Man kann sofort einziehen in das Haus der wilden Gerüchte. Im Dachgeschoss ist eine Wohnung frei. Riemannstraße, Leipziger Südvorstadt. Bis ins Zentrum läuft man fünf Minuten. Zwei Zettel neben der Eingangstür preisen das Parkett, die offene Küche mit amerikanischem Kühlschrank und zwei Terrassen. "Die Wohnung steht seit Monaten leer", sagt eine Nachbarin. Früher habe die Eigentümerin mit ihrem Mann darin gewohnt. "Sympathische Leute. Sie haben noch nie die Miete erhöht." Es klingt wie: Wer weniger als fünf Euro je Quadratmeter verlangt, kann kein schlechter Mensch sein.

Und doch beschäftigt sich ein neuer Untersuchungsausschuss im Landtag unter anderem mit dem Gründerzeithaus und seinen Besitzern. Es geht mal wieder um den sogenannten Sachsensumpf, der vor drei Jahren bundesweit Schlagzeilen machte. Von einem Netzwerk aus kriminellen Juristen, Politikern und Polizisten war damals die Rede. Von Amtsmissbrauch, Bestechung und Korruption. Innenminister Albrecht Buttolo (CDU) warnte schrill: "Die organisierte Kriminalität wird zurückschlagen, weil wir sie zerstören wollen." Und die schwarz-rote Landesregierung versprach Aufklärung, doch nach einigen Ermittlungen galt die Affäre Anfang 2008 als erledigt. "Nur heiße Luft", beteuerte der damalige Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU).

Nun will die Opposition nachbohren. "Vielleicht hat die Landesregierung ein Verschleierungsszenario aufgezogen", sagt Johannes Lichdi (Grüne). Seit zwei Wochen prüfen er und 18 weitere Abgeordnete wieder Akten. Mehr als 15.000 Seiten hatte Sachsens Verfassungsschutz unter teils fragwürdigen Umständen gesammelt. Nur ein Bruchteil konnte von den Politikern bis zum Ende der vorigen Legislaturperiode ausgewertet, lediglich 35 von 80 Zeugen konnten vernommen werden. Trotzdem glaubt nicht einmal der Ausschussvorsitzende Klaus Bartl von den Linken, dass sich noch Beweise für ein sachsenweites korruptes Netzwerk finden. "Aber Anhaltspunkte für lokale kriminelle Netzwerke sehe ich durchaus."

Das nächste Mal treffen sich die Abgeordneten am 11. August. Sie werden dort ansetzen, wo der erste Ausschuss vor gut einem Jahr aufgehört hat – bei den Vorgängen in Leipzig, die der Verfassungsschutz unter dem Namen "Abseits III" zusammentrug. Die Geschichten daraus klingen tatsächlich etwas abseitig. Und immer wieder führen sie über verschlungene Wege zu dem Gründerzeithaus.

Mitte der neunziger Jahre hatte die Münchner Rechtsanwältin Sieglinde Buchner-Hohner das marode Gebäude gekauft. Sie zahlte dafür an die Leipziger Wohnungs- und Baugesellschaft (LWB) 360.000 Mark. Zwei bayerische Immobilienmakler gingen leer aus, obwohl sie mit 680.000 Mark fast das Doppelte geboten hatten.

Später wurde der für den Verkauf zuständige LWB-Manager vor seiner Wohnung niedergeschossen und dabei lebensgefährlich verletzt. Ein Racheakt der unterlegenen Bieter. Ein Leipziger Gericht verurteilte die Attentäter zu lebenslanger beziehungsweise zu zwölf Jahren Haft. Ihre später ermittelten Auftraggeber kamen mit einer Zahlung von 2500 Euro davon. Die extrem unterschiedlichen Urteile fanden einige Juristen und Journalisten schon damals merkwürdig.

Sachsensumpf? "Davon habe ich gehört", sagt die Mieterin im zweiten Stock. Was das mit ihrem Haus zu tun haben soll? Sie zuckt mit den Schultern. "Ich lese kaum Zeitung. Aber sehen Sie die feinen Risse im Flur?", fragt sie und zeigt auf eine blassgrün gestrichene Wand. "Die finde ich schon ärgerlich." Ein Nachbar habe außerdem Probleme mit der Dusche. Die Mittvierzigerin steht im Treppenhaus wie im Auge eines Taifuns. Rund um das Haus wirbelt jede Menge Staub. Aber im Zentrum bekommt man davon nichts mit. 

Ende 2009 wurde ein Bericht des Sächsischen Rechnungshofes öffentlich. Die Behörde kritisiert darin, für die Sanierung der Immobilie sei zu viel Fördergeld gezahlt worden. Die Eigentümerin habe nicht die Absicht gehabt, Wohnungen an Behinderte, Alte und sozial Schwache zu vermieten. Der Rechnungshof moniert "einen nicht gerechtfertigten Subventionsvorteil von rund einer Million Euro". Beim Weiterverkauf einiger geförderter Wohnungen habe Buchner-Hohners Firma "einen Überschuss von fast 600.000 Euro" erzielt.

Dieser Bericht befeuert nun die politische Fantasie des Ausschussvorsitzenden Klaus Bartl: "Wenn der Rechnungshof Merkwürdigkeiten bei der Riemannstraße bestätigt, dann könnte auch an anderen Gerüchten in der Korruptionsaffäre etwas dran gewesen sein."

Da geht es etwa um das Minderjährigenbordell Jasmin in Leipzig-Lindenau. Anfang der neunziger Jahre mussten dort bis zu acht Mädchen ihre Körper verkaufen. Zu den Kunden sollen auch Juristen gehört haben, die mit dem fünf Kilometer entfernten Gründerzeithaus in der Südvorstadt direkt oder indirekt zu tun hatten. Bekannte der Eigentümerin. Sogar ihr heutiger Ehemann wurde des Bordellbesuchs bezichtigt. Ein Richter. Er bestreitet die Vorwürfe vehement.