ZEITmagazin: Herr Sarrazin, Sie sind als pointierter Zuspitzer berühmt und berüchtigt. Als Guido Westerwelle von »spätrömischer Dekadenz« sprach, was haben Sie da gedacht?

Thilo Sarrazin: Westerwelles Rede von der spätrömischen Dekadenz hatte den falschen Zungenschlag.

ZEITmagazin: Gerade Sie sagen so etwas?

Sarrazin: Ein scharfer Zungenschlag ist etwas anderes als ein falscher. Wenn ich auf einen schiefen Nagel haue, dann wird er krumm. Sitzt er aber gerade und ich haue drauf, ist er vollständig versenkt. Westerwelles Bemerkung war sachlich eine schiefe Analyse, die erkennbar an der Lebenswirklichkeit vorbeiging.

ZEITmagazin: Gab es in Ihrem Leben kritische Momente, in denen Sie gerettet werden mussten?

Sarrazin: Es gab eine Situation. Ich war damals Vorstand bei der DB Netz AG, zuständig für die Infrastruktur. Hartmut Mehdorn hatte mich geholt, ich sollte den berühmten Kassensturz durchführen. Damit machte ich mir viele Feinde, zum Beispiel den Finanzvorstand. Irgendwann sagte Mehdorn: »Die haben ständig Ärger mit dem Sarrazin und der mit denen« – und ich war draußen.

Alle Interviews aus der Serie des ZEITmagazins zum Nachlesen

ZEITmagazin: Hat Sie der Rauswurf überrascht?

Sarrazin: Ja, denn ich war auf einem inhaltlich sehr erfolgreichen Weg, und Mehdorn hatte mir Rückendeckung zugesagt. Dann hat er mich trotzdem fallen lassen. Und plötzlich stand ich mit 56 Jahren da und hatte nichts zu tun. Um Golf zu spielen oder nach Mallorca umzuziehen, war ich zu jung. Da kam ein Anruf von Wowereit, der mich fragte, ob ich Finanzsenator werden wollte.

ZEITmagazin: Na ja, ich würde das eher einen Karriereschritt nennen als eine Rettung.

Sarrazin: Es war jedenfalls nicht meine Lebensplanung. Daraus wurden sieben Jahre, die durchaus ein Höhepunkt in meinem Leben waren.