Sollte die amerikanischen Steinways übertönen: der Förster Quattrochord Superflügel

Es ist schwer zu ermessen, ob dieser Flügel zufrieden ist mit der rumpeligen Umgebung, in der er steht – zwischen Werkzeugbänken und Hobeln, Klavierhockern und Gerümpel, beleuchtet von nackten Glühbirnen. Ihm, dem Förster Quattrochord Superflügel, war einmal ein größerer Auftritt zugedacht, vermutlich ein viel, viel größerer, darauf deutet schon sein Baujahr hin: 1943.

Als die Klaviermanufaktur August Förster jede Menge Holz und Stahl in diesem Konzertflügel verbaute, tobte in Deutschland der Bombenkrieg, zerbröckelte die Ostfront, war die gesamte Industrie in den Krieg eingespannt. Warum aber durfte ein sächsischer Betrieb in dieser Zeit einen Konzertflügel bauen? Und noch dazu so einen?

Der Superflügel ist von Speerschem Ausmaß: Er misst fast drei Meter, ist mit 700 Kilogramm der schwerste Konzertflügel, der jemals hergestellt wurde, und hat einen Klang wie Donnerhall. Der Ton wird nicht, wie gewöhnlich, durch drei Saiten pro Taste erzeugt, sondern durch vier. Dieses Instrument war dafür gedacht, riesige Hallen zu beschallen. Es sollte die amerikanischen Steinways übertönen. Der Flügel ist Zeugnis nationalsozialistischen Größenwahns und hat seine Existenz vermutlich der Tatsache zu verdanken, dass der Traum von der Hauptstadt Germania auch kurz vor dem Zusammenbruch des Deutschen Reichs noch nicht ganz ausgeträumt war.

Dass er nun wieder gespielt wird, ganz ohne Nazi-Anklänge, hat der Quattrochord dem Klavier-Restaurator Christoph Schreiber zu verdanken. Schreiber hat in seiner Werkstatt den Piano Salon Christophori eröffnet – der schönste Ort, um in der Hauptstadt klassische Musik zu hören. Denn während man in einem Konzertsaal weit entfernt vom Pianisten Platz nimmt, sitzt man den Künstlern im Salon Christophori gewissermaßen auf dem Schoß. Die Gäste machen es sich auf Klappstühlen mit einem Glas Wein oder einer Flasche Bier in der Hand bequem. So nah ist die Musik, dass man glaubt, in einer Klangwolke zu sitzen. Man kann die Pianisten sogar atmen hören. Mehrmals im Monat werden Kammermusikkonzerte mit Musikern von internationalem Rang gegeben. Ursprünglich war der Piano Salon Christophori in einem Hinterhof in der Pappelallee gelegen. Wegen Sanierungsarbeiten gastiert er zurzeit im Konzertsaal der Musikschule Friedrichshain-Kreuzberg (Zellestraße 12, Konzertpläne unter www.konzertfluegel.com ).

Auf den historischen Flügeln verschiedenster Epochen, die der Piano Salon sammelt, haben schon Weltklassepianisten wie Maria Masycheva, Benjamin Moser, Julien Quentin und Kotaro Fukuma gespielt. Für die Konzerte werden keine Karten verkauft, und es wird kein Eintrittsgeld verlangt, man gibt je nach Gefallen eine Spende für den Wein und den Pianisten. Der ehemalige Neurologe Christoph Schreiber möchte mit den Konzerten an die Tradition der Salons anknüpfen, die im 19. Jahrhundert an Piano-Manufakturen wie die Pariser Maison Erard angeschlossen waren. Alle Flügel sind von Schreiber selbst restauriert worden, der Salon ist nebenbei ein Klangmuseum der Instrumentengeschichte – und manchmal ein Ort für ganz besondere Momente. Etwa wenn die slowakische Pianistin Daniela Hlinková auf dem Quattrochord Stücke des jüdischen Komponisten Gideon Klein spielt, der im Konzentrationslager Fürstengrube ermordet wurde. Es klingt dann, als wollte der Superflügel etwas wiedergutmachen.