Eigentlich ist Klaus Wagenbach ein Dinosaurier! Er ist ein Mann mit Eigenschaften: Buchhändler, Hersteller, Lektor, Übersetzer, Schriftsteller, Herausgeber, Literaturwissenschaftler, Kunsthistoriker und auch italienischer Verleger! Denn die vielen italienischen Autoren, die er im Wagenbach-Verlag seit Jahrzehnten verlegt hat, bilden ein komplettes, raffiniertes Verlagsprogramm.

Das Wichtigste: Er ist ein Überlebender! Ich erinnere mich an die Worte meines großen Freundes Heinrich Maria Ledig-Rowohlt 1964, als Klaus sein geerbtes Haus verkaufte, um einen Verlag zu gründen, "das kann nicht gut gehen!", aber siehe da: Rowohlt und S. Fischer wurden verkauft, Wagenbach lebt! Seine Devise damals: "Ein guter Verleger lebt finanziell immer mit einem Bein am Abgrund."

Klaus wurde mir 1959 von Tutti Berman-Fischer auf der Buchmesse in Frankfurt vorgestellt, "ein entzückender, begabter junger Lektor". Er begrüßte mich griesgrämig, spöttisch, und wir wurden Freunde fürs Leben. Ich erinnere mich an seinen ersten Besuch mit Günter Grass zu einem Fest bei uns in Mailand. Beide kamen aus der braven, dumpfen BRD der Erhard-Zeit und waren begeistert von dem bunten Mischmasch von Gästen bei uns. Klaus und ich wurden Mitgründer eines internationalen Verlagspreises in Paris, des "Preises der 7", mit Christian Bourgois, Jorge Herralde, Snue Abbekasis, Rob van Gennep, John Calder. Unendliche Diskussionen: Wer ist der beste Autor, den wir gemeinsam publizieren können?

Klaus kam als einziger Deutscher zu dem Treffen der Gruppe 63 nach Reggio Emilia (einer chaotischen Nachahmung der Gruppe 47) und war total irritiert von den undisziplinierten Lesungen italienischer Autoren. Nach dem Sturz von General Franco tanzten wir zusammen auf allen Verlagsjubiläen unserer neuen Kollegen in Barcelona. Er kam zur Beerdigung von Giangiacomo Feltrinelli, neben Régis Debray und Uwe Johnson, und hielt eine unvergessene Rede. Und er gab selbst die besten Feste in Berlin. Ich erinnere mich an eines an einem schönen See mit Buletten und Kartoffelsalat und allen Berliner Intellektuellen jener Zeit: von Ingeborg Bachmann bis Johannes Bobrowski, von Walter Höllerer bis Otto Schily. Vor dem Fest wurden wir Gäste aus dem Ausland in einem Bus mit dem Experten Professor Buddensiek durch die ganze Stadt gefahren, um die für uns interessanten "Monumente" zu bewundern, wie zum Beispiel das bescheidene Hinterhaus, in dem der geniale Samuel Fischer 1886 seinen Verlag gegründet hatte.

Es war schwierig, die italienischen Autoritäten 1987 zu überzeugen, "Deutschlands höchstvorbestraften Verleger" zum "Cavaliere al Merito della Repubblica Italiana" zu küren, für seine hervorragenden Verdienste um die Verbreitung italienischer Literatur in Deutschland. In Bonn war man dagegen, aber die Regierung in Rom hat positiv reagiert und ihm den Orden verliehen.

Klaus hat immer noch seine Ideale: Anarchie, Geschichtsbewusstsein und Hedonismus! Beim Hedonismus bin ich mir nicht so sicher: Er liebt zwar gute Weine, gutes Essen, schöne Autos, rote Socken, aber ich habe ihn im Vergleich zu vielen anderen Verlegern immer redlich, unbestechlich, preußisch erlebt. Natürlich ist er auch, wie er selbst sagt, "listig und frei!" und hat mit gutem Instinkt seine Frau Susanne Schüssler zu seiner Nachfolgerin bestimmt und seiner Tochter Nina den Vertrieb übergeben. Er folgt ihren neuen Ideen mit leicht amüsierter Distanz und wundert sich, dass es dem Verlag auch ohne ihn gut geht. Hoch lebe Klaus, sein außergewöhnliches Lebenswerk ist in den besten Händen!

 

Inge Feltrinelli ist Verlegerin in Mailand. Im ZEITmagazin hat Klaus Wagenbach einen Traum