In den Streit um das Erbe von Max Brod und um Manuskripte von Franz Kafka, die Brod seiner Sekretärin Esther Hoffe geschenkt hatte (ZEIT Nr. 48/09), kommt erneut Bewegung. Der Oberste Gerichtshof Israels hat nun angeordnet, dass der amtlich bestellte Nachlassverwalter den Tresor von Esther Hoffes Töchtern Eva und Ruth bei der UBS in Zürich öffnen lassen soll. Als Termin wurde der 18. Juli festgesetzt. Ein Wissenschaftlerteam unter Leitung der Literaturprofessorin Itta Shedletzky soll dann zunächst ein Inventar des Inhalts aufstellen.

Hintergrund der Entscheidung, der zwei vergebliche Einsprüche von Eva Hoffe vorausgegangen waren, ist ein Erbstreit zwischen den Töchtern und der israelischen Nationalbibliothek. Das Institut versucht seit rund einem Jahr mit wechselnden Argumenten, die Ausstellung eines Erbscheins für die beiden Hoffe-Schwestern zu verhindern und in den Besitz jener Kafka-Handschriften zu gelangen, die einst Max Brod gehört hatten und die die Hoffe-Schwestern nun gern ans Deutsche Literaturarchiv in Marbach verkaufen würden.

Das wäre ihr gutes Recht. Unabhängige Experten, der israelische Staatsarchivar Paul Alsberg und das Kreisgericht Tel Aviv (Aktenzeichen 245/69) hatten schon 1974 anerkannt, dass die Autografe nie Teil eines Nachlasses, sondern seit spätestens 1945 Privatbesitz waren. Max Brod hatte sie damals, wie unlängst erneut als echt anerkannte und der ZEIT in Kopie vorliegende Urkunden belegen, noch zu Lebzeiten an Esther Hoffe und diese hatte sie an ihre Töchter verschenkt. Seit 1956 liegen die wertvollen Dokumente in dem Bankschließfach in Zürich. Trotzdem wurde in der Vergangenheit mehrfach wider besseres Wissen behauptet, Eva Hoffe bewahre in ihrer angeblich verwahrlosten Wohnung angeblich nationales Kulturgut auf. Nach der Kampagne, die vor allem die Tageszeitung Ha’aretz betrieb, wurde bei der 76-Jährigen innerhalb kürzester Zeit zweimal eingebrochen, und es wurden Dokumente gestohlen. Einer der Täter verlor dabei sogar ein Mobiltelefon, wurde aber seltsamerweise trotzdem nicht gefasst.

Der Anwalt der Nationalbibliothek, Meir Heller, argumentiert nun gegenüber der ZEIT, im Laufe des Erbscheinverfahrens seien »klare Indizien« dafür zutage getreten, dass es im Hinblick auf die wertvollen Kafka-Autografe »keine Geschenke«, dafür aber in den siebziger Jahren eine »Serie ernsthafter falscher Bewertungen« gegeben habe. Der Jurist bezieht sich auf den Schenkungsbrief an Esther Hoffe von April 1952. Tatsächlich schreibt Max Brod darin etwas ungeschickt von seinem »ganzen literarischen Nachlass, (...) wozu natürlich auch die in meinem Besitz und Eigentum befindlichen Briefe und Manuskripte Kafkas zu rechnen sind«.

Schon im folgenden Halbsatz stellt er dann aber zweifelsfrei klar: »von denen ich Dir schon zu Lebzeiten den Großteil geschenkt und in Deine Hände übergeben habe«. Ebendies hatte das Kreisgericht schon vor 26 Jahren anerkannt. Warum dessen Urteil nun keinen Bestand mehr haben soll, sagt Heller nicht – als wär’s eine Geschichte von Kafka.

Man sei im Gerichtsverfahren in Israel nur Beobachter, betont erstaunlich zurückhaltend der Direktor des Deutschen Literaturarchivs, Ulrich Raulff. Sein Haus hatte 1988 schon für eine Million Pfund die Kafka-Handschrift des Prozeß aus Hoffe-Besitz ersteigert. Er habe erst vor drei Wochen bei einem Besuch in Israel deutlich gemacht, dass man keine Partei sein wolle.