Die Türkei & der Westen Lest die Bilanzen, nicht den Koran!
Abkehr vom Westen? Wer die Türkei verstehen will, sollte nicht immer nur an den Islamismus denken. Eine Entgegnung auf Josef Joffe
© Tarik Tinazay/AFP/Getty Images

Fanatiker haben es hier nicht leicht, Händler schon eher: Ein Straßenverkäufer auf der Galata-Brücke in Istanbul
Die Türkei wendet sich also ab. Von Amerika – und von Europa gleich mit. So hat Josef Joffe in der ZEIT Nr. 26 die »Ostwärtsdrift« der Türkei beklagt. Die Anlässe sind Streit mit Israel, das hartnäckige Drängen Ankaras auf eine israelische Entschuldigung für den blutigen Zwischenfall um die Gaza-Hilfsflottille Ende Mai und das türkische Nein zu den Sanktionen gegen Iran. Ist die Türkei für den Westen verloren?
Hier am Bosporus hat man nicht den Eindruck, dass die Türkei wegrutscht. Das Neue ist etwas anderes: Das Land wird sich der Lage bewusst, in der es sich seit seiner Gründung 1923 befindet – zwischen Europa und dem Mittleren Osten, zwischen Russland und Nordafrika. Die Türkei schottet sich nicht mehr gegen die Umgebung ab, wie sie es als eiserner Nato-Verbündeter des Westens während des Kalten Kriegs getan hat. Sie wird vom Bollwerk zu einem neuen Star der Region.
Dahinter erkennen nun manche, auch Joffe, zwei Ideologien: Vorherrschaftsträume nach Art des Sultanreichs – Osmanismus – und Verführung durch religiös gefärbte Politik – Islamismus. Zwei gängige Etiketten, aber leider die falschen. Was in der Türkei passiert, lässt sich viel besser mit Ideen erklären, die wir im Westen gut kennen, weil wir sie mal erfunden haben. Kapitalismus und Demokratie. Die haben sich in der Türkei schwindelerregend rasant ausgebreitet, die verändern jetzt ihre Außenpolitik.
Wenn wir also statt auf Koran und Kalifen einen Blick in die Bilanzen werfen, wird es interessant. Die Türkei hat sich von einer abgeschotteten Kommandowirtschaft in eine boomende Exportnation verwandelt. Wo in Anatolien vor zwanzig Jahren nur Eselskarren zwischen Feldern quietschten, surren heute die Maschinen der mittelständischen Unternehmen. Und die exportieren in alle Richtungen. Europa ist der wichtigste Markt der Türken, niemand würde sich davon abwenden wollen. Im Kommen sind: die Schwarzmeerstaaten, der Mittlere Osten, Afrika. Die neuen Märkte verändern den türkischen Blick auf die Welt. Und die ist viel größer als die Nato. Der wichtigste einzelne Handelspartner heute – in ökonomischer Umkehrung der Allianzen – ist Russland. Von dort kommen Erdgas und Atomenergie für Wirtschaft und Wohnstuben der Türkei, die schickt Autos, Spülmaschinen, Tomaten und Bautrupps zurück. Die Regierungen treffen sich mehrmals im Jahr, Russlands starken Mann Putin und Premier Tayyip Erdoğan verbindet eine enge Kaminfeuer-Freundschaft.
71 Prozent der Türken begrüßen die Globalisierung
Der Name der Regierungspartei AKP heißt übersetzt: Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung. Gemeint sind Wachstum und Wohlstand für alle. Wenn diese Volkspartei überhaupt eine Ideologie hat, dann ist es Business. In den Großstädten wachsen Hochhausviertel in den Himmel. Die Luft zum Atmen spenden Tulpenbeete zwischen Autobahnzubringern – vorzugsweise gebaut von AKP-nahen Unternehmern. Das G-20-Land Türkei wächst schnell, und die Türken finden das gut: 71 Prozent begrüßen die Globalisierung.
- Der umstrittene Staat
-
Kaum ein Land ist für den Westen so wichtig wie die Türkei – und über kaum ein Land sind die Meinungen im Westen so radikal und unversöhnlich geteilt. Ist die Türkei die große politische Hoffnung des Nahen und Mittleren Ostens, eine muslimische Demokratie mit Vorbildcharakter für die gesamte islamische Welt, willkommen als Mitglied der Europäischen Union? Oder ist die Türkei unter der Regierung von Ministerpräsident Tayyip Erdoğan zum trojanischen Pferd des Islamismus in der anständigen Weltgesellschaft geworden, zu einem Staat, der zwar noch Mitglied der Nato-Allianz ist, auf den man sich aber in Wahrheit nicht mehr verlassen kann? Für Deutschland , mit seinen Millionen von türkischen oder türkischstämmigen Einwohnern und Bürgern, sind diese Fragen drängender als für jedes andere westliche Land. Die Beziehungen zur Türkei sind hierzulande Außen- und Innenpolitik zugleich.
ZEIT- Herausgeber Josef Joffe hat in unserer Ausgabe Nummer 26 vom 24. Juni eine Kritik der türkischen Außenpolitik vorgelegt. Statt der traditionellen Westbindung, so Joffes Analyse, spiele Ankara » mit ganz neuen Allianzen – mit dem einstigen Todfeind Syrien, dem Konkurrenten Iran, dem Amerika-Rivalen Brasilien«. Das sei für den Westen ärgerlich, doch letztlich vor allem für Erdoğan und sein Land ein Weg ins diplomatische und politische Abseits: »Die Türkei stapelt neue Optionen, kann daraus aber kein festes Haus bauen. Die Vermittlerposition zwischen Israel und den Palästinensern, die einst Ankaras Einfluss im Westen wie in der Region gemehrt hat, ist nun perdu.«
In dieser Ausgabe antwortet Michael Thumann, Mittelost-Korrespondent der ZEIT mit Sitz in Istanbul, auf Josef Joffes Thesen.
Was die Türkei für ihren Erfolg braucht, ist vor allem Ruhe – und keinen Krieg. Hier liegt der entscheidende Unterschied zur Türkei früherer Jahre, die Josef Joffe als »defensiv und stabil« bezeichnet. In den 1990ern, als Ankara und Jerusalem beste Beziehungen pflegten, führte die Türkei einen blutigen Krieg gegen die Kurden in der Türkei und in den Nachbarländern. Sie marschierte in den Irak ein. Sie drohte Syrien mit Krieg und überfiel um ein Haar Griechenland. Damals verzögerte Deutschland die Lieferung von Panzern und Gewehren nach Ankara – zu Recht.
Heute sind das nicht mehr die bevorzugten Instrumente türkischer Außenpolitik. Man redet lieber, sendet Diplomaten aus, um zu verhindern, was der Region in den vergangenen Jahren mächtig schadete: Irakkrieg, Libanonkrieg, Gazakrieg. Ein Krieg um die Atomanlagen Irans wäre ein Alptraum für Ankara. Anders als Iran, aber auch die USA und Israel sieht die Türkei den Nahen Osten nicht als Machtprojektionsfläche, sondern vor allem als Messegelände. Entspannung ist erste Händlerpflicht.
Außenminister Ahmet Davutoğlu kann da einige Erfolge verbuchen. Türken vermittelten im Irak, im Libanon, bis Ende 2008 zwischen Israel und Syrien. Im Streit um das iranische Atomprogramm versuchen sie, jede Zuspitzung zu verhindern. Auch Sanktionen, die der türkischen Wirtschaft schadeten. Eine neue Allianz? Schwerlich. Die meisten Türken sind dagegen. »Die Türkei und Iran sind Nachbarn und Konkurrenten in der Region«, sagt Suat Kiniklioğlu, Erdoğan-Berater und AKP-Chefaußenpolitiker. Dabei gehe es um Handel und Energie. »Es würde mich jedoch nicht überraschen, wenn unsere Rivalität bald auch in anderen Bereichen zu spüren sein wird.« Die Türken wissen: Konflikte in Nahost nützen dem iranischen Milizenregime, im Frieden ist die Türkei vorneweg.
- Datum 09.07.2010 - 18:06 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 08.07.2010 Nr. 28
- Kommentare 298
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





Ein Mann der eine intime Kenntnis der Türkei mitbringt!Davon könnte sich der Joffe eine Scheibe abschneiden.
Bedauerlicherweise beschränken sich seine "intimen Kenntnisse" nur auf Istanbul - wo er in der Tat sehr gut leibt und lebt dafür, dass er uns seit Jahren einen türkischen Hochglanzprospekt nach dem anderen in die Hand drückt.
Dass Thumanns Beitrag eine Replik zu Joffe ist, das wundert mich sehr, hatte ich doch gedacht, dass Thumann auf Berichte über die Türkei abonniert ist.
Nun ja, es wird sich wohl um eine einmalige Entgleisung gehandelt haben.
Thumann, der hier das Wort "Bilanzen" im Mund führt, hat keinen blassen Schimmer, was uns ein EU-Beitritt der Türkei kosten würde - und allein die Vorbereitung dazu bereits gekostet hat!
Vom Wirtschaftsaufschwung profitieren übrigens vorwiegend strenggläubige Muslime oder AKP-Anhänger, die bei Ausschreibungen gezielt bevorzugt werden (Boris Kalnikoy von der Welt leistet hierzu gute Aufklärungsarbeit).
Kurzum: Hier haben wir es wieder mit jemandem zu tun, der ein Phänomen beschreibt, uns als vorbildlich und integrationsfähig beschreibt, und dafür gut bezahlt wird. Sollten Thumanns Träume jemals in Erfüllung gehen, wird nicht er es sein, der die Rechnung dafür bezahlt.
Bedauerlicherweise beschränken sich seine "intimen Kenntnisse" nur auf Istanbul - wo er in der Tat sehr gut leibt und lebt dafür, dass er uns seit Jahren einen türkischen Hochglanzprospekt nach dem anderen in die Hand drückt.
Dass Thumanns Beitrag eine Replik zu Joffe ist, das wundert mich sehr, hatte ich doch gedacht, dass Thumann auf Berichte über die Türkei abonniert ist.
Nun ja, es wird sich wohl um eine einmalige Entgleisung gehandelt haben.
Thumann, der hier das Wort "Bilanzen" im Mund führt, hat keinen blassen Schimmer, was uns ein EU-Beitritt der Türkei kosten würde - und allein die Vorbereitung dazu bereits gekostet hat!
Vom Wirtschaftsaufschwung profitieren übrigens vorwiegend strenggläubige Muslime oder AKP-Anhänger, die bei Ausschreibungen gezielt bevorzugt werden (Boris Kalnikoy von der Welt leistet hierzu gute Aufklärungsarbeit).
Kurzum: Hier haben wir es wieder mit jemandem zu tun, der ein Phänomen beschreibt, uns als vorbildlich und integrationsfähig beschreibt, und dafür gut bezahlt wird. Sollten Thumanns Träume jemals in Erfüllung gehen, wird nicht er es sein, der die Rechnung dafür bezahlt.
Vielleicht sollte man noch die 11,7% Wirtschaftswachstum im Q1 erwähnen.
http://www.tagesanzeiger....
An der Istanbuler Börse(ISE) macht man zuzeit wesentlich bessere Gewinne, als in Europa und USA.
Respekt Herr Thumann !
Die Artikel von Herrn Joffe und Herrn Thumann ergänzen sich doch gut, weil sie aus unterschiedlichen Blickwinkeln geschrieben sind.
Und endlich wieder mal ein seriöse und zutreffende Überschrift.
Betreff unterschiedlicher religiöser Strömungen in der Volkspartei AKP steht sie für den Thumannschen Optimismus. Den muß man ja nicht teilen.
Ich darf seit meiner Kindheit einmal im Jahr die Veränderungen in der Türkei begutachten; ich lebe in der deutschen und türkischen Kultur gleichzeitig; ich lese Zeitungen auf deutsch und auf türkisch.
Dieser Artikel trifft mit wenigen Zahlen sowohl was die Entwicklung der Türkei als auch was die Kritik an der Regierung betrifft, voll ins Schwarze.
für Thumann! Bitte genauer hinschauen Herr Joffe.
Wirklich nichts außer acht gelassen?
Die Söhne der Politik in der Türkei sind nicht vom selben Schlag demokratisch gesinnt.
Die islamisch geprägte AKP versucht sich da schon, da bin ich Ihrer Meinung. ABER! wird in den nächsten Jahren nur noch die APK regieren? Die Nationalisten im Lande warten schon in den Startlöchern auf Ihre Stunde! Diese Nationalisten werden gefüllte Kassen vorfinden und die 2. größte Nato-Armee die Ihren Befehlen zu 100% gehorchen wird. Hat dies mal jemand bedacht? Was geschieht mit der Wirtschaft des Landes wenn der Privatisierungsprozess abgeschlossen ist und der größte Bevölkerungsanteil des Landes ohne den erwünschten EU-Beitritt ins Erwerbsalter kommt? Der Wachstumsschub durch die Währungsabwertung der Krise von 2001 wird auch nicht ewig halten. Was machen wir dann mit einer Türkei mit einer nationalistische Regierung, ohne Wirtschaftswachstum mit explodierenden Arbeitslosenzahlen und rebellierende Kurden?
Schon mal daran gedacht? Jetzt wo doch ein so beherzter Erdogan regiert, es der Wirtschaft prima geht, die Griechen pleite sind und es eigentlich den Türken in der Türkei nicht besser gehen kann gibt es doch schon Tumulte und Stress mit Nachbarn und den Westen. Was wenn diese beste Phase der Türkei wegfällt?
Ich sag Ihnen die Zukunft voraus: Um schlimmeres abzuwenden wird die Türkei der EU beitreten. Die Türkei ist gezwungen diesen Beitritt zu erpressen ansosten droht Krieg oder Zusammenbruch.
...sorry, aber ihr jämmerlicher Versuch des Aufwiegelns mittels der Angst funktioniert nicht. Ebenso könnten sie schreiben dass man in der BRD befürchten muss dass die NPD an die Macht kommen könnte und gefüllte Staatskassen vorfindet.
Aufwiegeln deshalb, weil ich mir nicht vorstellen kann dass sie ein Hellseher sind.
in jedem Land gibt es Nationalisten.
Und so wie es Nationalisten gibt, besteht ebenso auch die Wahrscheinlickeit, dass diese mal gewählt werden.
Aber der Mehrheit der Türken zu unterstellen, sie würden urplötzlich die Nationalisten wählen, ist mehr als nur weit hergeholt..
Da erscheint es mir schon wahrscheinlicher, dass in einem der großen Westeuropäischen Staaten eine Nationalistische Partei die Macht ergreift..
beim lesen des Artikels von Herrn Thuman,der ein großartiges Bild der Türkei aufzeigt,hatte ich
das Gefühl irgendwo muß es da einen Haken geben ,
in ihrem interessanten Bericht, byzopsycho,habe
ich ihn gefunden, nachdenkenswert,danke.
...sorry, aber ihr jämmerlicher Versuch des Aufwiegelns mittels der Angst funktioniert nicht. Ebenso könnten sie schreiben dass man in der BRD befürchten muss dass die NPD an die Macht kommen könnte und gefüllte Staatskassen vorfindet.
Aufwiegeln deshalb, weil ich mir nicht vorstellen kann dass sie ein Hellseher sind.
in jedem Land gibt es Nationalisten.
Und so wie es Nationalisten gibt, besteht ebenso auch die Wahrscheinlickeit, dass diese mal gewählt werden.
Aber der Mehrheit der Türken zu unterstellen, sie würden urplötzlich die Nationalisten wählen, ist mehr als nur weit hergeholt..
Da erscheint es mir schon wahrscheinlicher, dass in einem der großen Westeuropäischen Staaten eine Nationalistische Partei die Macht ergreift..
beim lesen des Artikels von Herrn Thuman,der ein großartiges Bild der Türkei aufzeigt,hatte ich
das Gefühl irgendwo muß es da einen Haken geben ,
in ihrem interessanten Bericht, byzopsycho,habe
ich ihn gefunden, nachdenkenswert,danke.
da wären wir alle glücklich, ich allen voran.
Leider spricht die Realität doch dagegen. Wenn die nächsten Regierungen den Wind in den Segeln lassen und nachhaltig den Wachstum fordern, sich friedlich auf Wohlstand und Fortschritt ausrichten. Erst dann würde ich mich über die Türken freuen.
...sorry, aber ihr jämmerlicher Versuch des Aufwiegelns mittels der Angst funktioniert nicht. Ebenso könnten sie schreiben dass man in der BRD befürchten muss dass die NPD an die Macht kommen könnte und gefüllte Staatskassen vorfindet.
Aufwiegeln deshalb, weil ich mir nicht vorstellen kann dass sie ein Hellseher sind.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren