Es sollte Obamas Glanzstunde werden. Es gab einen Kompromiss, mühsam mit dem Kongress ausgehandelt, zur Regulierung des amerikanischen Finanzmarktes. Der Präsident wollte öffentlich seinen Sieg über die "fetten Katzen" der Wall Street feiern, pünktlich zu den Feuerwerken des amerikanischen Unabhängigkeitstages am 4. Juli. Doch dann platzte der Plan , wenige Tage vor dem Feiertagswochenende. Das Geschachere im Kongress geht in eine neue Runde. Obama wartet immer noch auf ein unterschriftsreifes Gesetz.

Es ist nicht das erste Mal, dass dem Präsidenten der Moment des Triumphs versagt bleibt. Bei seiner ersten Rede zur Lage der Nation Anfang des Jahres wollte er die Verabschiedung seiner hart umkämpften Gesundheitsreform zum zentralen Thema machen. Das Werk war nach monatelangen Verhandlungen bereits eine Sammlung von Kompromissen – doch dann verschoben Abgeordnete die Abstimmung in letzter Minute, um einige unliebsame Details doch noch einmal abzuschwächen.

Noch ein Beispiel gefällig? Obama durfte nicht einmal im Zuge des Öldesasters im Golf von Mexiko so richtig durchgreifen. Eigentlich wollte der Präsident ein umfassendes Klimaschutzpaket und unabhängiger werden vom Öl und von anderen Energiefressern . Doch stattdessen wird es ein loses Bündel von Energiesparmaßnahmen geben – sofern denn überhaupt ein Gesetz zustande kommt.

Aus der Nähe betrachtet, wirkt Obama also immer weniger wie ein durchsetzungsfähiger Präsident , der historische Erfolge erringt. Immer mehr erscheint er wie ein Vertreter, der Geschäftsabschlüsse preist, bei denen im Kleingedruckten brisante Lücken verborgen sind.

Mehr als 3000 Lobbyisten versuchten, die Finanzreform zu durchlöchern

Schuld sind Lobbyisten und Wirtschaftsvertreter, deren Einfluss auf die Entscheidungen in Washington ausgerechnet unter dem Reformer und Aufräumer Obama so spür- und sichtbar wie selten zuvor ist. Nirgendwo zeigt sich das deutlicher als bei der Finanzreform. Für die Wall Street standen goldene Geschäftsmodelle auf dem Spiel, mit denen sie selbst in der schwersten Rezession noch Milliarden einfahren konnte. Goldman Sachs und Co. lieferten Washington eine Materialschlacht. Allein in den ersten drei Monaten des Jahres gaben Finanzinstitute und ihre Verbände täglich 1,4 Millionen Dollar aus, um die Gesetzgeber in Washington in ihrem Sinne zu beeinflussen. Sie schickten mehr als 3000 Lobbyisten los, um die Reform zu durchlöchern. Auf einen Volksvertreter kamen im Schnitt fünf Interessenvertreter.

Einer von ihnen ist Eric D.

Geübt nimmt er das Lachs-Sushi mit den Stäbchen auf. Der Enddreißiger blickt sich zufrieden um. Die Wände des Speisesaals im Restaurant Oya, wenige Straßenzüge vom Weißen Haus entfernt, sind mit weißem Marmor und Spiegeln verkleidet, Lüster hängen über den Tischen. Die Gäste thronen auf weißen Ledersesseln. Hinter einer Glaswand flackert trotz der sommerlichen Jahreszeit ein Kaminfeuer, der Raum ist angenehm kühl. Eric ist von Beruf Einflüsterer, Lobbyist, obwohl er die Bezeichnung nicht so gern hört. Er heißt auch nicht Eric, aber Anonymität war seine Bedingung für das Gespräch. Er ist Finanzexperte bei einer der führenden Firmen, die im Auftrag von Banken und Kreditinstituten hinter den Kulissen des Kapitols gegen striktere Regeln kämpften.

Es glich in den vergangenen Wochen, als um das Gesetz gerungen wurde, einer Belagerung: Die Interessenvertreter bedrängten die Abgeordneten in den Vorräumen des zuständigen Vermittlungsausschusses im Kapitol, lauerten ihnen in den Aufzügen auf, belagerten ihre Büros und brachten die elektronischen Briefkästen ihrer Mitarbeiter zum Überlaufen.

Solche Szenen hätte es nach dem Willen Obamas gar nicht mehr geben dürfen.

Als Obama vor fast zwei Jahren auf einer Welle der Erneuerungseuphorie gewählt wurde, gehörte zu seinen Wahlversprechen, der culture of corruption ein Ende zu bereiten. Das Geben und Nehmen zwischen den Mächtigen der Wirtschaft und der Politik wollte er unterbinden. Als eine seiner ersten Amtshandlungen im Weißen Haus beschränkte er den Umfang, in dem Regierungsmitglieder Geschenke und Einladungen annehmen dürfen. Gestrichen die üppigen Dinner in den Gourmettempeln der Stadt, keine "Tagungs"-Wochenenden in Luxushotels in den Rocky Mountains oder auf Segeljachten in der Karibik mehr.

 

Obama wollte die Lobbyisten entmachten. Aber die Lobbyisten finden Obama heute ziemlich toll.

"Obama ist gut für unser Geschäft", sagt Eric. "Er hat so viele große Projekte in Angriff genommen, wie die Gesundheitsreform , die Finanzregulierung , die Energiefrage – es gibt fast keine Branche, die nicht von irgendwelchen Änderungen betroffen ist." Änderungen bedeutet, dass Lobbyisten losgeschickt werden, um sie zu verhindern oder im Sinne der Unternehmen zu gestalten.

Das gilt im Augenblick sogar für Konzerne wie BP , die eigentlich in Sack und Asche gehen müssten. Tut der Chef öffentlich ja auch aber zugleich engagierte BP zur politischen Schadensbegrenzung vier Topstars der Lobby-Szene, was die Washington Post zu einer Titelgeschichte veranlasste.

Doch fast egal, um welche Branche es geht: Lobbying ist Big Business. Die Gesundheitsbranche ließ fast 550 Millionen Dollar springen, um Obamas Reform in ihrem Sinne zu formen. Insgesamt nahmen die Lobbyisten im vergangenen Jahr knapp 3,5 Milliarden Dollar ein, fast doppelt so viel wie 2002, im ersten Amtsjahr von George W. Bush. In den Büroklötzen um die K-Street in Downtown Washington, wo hinter den glatten, hellen Fassaden Hunderte der Lobbyfirmen und Interessenvertretungen ihren Sitz haben, sind die Mieten in den vergangenen zwei Jahren explodiert.

Eigentlich müsste Erics Job durch Obamas Regeln doch schwieriger geworden sein – eigentlich dürfte sich kaum noch jemand mit ihm treffen, oder? Amüsiert schüttelt der Bankenlobbyist den Kopf. Das wichtigste Handwerkszeug der Zunft sei schon lange nicht mehr das Spesenkonto, sondern die Informationsbeschaffung. "Die Abgeordnetenbüros sind chronisch unterbesetzt, die Mitarbeiter haben Dutzende von Themen und Aufgaben – ich helfe ihnen mit Material und Know-How", sagt er. Dass die Analyse im Interesse seines Auftragebers gefiltert wird, nehmen seine Gegenüber in Kauf.

Für Kritiker ist das eine der größten Schwachstellen des politischen Systems in Washington. "Typischerweise stehen die Mitarbeiter der Kongressmitglieder am Anfang ihrer Karriere, kommen aus ihrer Heimat nach Washington und sollen nun ihren Boss bei all diesen enorm komplexen Entscheidungen umfassend informieren", sagt John Wonderlich, Direktor der Sunlight Foundation für mehr Transparenz in der Politik. Und sie sähen sich Lobbyisten gegenüber, in der Regel zehn bis fünfzehn Jahre älter, nicht selten ehemalige Mitarbeiter eines Ministers, Senators oder Abgeordneten oder gar frühere Kongressmitglieder – da sei es "verlockend, auf Erfahrung, Beziehungen und Kenntnisse zurückzugreifen".

Die Drehtür zwischen Politik und Lobbyismus hat seit Obamas Amtsantritt an Schwung gewonnen. Wall-Street-Banken waren besonders eifrig beim Anheuern von Ex-Regierungsmitgliedern und Parlamentariern. Laut einer Analyse von Bürgerrechtlern waren 1447 Finanzlobbyisten zuvor in der Politik oder in Staatsdiensten. Mindestens 42 wechselten aus dem Finanzministerium in die Dienste der Industrie, 73 sind ehemalige Abgeordnete oder Senatoren. Viele von ihnen fühlen sich nun wie Schattenparlamentarier.

"Wir wissen besser als die Jungs auf dem Capitol Hill, wie man Gesetze macht", prahlt ein Cheflobbyist, der einst im Budget-Komitee des Repräsentantenhauses arbeitete. Nicht selten schreiben seine Leute für die Abgeordneten Reden oder Gesetzesvorschläge vor – und lassen dezent die Belange ihres Auftraggebers einfließen. Als Erfolg verbuchen die Einflüsterer, wenn es der von ihnen vorformulierte Gesetzestext bis in die Fassung schafft, die dann verabschiedet wird. Minuspunkte gibt es, wenn die Ghostwriter auffliegen – wie bei der Debatte um die Gesundheitsreform, als mehr als ein Dutzend Volksvertreter sich in ihren Stellungnahmen wortgleich äußerten. Wie die New York Times aufdeckte, hatten sie alle auf einen Text zurückgegriffen, den ihnen Lobbyisten des Pharmariesen Genentech, einer Tochter des Schweizer Roche-Konzerns, zur Verfügung gestellt hatten.

Die wertvollste Währung in Washington ist "access" – der Zugang zu Politikern

Trotzdem: Was die US-Parlamentarier am stärksten in die Arme der Lobbyisten treibt, ist ihr stetig wachsender Geldbedarf . Eine erfolgreiche Wahlkampagne, um einen der 435 Sitze im Repräsentantenhaus zu erringen oder zu halten, kostet im Schnitt 1,5 Millionen Dollar. Wer sich um einen der hundert Senatsposten bewirbt, muss mit bis zu acht Millionen Dollar rechnen. "Das bedeutet für einen Hinterbänkler, der seine Wiederwahl sichern will, dass er zwei Jahre lang pro Woche 15.000 Dollar einsammeln muss", sagt ein Washingtoner Insider.

 

Dazu dienen Veranstaltungen wie das Frühstück, das an diesem Morgen in einem Separee bei Johnny’s Halfshell, einem Lokal in Sichtweite des Kapitols, ausgerichtet wird. Kellner balancieren Tabletts voller Teller mit Eiern und Speck. Eigentlich sollte die Veranstaltung schon begonnen haben. Die Spendensammlung ist für John Thune, den republikanischen Senator für den Bundesstaat South Dakota und bei der letzten Wahl als Vizepräsidentschaftskandidat gehandelt. Es ist kurz nach halb neun, als der Senator endlich eintrifft. Groß und sportlich, leicht gebräunt, der Anzug dunkelblau, ein Amerikafähnchen am Revers. Das Routinelächeln des Berufspolitikers.

Sofort umringt ihn ein halbes Dutzend Gäste. Jeder von ihnen hat 1000 Dollar Eintritt bezahlt, um mit dem Volksvertreter Rührei zu frühstücken. Das ist es ihnen wert. Es garantiert ihnen, dass er ihnen zuhört – wenn auch nur für wenige Minuten. Sie werden in Washingtons wertvollster Währung entschädigt: access , Zugang zu den Regierenden. Händeschütteln, Schulterklopfen, dann schließen sich hinter dem Senator die Schiebetüren. Keine Presse, bitte! Für Journalisten sind die Fundraising - Plaudereien tabu.

Und Thunes 1000-Dollar-Frühstück ist noch bescheiden. Man trifft sich zu Golfturnieren, bei denen Topsponsoren 5000 Dollar lockermachen, oder kauft sich für 2000 Dollar in die VIP-Lounge des Politikers beim Bruce-Springsteen-Konzert ein, bei dem das normale Ticket für 100 Dollar zu haben ist. Die Lobbyisten sehen sich zu Unrecht von Obama und anderen Kritikern beschuldigt, die Regierungsarbeit zu behindern und Gesetze zugunsten ihrer Klientel zu verzerren. "Naturgemäß ist das Interesse von Einzelnen oder einer Gruppe immer speziell, aber wenn Sie beim politischen Prozess nicht mitmachen, wie sollen Ihre Wünsche und Sorgen dann bekannt werden?", fragt Bruce Navarro, ein Partner bei Fabiani & Co, einer der Topadressen.

Meist liege es an der Einstellung des Betrachters, welche Interessen als legitim gälten, sagt Tom Spulak, der Unternehmen bei der Einhaltung der neuen Lobbyistenregeln berät und vor seiner Tätigkeit jahrelang Jurist im Repräsentantenhaus war. "Die Erzeuger von Windenergie etwa betreiben mit am aktivsten Lobbyarbeit – darüber habe ich noch keine Beschwerde gehört", sagt er. Die – vorläufige – Fassung der Finanzreform zeigt, wie weit die Macht der Drahtzieher im Hintergrund reicht. So blieben zwar viele Kernpunkte auf dem Papier erhalten, doch die betroffenen Branchen dürfen sich über eine lange Liste von Ausnahmen, Fristen und Spielräumen freuen. Auch die Autoindustrie errang einen Sieg. Das Arrangieren von Autokrediten – dem nach Kreditkarten häufigsten Konsumentendarlehen – wird nun doch nicht von einer neuen Verbraucherschutzstelle überwacht. Ein Volltreffer für die Einflüsterer, die die umstrittene Ausnahme durch alle Verhandlungen retteten.

Was der Reiz an diesem Job sei? Der Einflüsterer Eric D. sagt ganz kühl: "Es ist sehr befriedigend, wenn man sich mit seiner Vision durchsetzen kann." Dann wirft er einen Blick auf sein Blackberry und rückt dezent seine silbernen Manschettenknöpfe zurecht. Er muss los. Der nächste Gesetzentwurf wartet schon.