José Saramago "Er kam immer barfuß ins Dorf"Seite 2/2
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Auch die Kirche des Dorfes ist keine wirkliche Sehenswürdigkeit
2006 überredete Azinhagas Bürgermeister Saramago, die Kleinen Erinnerungen offiziell in seinem Heimatort vorzustellen. Es kamen 2000 Menschen, 200 mehr, als der Ort Einwohner zählt. Saramago, heißt es, standen Tränen in den Augen. »Die Menschen hier sind stolz darauf, dass Saramago seine Herkunft eher herausstrich, als sie zu verleugnen«, sagt Hughes, eine studierte Philologin, deren Großeltern selbst zu Azinhagas Landproletariat zählten.
In seinen Erinnerungen beschreibt Saramago ein Azinhaga, das längst nicht mehr existiert. Das großelterliche Haus ist ebenso verschwunden wie die Armut früherer Tage. Trotzdem meint man, zwischen den alten Häuschen und den wenigen herrschaftlichen Quintas noch etwas von jenem Graben zu spüren, der einst die Lehnsherren vom Volk trennte. Manche Nachkommen ehemaliger Herrschaften, sagt Hughes, »tun immer noch so, als würde das Volk ihnen auf ewig etwas schulden. Und manche Alten neigen noch immer den Kopf in ihrer Gegenwart.«
Als Besucher auf den Spuren Saramagos, dem erklärten Kommunisten, fühlt man sich etwas beklommen, wenn für die Übernachtung am Ende des Tages im Dorf nur das Herrenhaus des »Klassenfeindes« bleibt: die stilvoll von Efeu überwucherte Casa de Azinhaga des Marquês de Rio Maior. Das Frühstück wird auf Geschirr mit Familienwappen serviert, nebenan prangt das Wappen noch einmal als raumhoher Wandteppich. Der Marquês, ein freundlicher alter Herr, hat die Lagerräume des Gutshauses für den Tourismus herrichten lassen und bewohnt selbst das Obergeschoss. Ihm gehören noch 400 Hektar Gemeindeland, und nach einem kurzen Rückblick über die früheren Besitzungen seines Geschlechts sagt er mit mildem Lächeln: »Wissen Sie, Revolutionen sind ganz unnötig. Das Land wird im Laufe der Generationen sowieso auf unzählige Besitzer verteilt.«
Aus seiner Jugend war Saramago nur eine einzige Kameradin in Azinhaga geblieben. Mit Otlinda Nunes versorgte der Junge einst die Schweine oder baute am Fluss kleine Bassins für selbst gefangene Fische. »Wenn Saramago im Sommer aus Lissabon kam«, erzählt die heute 86-Jährige, »zog er sich schon draußen am Bahnhof die Schuhe aus und lief barfuß ins Dorf. Er wollte seine Stadtschuhe nicht verschleißen.« Otlinda Nunes begann bereits mit zehn Jahren, als Hausmädchen für reiche Leute zu arbeiten. Lesen lernte sie erst sehr viel später. »Saramago las ständig«, sagt sie, »selbst beim Essen lag links ein Buch, rechts eine Zeitung.«
Wenn der Junge José in den Ferien dennoch Langeweile hatte, streifte er umher: »Dann sage ich zu meiner Großmutter: ›Ich mach eine kleine Wanderung.‹ Sie antwortet: ›Ja, mach nur‹, aber sie ermahnt mich nicht, vorsichtig zu sein, denn damals hatten die Erwachsenen noch mehr Vertrauen zu den Kindern, die sie erzogen.« Und trotz 75 Jahren Abstand erinnerte sich Saramago in seinem Buch auch noch an die Ziele seiner Ausflüge.
Hinaus »zu den Olivenhainen« geht es inzwischen nicht mehr; das Dorf ist nun fast lückenlos von Mais umgeben. Den Paul do Boquilobo aber findet man noch immer, »eine Art Weiher, den der Schöpfer der Landschaften vergessen hat, mit ins Paradies zu nehmen«. Er liegt sehr versteckt, hinter aufgeworfenen und überwucherten Wegen in einer Sumpflandschaft, die man selbst ohne Saramagos Worte als entrückte Idylle empfinden würde. Auch zum üppigen Ufer des Almonda-Flüsschens geht es weiterhin hinunter. Wer allerdings heute noch dessen Verlauf bis zur Einmündung in den Tejo zu verfolgen versucht, muss irgendwann vor dem Dickicht kapitulieren. Mit manchem Unterholz können es wohl nur Buschmänner im Kindesalter aufnehmen.
Info: Die Casa Museu José Saramago liegt am Largo da Praça, Azinhaga. Öffnungszeiten: Di–Sa 10–13 und 15–19 Uhr. Tel. 00351-249/957032, www.josesaramago.org
- Datum 20.07.2010 - 07:41 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 08.07.2010 Nr. 28
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