DIE ZEIT: Die deutsche Agrarforschung wurde sträflich vernachlässigt, im Herbst will die Bundesregierung eine neue Strategie vorstellen. Was ist Ihr Idealbild künftiger Landwirtschaft?

Reinhard F. Hüttl: Sie wird jedenfalls in Zukunft über Ackerbau und Viehzucht weit hinausgehen. Vor allem der Klimawandel stellt uns vor immense Herausforderungen; wir brauchen Biomasse als Ersatz für fossile Rohstoffe. Weltweit wächst der Wohlstand und damit die Nachfrage nach höherwertigen Lebensmitteln. Wir müssen das vorhandene Ackerland effektiver nutzen. Da heißt die Antwort: Bioökonomie.

Urs Niggli: Aber der eigentliche Wandel ist doch, dass wir uns nach Jahrzehnten des Überflusses neuer Knappheit bewusst werden; einer Knappheit der Energie, des Wassers, der Böden, die durch den Klimawandel verstärkt wird. Für die natürlichen Ressourcen Sorge zu tragen, wie wir es im Ökolandbau von jeher tun, muss Vorrang bekommen. Die Bioökonomie betont dagegen weiter die kurzfristige Wettbewerbsfähigkeit.

Hüttl: Das ist zu kurz gesprungen. Unser Konzept basiert wesentlich auf langfristigen Wertschöpfungsperspektiven, und es gibt keine Bioökonomie ohne Nachhaltigkeit. Auch die Ressourcenproblematik werden wir adressieren.

ZEIT: Wie harmonisch– sind Sie sich so einig?

Niggli: In der Analyse schon, alle forschen heute unter der Prämisse der Nachhaltigkeit. Die landwirtschaftliche Praxis aber belastet die Ökosysteme immer stärker. Daran muss sich die Forschung messen. Da werde ich immer ungeduldiger.

Hüttl: Die Umweltbelastung ist immerhin aufgrund des wissenschaftlichen Fortschritts schon zurückgegangen. Wir betreiben heute eine Präzisionslandwirtschaft mit schonenden Maschinen und einem gezielteren Einsatz von Düngemitteln. So konnten die Erträge trotz geringerer Ressourcenbelastung weiter steigen. Und Ertragssteigerungen brauchen wir auch, wenn wir im Jahr 2050 neben der Erzeugung von Energiepflanzen und Biomasse für die Chemieindustrie neun Milliarden Menschen ernähren wollen, die alle vielfältig essen möchten.

Niggli: Nicht diese neun Milliarden Menschen begründen das ökologische Desaster, sondern die bis zu 30 Milliarden Nutztiere, die dann im Jahr 2050 Eier, Milch und Fleisch liefern sollen.

Hüttl: Auf einen Wandel des Ernährungsstils kann man aber leider nicht bauen – zumal wir selbst in dieser Hinsicht kein Vorbild sind. Deshalb sollten wir in der EU mehr Geld in Forschung und Entwicklung als in Agrarsubventionen investieren.

Niggli: Aber es wird keine Technologie geben, die 30 Milliarden Nutztiere umweltfreundlich macht! Wissenschaftler müssen endlich die Grenzen, welche unser Planet der Umweltbelastung setzt, respektieren und in ökologischen Systemen denken. Wir müssen quer durch die Disziplinen zusammenarbeiten, Bauern und Fachleute hinzuziehen, die auf dem Acker aktiv sind. Stattdessen arbeiten wir weiter hoch spezialisiert in Einzeldisziplinen.

Hüttl: Von jedem Forscher zu erwarten, dass er den gesamten Kontext beherrscht, ist einfach nicht realistisch. Vor allem: Die Systeme, innerhalb derer Sie wirtschaften wollen, kennen wir viel zu wenig. Denken Sie an das Waldsterben vor 25 Jahren. Damals hieß es: Ein Schadstoffproblem, der Boden versauert. Erst später wurde erkannt, dass Entschwefelungsanlagen und Katalysatoren nur Teile der Lösung waren; dass wir auch den Wald mit mehr Laubbäumen ökologisch stabilisieren mussten. Das notwendige Wissen über die Stoffkreisläufe verdanken wir der Spezialisierung. Ich bin ein Anhänger der Methodenentwicklung. Wir müssen in die Tiefe gehen.

Niggli: Ich spreche doch keiner Oberflächlichkeit das Wort! Ich versuche, die Tiefe moderner Forschungsmethoden und die horizontale Vernetzung der Fächer in Einklang zu bringen. Spezialisten müssen miteinander reden, die Institutionen müssen sich zusammentun. Auch wenn das mehr kostet.