Ist es möglich, dass eine Schulreform die Gesundheit gefährdet? In der Elite der Hamburger Ärzteschaft ist dies eine verbreitete Ansicht. Das Argument geht so: Gute Ärzte schicken ihre Kinder vorzugsweise an humanistische Gymnasien, wahlweise auch an solche mit musischem Schwerpunkt. Nun will aber die Hamburger Landesregierung die Grundschulzeit von vier auf sechs Jahre verlängern, was den fraglichen Oberschulen entsprechend weniger Zeit für ihren Fachunterricht geben würde. Aus diesem Grund, klagen immerhin 47 Chefärzte und andere Spitzenmediziner in einem Brief »an unsere Patienten«, würden sich »qualifizierte Kollegen bei Berufungsangeboten aus mehreren Bundesländern meist gegen Hamburg entscheiden!« Das klingt so abwegig, dass man glauben könnte, es müsse in dieser Medizinerelite einen nicht ganz kleinen Anteil skrupelloser Demagogen geben. In Wahrheit dürfte es schlimmer sein: Die Unterzeichner des Aufrufs glauben wirklich, was sie da behaupten.

Hamburg Anfang Juli, noch zwei Wochen bis zum Volksentscheid, der den Konflikt um die Schulreformen der schwarz-grünen Landesregierung beenden soll. Mehr als zwei Jahre tobt dieser Streit nun, und offenbar hat jedenfalls die geistige Gesundheit der Stadt bereits gelitten. Es muss am Thema liegen. Wer einmal beginnt, sich mit dem Hamburger Schulkonflikt zu beschäftigen, dem wird es schwerfallen, sich dem Wahnsinn zu entziehen.

Es geht nur um ein Detail einer umfangreichen Reform. Die Landesregierung will Haupt- und Realschulen abschaffen und durch eine Stadtteilschule geheißene Gesamtschule ersetzen, die alle Abschlüsse anbietet, auch das Abitur. Sie will neue Lehrer einstellen, die Klassen verkleinern – Letzteres insbesondere in den Armenvierteln – und die Lehrer umfassend fortbilden. Sie will Englischunterricht ab Klasse eins einführen und von der dritten Klasse an die Grundschulkollegien durch Fachlehrer verstärken. All das ist kaum kontrovers. Nur an einer Neuerung entzündet sich der Volkszorn. Von der dritten bis zur sechsten Klasse sollen die späteren Gymnasiasten mit den späteren Gesamtschülern gemeinsam unterrichtet werden. In denselben Klassenzimmern sitzen, denselben Lehrern zuhören, dieselbe Luft atmen.

Unter den fünfzehnjährigen Schülern kann jeder Vierte kaum lesen

Frage an den Rechtsanwalt Walter Scheuerl, den Initiator der Protestbewegung: Wie lange haben Sie gebraucht, um sich über die Reformen eine Meinung zu bilden? Antwort: »Eine Sekunde.«

Wenige bestreiten, dass Hamburg eine Schulreform braucht. Zwar wird der Nachwuchs der Mittel- und Oberschicht an den Gymnasien gut auf akademische Karrierewege vorbereitet, doch die Bildung der Unterschicht bleibt rudimentär. Unter den fünfzehnjährigen Schülern kann jeder Vierte kaum lesen. Längst sind die Unternehmen dazu übergegangen, ihren Nachwuchs in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern zu rekrutieren, was ihnen aber angesichts der demografischen Entwicklung dieser Länder zunehmend schwerfällt. Aus diesem Grund setzt sich die Handwerkskammer des Landes sehr für die schwarz-grünen Reformen ein.

Wer sich die Liste der Unterstützer ansieht, der muss darüber staunen, dass dieser Streit nicht längst entschieden ist. Sämtliche Fraktionen der Hamburger Bürgerschaft tragen das Reformvorhaben mit, dazu eine schier endlose Reihe von Eltern- und Schülergremien, Fachverbänden und Interessenorganisationen. Dennoch ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Reformen am Ende scheitern werden. Denn auf der anderen Seite steht eine schlagkräftige Bürgerbewegung, der durchaus zuzutrauen ist, dass sie am Ende eine Mehrheit für ihre Anliegen mobilisiert. So geht es längst nicht mehr nur um Schulpolitik, sondern auch um direkte Demokratie und Volksgesetzgebung. Wann hätte je eine große, womöglich mehrheitsfähige Gruppe der Bürger der Gesamtheit ihrer gewählten Vertreter gegenüber gestanden?

Hamburger Innenstadt, sechs Wochen vor der Abstimmung. Im Thalia Theater wirbt Bürgermeister Ole von Beust vor einem Publikum, das seine Ansichten teilt, für die Reformen. Draußen verteilen seine Widersacher Flugblätter, die dem CDU-Politiker vorhalten, den Bürgern »Märchen« zu erzählen. Von Beust beklagt das Schicksal der Bildungsverlierer aus der Unterschicht. Auf den Flugblättern steht, er rede die Hamburger Schulen schlecht, lägen doch »die meisten europäischen Länder bei Pisa 2006 hinter Deutschland mit seinem 6. Rang«. Von Beust verweist auf die Bedürfnisse der Unternehmen und die Wirtschaftslage der Stadt. Die Flugblätter werfen ihm vor, er verschwende 1,2 Milliarden Euro für den überflüssigen Ausbau der verlängerten Grundschule und wolle doch bloß erreichen, dass die Gymnasien »nach und nach abgeschafft« würden.