Martenstein...?

    Nur ruhig bleiben! Sie wollen doch alle eine Resonanz haben...wer wird denn da mit der bösen Keule schwingen?

    Kritischeres Feedback tönt eben anders als harmonisch-monotoner Beifall, oder meine Sie nicht, geschätzter M.?

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