Hamburger Schulreform Ein bisschen Wahnsinn

Hamburg vor dem Volksentscheid: Neues und altes Bürgertum streiten über die Bildung der Unterschicht.

Ist es möglich, dass eine Schulreform die Gesundheit gefährdet? In der Elite der Hamburger Ärzteschaft ist dies eine verbreitete Ansicht. Das Argument geht so: Gute Ärzte schicken ihre Kinder vorzugsweise an humanistische Gymnasien, wahlweise auch an solche mit musischem Schwerpunkt. Nun will aber die Hamburger Landesregierung die Grundschulzeit von vier auf sechs Jahre verlängern, was den fraglichen Oberschulen entsprechend weniger Zeit für ihren Fachunterricht geben würde. Aus diesem Grund, klagen immerhin 47 Chefärzte und andere Spitzenmediziner in einem Brief »an unsere Patienten«, würden sich »qualifizierte Kollegen bei Berufungsangeboten aus mehreren Bundesländern meist gegen Hamburg entscheiden!« Das klingt so abwegig, dass man glauben könnte, es müsse in dieser Medizinerelite einen nicht ganz kleinen Anteil skrupelloser Demagogen geben. In Wahrheit dürfte es schlimmer sein: Die Unterzeichner des Aufrufs glauben wirklich, was sie da behaupten.

Hamburg Anfang Juli, noch zwei Wochen bis zum Volksentscheid, der den Konflikt um die Schulreformen der schwarz-grünen Landesregierung beenden soll. Mehr als zwei Jahre tobt dieser Streit nun, und offenbar hat jedenfalls die geistige Gesundheit der Stadt bereits gelitten. Es muss am Thema liegen. Wer einmal beginnt, sich mit dem Hamburger Schulkonflikt zu beschäftigen, dem wird es schwerfallen, sich dem Wahnsinn zu entziehen.

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Es geht nur um ein Detail einer umfangreichen Reform. Die Landesregierung will Haupt- und Realschulen abschaffen und durch eine Stadtteilschule geheißene Gesamtschule ersetzen, die alle Abschlüsse anbietet, auch das Abitur. Sie will neue Lehrer einstellen, die Klassen verkleinern – Letzteres insbesondere in den Armenvierteln – und die Lehrer umfassend fortbilden. Sie will Englischunterricht ab Klasse eins einführen und von der dritten Klasse an die Grundschulkollegien durch Fachlehrer verstärken. All das ist kaum kontrovers. Nur an einer Neuerung entzündet sich der Volkszorn. Von der dritten bis zur sechsten Klasse sollen die späteren Gymnasiasten mit den späteren Gesamtschülern gemeinsam unterrichtet werden. In denselben Klassenzimmern sitzen, denselben Lehrern zuhören, dieselbe Luft atmen.

Unter den fünfzehnjährigen Schülern kann jeder Vierte kaum lesen

Frage an den Rechtsanwalt Walter Scheuerl, den Initiator der Protestbewegung: Wie lange haben Sie gebraucht, um sich über die Reformen eine Meinung zu bilden? Antwort: »Eine Sekunde.«

Wenige bestreiten, dass Hamburg eine Schulreform braucht. Zwar wird der Nachwuchs der Mittel- und Oberschicht an den Gymnasien gut auf akademische Karrierewege vorbereitet, doch die Bildung der Unterschicht bleibt rudimentär. Unter den fünfzehnjährigen Schülern kann jeder Vierte kaum lesen. Längst sind die Unternehmen dazu übergegangen, ihren Nachwuchs in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern zu rekrutieren, was ihnen aber angesichts der demografischen Entwicklung dieser Länder zunehmend schwerfällt. Aus diesem Grund setzt sich die Handwerkskammer des Landes sehr für die schwarz-grünen Reformen ein.

Wer sich die Liste der Unterstützer ansieht, der muss darüber staunen, dass dieser Streit nicht längst entschieden ist. Sämtliche Fraktionen der Hamburger Bürgerschaft tragen das Reformvorhaben mit, dazu eine schier endlose Reihe von Eltern- und Schülergremien, Fachverbänden und Interessenorganisationen. Dennoch ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Reformen am Ende scheitern werden. Denn auf der anderen Seite steht eine schlagkräftige Bürgerbewegung, der durchaus zuzutrauen ist, dass sie am Ende eine Mehrheit für ihre Anliegen mobilisiert. So geht es längst nicht mehr nur um Schulpolitik, sondern auch um direkte Demokratie und Volksgesetzgebung. Wann hätte je eine große, womöglich mehrheitsfähige Gruppe der Bürger der Gesamtheit ihrer gewählten Vertreter gegenüber gestanden?

Hamburger Innenstadt, sechs Wochen vor der Abstimmung. Im Thalia Theater wirbt Bürgermeister Ole von Beust vor einem Publikum, das seine Ansichten teilt, für die Reformen. Draußen verteilen seine Widersacher Flugblätter, die dem CDU-Politiker vorhalten, den Bürgern »Märchen« zu erzählen. Von Beust beklagt das Schicksal der Bildungsverlierer aus der Unterschicht. Auf den Flugblättern steht, er rede die Hamburger Schulen schlecht, lägen doch »die meisten europäischen Länder bei Pisa 2006 hinter Deutschland mit seinem 6. Rang«. Von Beust verweist auf die Bedürfnisse der Unternehmen und die Wirtschaftslage der Stadt. Die Flugblätter werfen ihm vor, er verschwende 1,2 Milliarden Euro für den überflüssigen Ausbau der verlängerten Grundschule und wolle doch bloß erreichen, dass die Gymnasien »nach und nach abgeschafft« würden.

In Wirklichkeit will niemand in der CDU die Gymnasien abschaffen. Deutschland hat bei Pisa auch nie einen sechsten Platz belegt, sondern landete zuletzt im Durchschnitt der Teilergebnisse auf Rang zwölf. Und 1,2 Milliarden Euro will das Land zwar ausgeben, aber nicht für die Schulreform, sondern für Bauvorhaben an sämtlichen Schulen, einschließlich der Gymnasien, der Gesamt- und der Berufsschulen. Frage an die Autorin des Flugblatts, eine promovierte Juristin: Wie kommt sie zu ihren Thesen? Antwort: Die Angaben zu Pisa stammten »aus dem Kreis unserer Mitstreiter«. Und die angeblichen Baukosten habe sie »aus der Behörde«.

Eine Podiumsdiskussion mit Bildungsforschern in der renommierten Bucerius Law School, gut vier Wochen vor der Abstimmung. Auf dem Podium sitzen ausnahmslos Gegner der Reform, im Publikum sieht es kaum anders aus. Die Stimmung ist aufgeheizt, das Eingangsstatement richtet sich gleich gegen »die Politik« in ihrer Gesamtheit. Ernsthafte Bildungsforschung eignet sich schlecht für öffentliche Debatten, weil die statistischen Analysen, auf die sich alle Thesen stützen, allenfalls für Experten nachvollziehbar sind. Hier aber sind weniger Einsichten als Parolen gefragt. Befunde, die ins Weltbild passen, werden ausgiebig beklatscht. Gemeinsam verlacht man die »Illusion des völlig anstrengungsfreien Lernens«, die »sogenannte Bildungsgerechtigkeit« und den abwesenden linken Schuldirektor, der gesagt haben soll, an seiner Schule dürfe niemand lernen, was nicht alle lernen können. Die Einwände einer Schulleiterin aus einem der Hamburger Problemviertel gehen im Hohngelächter fast unter, die »törichte Frage« eines Reformanhängers wird seitens des Podiums streng gerügt.

Bildung sei die individuelle Gerechtigkeitsfrage von morgen, hat Guido Westerwelle einmal gesagt. Hier würde er sich mit solchen Ansichten keine Freunde machen. »Bildungspolitik wird zu stark als Sozialpolitik instrumentalisiert«, verkündet einer der Referenten unter dem Beifall des Publikums. Der Abend endet insofern versöhnlich, als ein konservativer Bildungsforscher doch noch ein Argument für eine höhere Volksschulbildung findet: Es werde sich doch niemand freiwillig »die Haare von jemandem frisieren lassen, der den Pythagoras nicht verstanden hat«. Großer Applaus.

Die Reformgegner sind überwiegend weiblich, akademisch gebildet, konservativ, sie haben schulpflichtige Kinder – und sie fühlen sich verraten. »Angewidert« sei sie von der Politik, sagt die Verfasserin des Protestflugblatts. Eine kleine Umfrage im Internetforum ihrer Initiative fördert eine Vielzahl ähnlicher Aussagen zutage. Dass die eigene Partei, die CDU, mit den grünen Gesamtschulfreunden gemeinsame Sache macht, hat viele ihrer Anhänger empört und in dem Glauben bestärkt, nun nur noch den eigenen Flugblättern trauen zu können. Die meisten bewegen sich in einem Umfeld, das denkt wie sie selbst – ein Umstand, der offenbar den Eindruck fördert, nur verrückte Ideologen könnten die Dinge anders sehen.

Wozu sollen Kinder Englisch lernen, wenn sie nicht mal Deutsch können?

Und das Reformlager? Zwei Handvoll Menschen treffen sich in einem Gemeindehaus in bester Lage, man sitzt im Kreis, es sind weniger Krawatten zu sehen als bei den Reformgegnern, dafür mehr Designerbrillen. Im Bildungsdiskurs dieses Milieus gibt es weder gute noch schlechte Schüler, sondern nur unterschiedliche Kinder mit ihrer jeweils ganz besonderen Begabung. Es dauert nicht lange, bis das Stichwort Summerhill fällt, der Name der legendären antiautoritären Experimentalschule aus Großbritannien. Die Flugblattautorin trägt die Ansichten der Reformgegner vor, man behandelt einander pfleglich und geht heim mit den Ansichten, mit denen man gekommen ist.

Liebhaber der direkten Demokratie pflegen die segensreichen Folgen der Bürgerbeteiligung zu betonen, die einträten, wenn die Parteien nur endlich das Feld räumten. Schluss mit dem Parteiengezänk! Jeder sein eigener Experte! Freie Diskussion im Internet! Im Hamburg scheint es eher, als habe sich die Stadt auch ohne Politiker in Parteien aufgeteilt, um entlang der alten Konfliktlinien das alte Volksgezänk um die Gesamtschulen fortzusetzen – zwei Lager mit eigenen Kampagnenbüros, Internetseiten und Binnendiskursen, die mehr über- als miteinander reden. Zwei sehr bürgerliche Parteien.

Der Stadtteil Steilshoop wurde zu einer Zeit gebaut, als Architekten glaubten, Menschen würden am liebsten wie Vögel in kleinen Löchern steiler Felsen nisten. Inzwischen haben sich hier Zugvögel einquartiert, die nicht mehr fortziehen. Ihre Brut ist es, um die es in diesem Schulstreit geht. Zur Infoveranstaltung der Schulbehörde in der Gesamtschule des Stadtteils sind 21 Besucher gekommen, die weder Krawatten noch Designerbrillen tragen. Sie streiten auch nicht, sie stellen Fragen. Wozu es gut sei, in der ersten Klasse Englisch zu lernen, wenn viele noch nicht einmal Deutsch könnten? Wie man Kinder motivieren solle, wenn sie nicht mehr fürchten müssten, sitzen zu bleiben? Wozu eigentlich Gymnasien gut seien, wenn doch in Zukunft jeder an der Stadtteilschule das Abitur machen könne? Und was nach dem Volksentscheid komme? Eine Frau mit starkem Akzent bittet um einfach formulierte Antworten. Die Leiterin der Schule beruhigt sie. Eine Gesamtschule habe man auch jetzt schon im Stadtteil, sagt sie. Wie immer der Volksentscheid ausgehe, es werde sich also nicht viel ändern.

 
Leser-Kommentare
  1. Es steht natürlich auch der "Zeit" frei, eine Meinung einer anderen vorzuziehen, obwohl eine respektvolle Zeitung ihren Lesern eigentlich das Denken überlassen und einfach unterschiedliche Meinungen präsentieren sollte.

    Aber diese Art von Artikel ist einfach widerlich. Unabhängig davon welche Position man im Hamburger Schulstreit vertritt, sollte die Diskussionen mit Argumenten geführt werden und nicht mit negativen Stereotypen über böse, fanatische, verhöhnende Krawattenträger auf der einen Seite und sanften Designerbrillenträgern auf anderen Seite.

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    • Taxman
    • 09.07.2010 um 9:50 Uhr

    Ganz so einseitig finde ich den Artikel nicht. Er arbeitet bewusst mit Stereotypen, allerdings auf beiden Seiten:

    "... man behandelt einander pfleglich und geht heim mit den Ansichten, mit denen man gekommen ist."

    Ein vernichtenderes Urteil für Wirkungs- und Ideenlosigkeit kann es kaum geben.

    Dass auf der einen Seite mit gezielter Desinformation gearbeitet wird, die andere Seite aber auch nicht in der Lage ist, den Sinn von Englisch ANSTATT Deutsch zu erklären zeigt, dass auch auf die inhaltlichen Schwächen beider Bewegungen eingegangen wird.

    Im Gegensatz zu (meinen persönlichen) Erfahrungen mit dem Engagement bei der Pro-Gauck-Kampagne offenbaren sich hier klassische Anti- und Anti-Anti-Bewegungen. Anstatt konstruktiv und offen zum Dialog einzuladen wird versucht, der "Gegenseite" irgendwie Raum abzunehmen. Die Beobachtungen zeigen eine tiefe, diffuse Angst auf der einen und mangelnde Überzeugung auf der anderen Seite. Beides Eigenschaften, die gerade im politischen Diskurs tödlich sind.

    Natürlich gibt es hier aber auch einen fundamentalen Unterschied zur Gauck-Bewegung: Die Bürger können tatsächlich Einfluss auf die Entscheidung nehmen.

    • Anonym
    • 09.07.2010 um 10:04 Uhr

    Na gut, ich meine natürlich: "Wer zwischen den Zeilen lesen kann, ist klar im Vorteil." Denn im Artikel geht es zwar großenteils um die Reform-Gegner, die aber offenbar mit ziemlich abstrusem Populismus am Start sind - und dessen Darstellung benötigt natürlich ein paar Sätze.

    Dass die "Designerbrillen-Träger" aber sanft seien (im Gegensatz zu den "bösen, fanatischen und verhöhnenden Krawattenträgern") haben Sie sich in Ihrer Phantasie zurecht gebastelt oder aus nicht zitierfähigen Körperregionen gezogen - im Text steht nichts dergleichen. Im Gegenteil überlesen Sie bereitwillig die Kritik an den "Designerbrillen-Trägern", die aus Diskussionen heraus gehen, wie sie hinein gegangen sind.

    Ebenso ignorieren Sie den letzten Absatz, in dem der Autor darauf eingeht, dass die eigentlich Betroffenen mit der Diskussion heillos überfordert zu sein scheinen - und dass keine der streitenden (privilegierten) Parteien offenbar Kontakt mit denen hat, um die es tatsächlich geht. Denn die Mittel- und Oberschicht scheint ihre Zöglinge ja angemessen bilden zu können ..

    Ihre einseitige Betroffenheit "outet" Sie als Anhänger der Reformgegner und man fragt sich, ob Sie noch zu einem gemäßigten oder eher dem populistischen Teil dieser Gruppe angehören. Unabhängig davon wird Ihr Beitrag IMO damit wertlos.

    Y.S.

    Liebe Zeit,

    leider muß ich meinem Vorredner beipflichten. Dieses Maß an, vornehm ausgedrückt, nicht-objektiver Berichterstattung ist nicht hinnehmbar. Nach vielen Jahren als treuer Leser werde ich mein Abonnement kündigen.

    Ich wünsche noch viele frohe Redaktionstage im Kreise Designerbrillen-tragender besserer Menschen!

    Am Rande: auch der Partei der Grünen, deren ökologische Ausrichtung einst meinen Vorstellungen entsprach, habe ich den Rücken gekehrt.

    Und nein: die Alternative heißt nicht FAZ und CDU. Mein Denken ist nicht in iedologische Kreisbahnen gesperrt!

    • Adr00
    • 11.07.2010 um 2:27 Uhr

    Lieber boser-widerlicher-kravattentraeger,

    Ich glaube "Die Zeit" kann auf Sie verzichten.
    Außerdem glaube ich, dass Ihr Vorredner ein gewisser Y.S. ist und dass Sie sich seine Analyse, die gar nicht schlecht ist einmal "antun" sollten, mag sie auch zu komplex für Sie formuliert sein.
    "Zeit Online" beschreibt hier lediglich auf eine bildhafte Art und Weise, wie "Wir wollen Lernen" und "Die Schulverbesserer", das alte und das neue Bürgertum sich die Zeit vertreiben. Nur die, die Vorteile aus dieser Reform ziehen könnten, wissen nicht warum und werden sich kaum zum Briefkasten bemühen um für die Reform zu stimmen. "Wir wollen lernen" wird gewinnen, weil eine Regierung und ihre Befürworter, allesamt Menschen, die ihre Kinder auch auf eine Privatschule schicken könnten, versäumt haben Wähler zu gewinnen.
    Wer hier eine Hetze gegen das Bonzentum unserer Stadt sieht, mag vielleicht überempfindlich dafür sein, eine einseitige Darstellung, die tatsächlich zu einem Meinungswechsel führen könnte, ist hier aber nicht zu lesen.

    • Taxman
    • 09.07.2010 um 9:50 Uhr

    Ganz so einseitig finde ich den Artikel nicht. Er arbeitet bewusst mit Stereotypen, allerdings auf beiden Seiten:

    "... man behandelt einander pfleglich und geht heim mit den Ansichten, mit denen man gekommen ist."

    Ein vernichtenderes Urteil für Wirkungs- und Ideenlosigkeit kann es kaum geben.

    Dass auf der einen Seite mit gezielter Desinformation gearbeitet wird, die andere Seite aber auch nicht in der Lage ist, den Sinn von Englisch ANSTATT Deutsch zu erklären zeigt, dass auch auf die inhaltlichen Schwächen beider Bewegungen eingegangen wird.

    Im Gegensatz zu (meinen persönlichen) Erfahrungen mit dem Engagement bei der Pro-Gauck-Kampagne offenbaren sich hier klassische Anti- und Anti-Anti-Bewegungen. Anstatt konstruktiv und offen zum Dialog einzuladen wird versucht, der "Gegenseite" irgendwie Raum abzunehmen. Die Beobachtungen zeigen eine tiefe, diffuse Angst auf der einen und mangelnde Überzeugung auf der anderen Seite. Beides Eigenschaften, die gerade im politischen Diskurs tödlich sind.

    Natürlich gibt es hier aber auch einen fundamentalen Unterschied zur Gauck-Bewegung: Die Bürger können tatsächlich Einfluss auf die Entscheidung nehmen.

    • Anonym
    • 09.07.2010 um 10:04 Uhr

    Na gut, ich meine natürlich: "Wer zwischen den Zeilen lesen kann, ist klar im Vorteil." Denn im Artikel geht es zwar großenteils um die Reform-Gegner, die aber offenbar mit ziemlich abstrusem Populismus am Start sind - und dessen Darstellung benötigt natürlich ein paar Sätze.

    Dass die "Designerbrillen-Träger" aber sanft seien (im Gegensatz zu den "bösen, fanatischen und verhöhnenden Krawattenträgern") haben Sie sich in Ihrer Phantasie zurecht gebastelt oder aus nicht zitierfähigen Körperregionen gezogen - im Text steht nichts dergleichen. Im Gegenteil überlesen Sie bereitwillig die Kritik an den "Designerbrillen-Trägern", die aus Diskussionen heraus gehen, wie sie hinein gegangen sind.

    Ebenso ignorieren Sie den letzten Absatz, in dem der Autor darauf eingeht, dass die eigentlich Betroffenen mit der Diskussion heillos überfordert zu sein scheinen - und dass keine der streitenden (privilegierten) Parteien offenbar Kontakt mit denen hat, um die es tatsächlich geht. Denn die Mittel- und Oberschicht scheint ihre Zöglinge ja angemessen bilden zu können ..

    Ihre einseitige Betroffenheit "outet" Sie als Anhänger der Reformgegner und man fragt sich, ob Sie noch zu einem gemäßigten oder eher dem populistischen Teil dieser Gruppe angehören. Unabhängig davon wird Ihr Beitrag IMO damit wertlos.

    Y.S.

    Liebe Zeit,

    leider muß ich meinem Vorredner beipflichten. Dieses Maß an, vornehm ausgedrückt, nicht-objektiver Berichterstattung ist nicht hinnehmbar. Nach vielen Jahren als treuer Leser werde ich mein Abonnement kündigen.

    Ich wünsche noch viele frohe Redaktionstage im Kreise Designerbrillen-tragender besserer Menschen!

    Am Rande: auch der Partei der Grünen, deren ökologische Ausrichtung einst meinen Vorstellungen entsprach, habe ich den Rücken gekehrt.

    Und nein: die Alternative heißt nicht FAZ und CDU. Mein Denken ist nicht in iedologische Kreisbahnen gesperrt!

    • Adr00
    • 11.07.2010 um 2:27 Uhr

    Lieber boser-widerlicher-kravattentraeger,

    Ich glaube "Die Zeit" kann auf Sie verzichten.
    Außerdem glaube ich, dass Ihr Vorredner ein gewisser Y.S. ist und dass Sie sich seine Analyse, die gar nicht schlecht ist einmal "antun" sollten, mag sie auch zu komplex für Sie formuliert sein.
    "Zeit Online" beschreibt hier lediglich auf eine bildhafte Art und Weise, wie "Wir wollen Lernen" und "Die Schulverbesserer", das alte und das neue Bürgertum sich die Zeit vertreiben. Nur die, die Vorteile aus dieser Reform ziehen könnten, wissen nicht warum und werden sich kaum zum Briefkasten bemühen um für die Reform zu stimmen. "Wir wollen lernen" wird gewinnen, weil eine Regierung und ihre Befürworter, allesamt Menschen, die ihre Kinder auch auf eine Privatschule schicken könnten, versäumt haben Wähler zu gewinnen.
    Wer hier eine Hetze gegen das Bonzentum unserer Stadt sieht, mag vielleicht überempfindlich dafür sein, eine einseitige Darstellung, die tatsächlich zu einem Meinungswechsel führen könnte, ist hier aber nicht zu lesen.

    • Taxman
    • 09.07.2010 um 9:50 Uhr

    Ganz so einseitig finde ich den Artikel nicht. Er arbeitet bewusst mit Stereotypen, allerdings auf beiden Seiten:

    "... man behandelt einander pfleglich und geht heim mit den Ansichten, mit denen man gekommen ist."

    Ein vernichtenderes Urteil für Wirkungs- und Ideenlosigkeit kann es kaum geben.

    Dass auf der einen Seite mit gezielter Desinformation gearbeitet wird, die andere Seite aber auch nicht in der Lage ist, den Sinn von Englisch ANSTATT Deutsch zu erklären zeigt, dass auch auf die inhaltlichen Schwächen beider Bewegungen eingegangen wird.

    Im Gegensatz zu (meinen persönlichen) Erfahrungen mit dem Engagement bei der Pro-Gauck-Kampagne offenbaren sich hier klassische Anti- und Anti-Anti-Bewegungen. Anstatt konstruktiv und offen zum Dialog einzuladen wird versucht, der "Gegenseite" irgendwie Raum abzunehmen. Die Beobachtungen zeigen eine tiefe, diffuse Angst auf der einen und mangelnde Überzeugung auf der anderen Seite. Beides Eigenschaften, die gerade im politischen Diskurs tödlich sind.

    Natürlich gibt es hier aber auch einen fundamentalen Unterschied zur Gauck-Bewegung: Die Bürger können tatsächlich Einfluss auf die Entscheidung nehmen.

    Antwort auf "Kampagnenjournalismus"
  2. 6. *lol*

    "Liebhaber der direkten Demokratie pflegen die segensreichen Folgen der Bürgerbeteiligung zu betonen, die einträten, wenn die Parteien nur endlich das Feld räumten. Schluss mit dem Parteiengezänk! Jeder sein eigener Experte! Freie Diskussion im Internet! Im Hamburg scheint es eher, als habe sich die Stadt auch ohne Politiker in Parteien aufgeteilt..."

    Mit dem Unterschied der genauen Themenabgrenzung (was echten Parteien stets schwer fällt) und dass sie letztlich keinen Kuhhandel machen müssen oder das Thema in alle Ewigkeit vertagen, sondern die (interessierte) Mehrheit der Bürger zu einem festgesetzten Termin entscheidet und das Thema dann erstmal erledigt ist. Je nachdem wie eindeutig die Sache ausfiel. Und das man bei Bedarf nachjustieren kann.

    DAS sind die Vorteile direkter Demokratie. Nur absolute Naivlinge glauben, dass politischer Streit plötzlich verschwindet. Im Gegenteil, er wird konkreter und die Bevölkerung nimmt aktiv daran teil. Nicht jeder ist dabei sofort in der Lage sachlich zu argumentieren, auch das müssen viele Bürger erst lernen. Bisher war ja fremddenken angesagt und die strikten Kampflinien und Reflexe stammen wohl nicht zum unerheblichen Teil aus der Parteiära, dort wurden sie ja gut trainiert.

    Wird sich zeigen, was überwiegt. Wer die Bürger eher überzeugen kann, wer die besseren Argumente hat, wer mehr Anhänger aktivieren kann. Warten wir es ab. Der große Wurf wird wohl so oder so nicht.

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    „Nur absolute Naivlinge glauben, dass politischer Streit plötzlich verschwindet. ... Nicht jeder ist dabei sofort in der Lage sachlich zu argumentieren, auch das müssen viele Bürger erst lernen.“

    Das Beispiel zeigt doch gerade, dass die Mobilisierung zu einer Volksabstimmung, dem sachlichen Argument in der politischen Auseinandersetzung nicht mehr Gewicht verschafft als in der repräsentativen Demokratie. Und es ist schlichtes Wunschdenken, anzunehmen, dieses Problem verschwände, wenn man statt der repräsentativen eine direkte Demokratie hätte.

    „Wird sich zeigen, was überwiegt. Wer die Bürger eher überzeugen kann, wer die besseren Argumente hat, wer mehr Anhänger aktivieren kann.“

    Auch hier: Wie kommen Sie zu der Annahme, dass derjenige, der mehr Abstimmungsberechtigte für sich mobilisieren konnte, diesen Erfolg besseren Argumenten verdankt?

    „Nur absolute Naivlinge glauben, dass politischer Streit plötzlich verschwindet. ... Nicht jeder ist dabei sofort in der Lage sachlich zu argumentieren, auch das müssen viele Bürger erst lernen.“

    Das Beispiel zeigt doch gerade, dass die Mobilisierung zu einer Volksabstimmung, dem sachlichen Argument in der politischen Auseinandersetzung nicht mehr Gewicht verschafft als in der repräsentativen Demokratie. Und es ist schlichtes Wunschdenken, anzunehmen, dieses Problem verschwände, wenn man statt der repräsentativen eine direkte Demokratie hätte.

    „Wird sich zeigen, was überwiegt. Wer die Bürger eher überzeugen kann, wer die besseren Argumente hat, wer mehr Anhänger aktivieren kann.“

    Auch hier: Wie kommen Sie zu der Annahme, dass derjenige, der mehr Abstimmungsberechtigte für sich mobilisieren konnte, diesen Erfolg besseren Argumenten verdankt?

  3. "Vermutlich würde man das Schulsystem teilweise outsourcen und etliche Schulen und Unis an Privatorganisationen verkaufen, damit Konkurrenz entsteht."

    ...der Markt solls regeln. Die seligmachende Konkurrenz.

    Blöd nur, dass dann nicht alle auf "die beste" Schule gehen können. Und da das so ist, wird man den Zugang beschränken, am besten unter finanziellen und was dem fast gleich kommt, unter Leistungsgesichtspunkten. Auch logisch, dass man die beste Schule am meisten fördert und so, ist ja die beste, warum die schlechten fördern? Nicht wahr? Wir wollen doch "Elite".

    Das Ende vom Lied: ein verkorkstes Schulsystem mit guten Schulen für wenige Reiche und Schlechten für die Masse. Oder: ein privates Monopol der ehemals "besten Schule" womit es dann aber auch wieder Essig ist mit der Konkurrenz.

    Mein Gott JoG, schau dich doch mal in der Welt um! Oder bist du tatsächlich so lernrestistent?

    "die Politik und aus der Bürokratie heraus die Entstehung von Gesetzen bestimmt"

    Ja, ja. Du würdest auch bei einer Volksabstimmung keine Mehrheit finden. Die meisten Leute misstrauen dem Markt, erleben sie ihn doch jeden Tag, längst nicht immer zu ihrem oder dem allgemeinen Vorteil...

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    • joG
    • 09.07.2010 um 10:58 Uhr

    ..... schau dich doch mal in der Welt um! Oder bist du tatsächlich so lernrestistent?"

    Eigentlich nicht. Wenn Sie etwas intelligentes sagen, werde ich es berücksichtigen und ggf meine Meinung ändern. ZB haben Sie recht, dass sehr viele Bürger Konkurrenz nicht mögen und die Vorteile des Marktmechanismus daher nicht verstehen wollen; den Markt daher ablehnen, was Sie ja auch stets gerne vorführen.

    • joG
    • 09.07.2010 um 10:58 Uhr

    ..... schau dich doch mal in der Welt um! Oder bist du tatsächlich so lernrestistent?"

    Eigentlich nicht. Wenn Sie etwas intelligentes sagen, werde ich es berücksichtigen und ggf meine Meinung ändern. ZB haben Sie recht, dass sehr viele Bürger Konkurrenz nicht mögen und die Vorteile des Marktmechanismus daher nicht verstehen wollen; den Markt daher ablehnen, was Sie ja auch stets gerne vorführen.

    • Anonym
    • 09.07.2010 um 10:04 Uhr

    Na gut, ich meine natürlich: "Wer zwischen den Zeilen lesen kann, ist klar im Vorteil." Denn im Artikel geht es zwar großenteils um die Reform-Gegner, die aber offenbar mit ziemlich abstrusem Populismus am Start sind - und dessen Darstellung benötigt natürlich ein paar Sätze.

    Dass die "Designerbrillen-Träger" aber sanft seien (im Gegensatz zu den "bösen, fanatischen und verhöhnenden Krawattenträgern") haben Sie sich in Ihrer Phantasie zurecht gebastelt oder aus nicht zitierfähigen Körperregionen gezogen - im Text steht nichts dergleichen. Im Gegenteil überlesen Sie bereitwillig die Kritik an den "Designerbrillen-Trägern", die aus Diskussionen heraus gehen, wie sie hinein gegangen sind.

    Ebenso ignorieren Sie den letzten Absatz, in dem der Autor darauf eingeht, dass die eigentlich Betroffenen mit der Diskussion heillos überfordert zu sein scheinen - und dass keine der streitenden (privilegierten) Parteien offenbar Kontakt mit denen hat, um die es tatsächlich geht. Denn die Mittel- und Oberschicht scheint ihre Zöglinge ja angemessen bilden zu können ..

    Ihre einseitige Betroffenheit "outet" Sie als Anhänger der Reformgegner und man fragt sich, ob Sie noch zu einem gemäßigten oder eher dem populistischen Teil dieser Gruppe angehören. Unabhängig davon wird Ihr Beitrag IMO damit wertlos.

    Y.S.

    Antwort auf "Kampagnenjournalismus"

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