José Saramago "Er kam immer barfuß ins Dorf"

Weiße Häuser, eine Kirche, ein winziges Museum: In José Saramagos Geburtsort Azinhaga ist die Welt seiner Kindheit lebendig – und trotzdem zauberhaft verschlafen.

In seinen Erinnerungen beschreibt Saramago ein Azinhaga, das längst nicht mehr existiert

In seinen Erinnerungen beschreibt Saramago ein Azinhaga, das längst nicht mehr existiert

Auf dem Largo da Praça, dem kleinen Platz an der Durchgangsstraße, sitzen die alten Männer von Azinhaga im Schatten stattlicher Platanen und schauen umher. Oft geht ihr Blick hinüber zur anderen Straßenseite, wo andere Männer unter der grün-weißen Markise der Bar Itália sitzen, eine Tasse Kaffee oder ein Glas Bier vor sich. Einer der Männer vom Dorfplatz sticht heraus. Er ist sehr elegant gekleidet und hält ein Buch in der Hand. Dieser Mann wird nicht wieder aufstehen. Es ist der Nobelpreisträger des Ortes – in Bronze.

Erst im vergangenen Jahr wurde die Statue von José Saramago in seinem Heimatort Azinhaga, einem kleinen Dorf des Ribatejo knapp 100 Kilometer nordöstlich von Lissabon, aufgestellt. Seit der Schriftsteller am 18. Juni verstorben ist, liegen immer Blumen auf dem Schoß der Figur. Und in einem gedrungenen weiß-blauen Häuschen direkt dahinter hält Ana Maria Hughes ein Kondolenzbuch bereit. Hughes, eine schmale Frau um die 40, führt das Museumshaus José Saramago. Auch das gibt es erst seit zwei Jahren. Es ist, trotz bescheidener Ausmaße, in Portugal der bisher einzige Saramago gewidmete Ausstellungs- und Gedenkraum.

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Die Statue des Literaturnobelpreisträgers in Aldeia da Azinhaga

Die Statue des Literaturnobelpreisträgers in Aldeia da Azinhaga

Noch gibt es am Ortseingang nicht einmal ein Hinweisschild auf das Museumshaus. Eine Keramiktafel erinnert daran, dass Azinhaga 1999 den Regionalwettbewerb »Portugiesischstes Dorf des Ribatejo« gewann. Eine zauberhafte Verschlafenheit liegt über dem Ort. Ein Kirchlein, drei Kapellen, allesamt keine wirklichen Sehenswürdigkeiten, dafür zwei Dutzend Straßen voller weißer Häuschen mit farbigen Konturen, mit Zwergfenstern und fetten Blumenkübeln vor der Tür. In den Gassen grüßt man einander und lässt die Fahrräder nachts unabgeschlossen am Bordstein stehen.

In den ersten Tagen nach Saramagos Tod waren zahlreiche portugiesische Fernsehteams in Azinhaga unterwegs. Inzwischen, zwei Wochen später, ist die Ruhe zurückgekehrt – vor allem in den lichtreichen, glühenden Stunden zwischen 12 und 17 Uhr, während derer sich niemand gern in den schattenarmen Straßen herumtreibt.

Im Erdgeschoss des Museumshauses, unter alten, rotbraun gebeizten Bohlen, hat Hughes ihren Schreibtisch, umstellt von Bücherregalen, die locker mit Saramagos Werken bestückt sind. Am anderen Ende des Raums stehen zwei Computer-Terminals, die von allen Dorfbewohnern für Ausflüge ins Internet benutzt werden können, was praktisch bedeutet, dass Jugendliche hier ihre Facebook-Seite pflegen oder sich an Spielen festsaugen.

Der Ausstellungsraum des Hauses, das schon als Gefängnis, als Rathaus und als Standesamt gedient hat, liegt im oberen Stockwerk. Man erreicht es über eine Außentreppe. Hughes schließt auf, wenn Besuch kommt. An den Wänden hängen Reproduktionen früher Fotos von Saramago und aus dem Dorf, auch ein paar aktuellere Aufnahmen. Im gleichen Format dicht beieinander hängen je ein Bild von Saramagos geliebten Großeltern mütterlicherseits, Jerónimo und Josefa, bitterarmen Landarbeitern, und von der Nobelpreisverleihung 1998. Die beiden Bilder markieren den Weg, den das Tagelöhner-Kind José bis zum Weltruhm zurückgelegt hat.

Geboren wurde Saramago im November 1922. Zwei Jahre später zog die Familie nach Lissabon, doch als Kind und Jugendlicher kehrte José regelmäßig für mehrere Wochen nach Azinhaga zurück. Was das Dorf ihm bedeutet und mitgegeben hat, lässt ich in dem wunderbaren Büchlein Kleine Erinnerungen nachlesen. Darin taucht auch jenes großelterliche Messingbett auf, das heute als zentrales Exponat der Ausstellung gelten darf. Leser werden es wiedererkennen: Aus Sorge um die Gesundheit der neugeborenen Schweine, schreibt Saramago, nahmen die Großeltern die schwächsten Ferkel einfach mit ins Bett: »Dort schliefen sie dann alle zusammen, Mensch und Tier, auf demselben Laken und unter denselben Decken, meine Großmutter auf der einen, mein Großvater auf der anderen Seite, dazwischen drei oder vier Ferkel, die sich fühlten wie im siebten Himmel…«

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