Goldenes Licht, goldene Drinks: in der King Size Bar werden alle Cocktails in Whisky-Tumblern serviert

Im Nachhinein kann natürlich kein Mensch sagen, warum aus dem einen Laden nur eine gute Bar und aus dem anderen gleich die herrlichste Bar der Berliner Republik wird. Eine gute Ausgangslage war sicherlich, dass die Idee für den neuen Laden im schönen Raucherraum des Grill Royal geboren wurde: Ein Saufloch sollte es sein, bloß nichts Besonderes, runtergebrochen auf die Standards, die man zum Trinken wirklich braucht (Decke, Wände, Fußboden, Tresen). Man zog ein Stück die Friedrichstraße herunter und stoppte vor den Scheiben eines in der DDR sagenumwobenen Schwulenlokals: City Klause, Friedrichstraße 112b. King Size: Der neue Name kam gleich ganz wunderbar großspurig, nachlässig und locker rüber, so, wie ein Barname klingen sollte. Ein in Mitte bekannter Draufgänger soll bei der Eröffnung im April gestöhnt haben: »Himmel, dieser Laden wird mein Ende.«

Wie es sich gehört, wurden über die Bar in den ersten Wochen Witze gemacht: Das King Size, so sagte man, sei eine Ü-30-Bar, also für Trinker über 30, wenn nicht über 40 Jahre. Das stimmt ein wenig: Neben der üblichen Berliner Mischung (Hornbrillen, Vollbärte, Julian-Schnabel-Frisuren) drängen sich hier die Leute, die in den neunziger Jahren Geld gemacht haben und mittlerweile erheblich weniger verdienen (die müssen heute alle dem Babysitter 40 Euro bezahlen, damit sie einmal zum Trinken raus dürfen).

Entsprechend hart wird gefeiert. Der typische King-Size-Drink ist der Moscow Mule (Wodka, Limette, Gingerbeer), immer richtig liegt man mit der Bestellung Bier und Schnaps. Es gilt praktisch Rauchzwang. Ab Mitternacht, also vergleichsweise früh, herrschen am Tresen britische Verhältnisse: Bestellung besser nicht lautstark ansagen, sondern durch Handzeichen durchgeben, dann nach hinten durchdrängen.

Über die Einrichtung des King Size braucht nicht großartig etwas gesagt zu werden, weil eine Bareinrichtung ja niemals auffallen, sondern nur wirken darf (wer hat Lust, sich nachts um eins über Lampen Gedanken zu machen?). Einige Details sind allerdings spektakulär: Alle Drinks werden in Whisky-Tumblern serviert. Die mit Seidenvelours bezogenen Barhocker hat Grill-Chef Boris Radczun aus Palermo importiert. Vorne hängt die Zeichnungsserie Bekenntnisse eines Schankprinzen des Westberliner Barmanns Michel Würthle (Paris Bar), hinten zwischen herrlich buntem und wertlosem Kunstkram ein Jonathan Meese, der entweder einen Wehrmachtssoldaten darstellt oder, hoppla, doch einen lustig derangierten Adolf Hitler. Bemerkt werden kann noch, dass es schon brutal gute Laune macht, dass auf den Klos ein Original-Hermès-Lederspiegel von 1968 hängt (Diebstahlversuche sind zwecklos, Spiegel ist in die Wand hineingedübelt).

Im King Size passiert dann gegen ein Uhr nachts das Schönste, was in einer Bar passieren kann: Es wird getanzt, und zwar auf engstem Raum. Die Tanzfläche ist wie jede gute Tanzfläche gar keine Tanzfläche, sondern einfach das bisschen Platz, das zwischen Tresen und dem Klogang liegt. Wenn sich die Schwere des Alkohols im Hüpfen, Rudern und Herumschreien löst – vielleicht ist das die Erlösung, die eine Großstadt zu bieten hat. Einmal, gegen drei Uhr früh, sahen wir hier einen komplett dichten, zirka 60-jährigen Herrn, auffallend soigniert gekleidet, der sich auf der Tanzfläche langsam nach hinten fallen ließ: Er wurde von der selig kreischenden Menschenmenge aufgefangen.