Stillen oder wickeln? »Ich würde ihr erst die eine Brust geben, sie wickeln und dann auf der anderen Seite weiterstillen«, sagt Jens Unger – »also, wenn ich stillen würde.« Das kleine Zögern fällt Nadine Höfling nicht auf. Sie hört Unger aufmerksam zu. Der 43-Jährige ist heute zum dritten Mal, seit sie Mutter wurde, bei ihr. Gerade hat er ihr gezeigt, wie die zehn Tage alte Lilly zu baden ist, und empfohlen, die schuppige Haut des Babys einzuölen. »Die Haut erneuert sich, das dauert nun mal seine zwei bis drei Wochen.« Mit der Heilung der Kaiserschnittnarbe ist Unger zufrieden, er beantwortet noch einige Fragen zum Stillen und den Blähungen des Babys, bevor er die junge Mutter wieder verlässt und nach Hause zur eigenen Familie fährt. Ein Hebammenbesuch wie Tausende andere. Mit dem Unterschied, dass diese Hebamme ein Mann ist.

Jens Unger ist, so die korrekte Bezeichnung, der einzige Entbindungspfleger in Deutschland. Mit seiner Frau Wanda führt er, neben seinem Job als Dozent an der Bavaria-Klinik in Kreischa, eine Hebammenpraxis in Dresden-Johannstadt und betreut dort Schwangere und Mütter im Wochenbett. Es ist eine Arbeit, die wohl nur die wenigsten Berufsberater auf dem Zettel haben, wenn sie mit jungen Männern über deren Zukunftsperspektiven sprechen.

Auch Ungers Weg in den Kreißsaal verlief nicht gerade. Nach dem Abitur begann er ein Jurastudium. Nach zwei Semestern schmiss er hin und ging als Hilfspfleger ins Krankenhaus. Dort hatte er die Wahl zwischen Augenklinik und Geburtshilfe – und entschied sich für den Ort, den viele Männer nur aus Liebe zu ihrer Frau ertragen. »Ich bin ganz langsam in diese Welt hineingewachsen. Ich habe mit den letzten Hilfsarbeiten angefangen und irgendwann den Frauen bei der Geburt die Hand gehalten.« Ungers Stimme klingt glücklich, wenn er von dieser, seiner Welt erzählt. Damals aber sei er an die Grenzen dessen gestoßen, was man als Hilfspfleger tun durfte. »Und auf einmal klingelte es nach einer Schicht bei mir an der Wohnungstür. Da standen meine beiden Kreißsaalärzte und fragten: Jens, willst du nicht eine Ausbildung anfangen?«

Wenn Sie sich den Arm gebrochen haben, hilft es Ihnen auch nicht, wenn der Chirurg schon mal eine Fraktur hatte. Genauso ist es in der Geburtshilfe.
Jens Unger, Hebamme

So landete Unger an der Hebammenschule und traf dort auf seine jetzige Frau Wanda. Die 36-Jährige sagt: »Ich habe mir darüber gar keinen Kopf gemacht, dass da jetzt ein Mann in unserem Kurs war.« Wer sich unter Dresdner Hebammen umhört, merkt schnell, dass nicht alle so gelassen reagierten. Es sei schon etwas seltsam gewesen, einen Mann im Kurs zu haben, erinnert sich eine Teilnehmerin, die nicht namentlich zitiert werden will: »Wir haben uns gefragt, wieso der ausgerechnet diesen Job machen will. Für die meisten von uns war klar, als Patientinnen würden wir einen Mann nicht an uns ranlassen.«

Seit 1985 dürfen auch Männer auf Hebammenschulen – theoretisch

Wanda Unger ist gut zwei Köpfe kleiner als ihr Mann, aber entschlossen, ihn gegen alle Anfeindungen zu verteidigen: »Wenn Frau Müller aus Posemuckel einen Fehler macht, dann ist das so. Wenn der Herr Unger mal Mist baut, dann wissen das gleich alle – und viele sehen sich darin bestätigt, dass er als Mann den Beruf sowieso nicht richtig ausüben kann.« Er habe sich an den Gedanken gewöhnt, sagt Jens Unger, dass er es einigen seiner Kolleginnen nie recht machen wird, »ganz egal, was ich tue«. Auf das Vorurteil, dass er als Mann nicht wissen könne, wie es sich anfühle, ein Kind zur Welt zu bringen, hat der Vater zweier Kinder eine klare Antwort: »Wenn Sie sich den Arm gebrochen haben, hilft es Ihnen auch nicht, wenn der Chirurg schon mal eine Fraktur hatte. Genauso ist es in der Geburtshilfe. Eine Geburt muss funktionieren – unabhängig von der Chromosomenkonstellation der Geburtshelfer.«

Dass auch Männer die dreijährige Ausbildung in den Hebammenschulen absolvieren dürfen, mag seit 1985 gesetzlich geregelt sein, ist aber bloße Theorie. Zumal der Hebammenverband klar zu verstehen gibt, dass die Zunft weiblich sei und es auch bleiben werde. Tatsächlich ist das leicht zu steuern: Wenn es für jeden angebotenen Platz mehr als 50 Bewerber gibt, lässt sich für jeden männlichen Interessenten eine Frau finden, die im Auswahlverfahren besser geeignet scheint. Die viel zitierten, oft nur gefühlten Soft Skills geben dann den gewünschten Ausschlag.

Die meisten Frauen wünschten eben eine »geschlechtssensible Begleitung« rund um die Geburt, sagt die Sprecherin des Verbands, Edith Wolber; genauso wie sich die meisten Männer lieber von einem männlichen Urologen behandeln ließen.