Tourismus Sie mögen Deutschland
Die Gegenwart tritt vor die Vergangenheit: Berlin wird zum Sehnsuchtsort junger Israelis
Es gibt ein Zauberwort in Tel Aviv, und es lautet Berlin. »Wenn einer meiner Freunde nicht in Israel ist, muss ich gar nicht fragen, wo er steckt«, sagt Jasmin Skurnik-Glikzelig, »er ist in Berlin.« Die 26-Jährige mit der Bettie-Page-Frisur im Fünfziger-Jahre-Stil ist Managerin des Salons Berlin, einer Bar im Zentrum von Tel Aviv: braune Holzvertäfelung an der Decke, Plastikrosen und Häkeldeckchen auf den Tischen, minimalistisches Elektro-Plingplong aus den Lautsprechern.
»Früher gab es viele Damenbekleidungsgeschäfte in Tel Aviv, die sich Salon nannten«, erklärt Jasmin Skurnik-Glikzelig. »Salon Paris, Salon Budapest«, zählt sie auf, »aber einen Salon Berlin, den gab es natürlich nicht.« Zu verhasst waren Deutschland und alles, was von dort kam, in Israel. Die Überlebenden des Holocaust und ihre Nachkommen wollten durch nichts an das Land ihrer Peiniger erinnert werden. Nun hat sich etwas verändert in Israel, zuvörderst in Tel Aviv.
Mit Berlin verbinden junge Israelis nicht mehr nur Vertreibung und Vernichtung, sondern auch Sehnsüchte, Sehnsüchte nach Kunst und Kultur, nach Freiheit und Vergnügen. Mit einem Salon Berlin hätten die Besitzer aus Altem etwas Neues schaffen wollen, sagt Jasmin Skurnik-Glikzelig, etwas, das so vorher nicht möglich gewesen sei. Die Stadt Berlin steht für eine bisweilen zaghafte, mitunter überwältigende Neugier vieler Israelis. Eine Offenheit, die man hier wie da nicht für möglich gehalten, auf die man nicht zu hoffen gewagt hätte. Plötzlich ist es möglich, dass Birkenstock mit dem Slogan »Made in Germany« für seine Gesundheitslatschen wirbt, dass es israelische Fußballfans gibt, die der deutschen Nationalmannschaft die Daumen drücken.
Auch das Goethe-Institut in Tel Aviv profitiert vom wachsenden Interesse. Zwischen den Jahren 2005 und 2009 stieg der Umsatz, den das Institut mit seinen Sprachkursen erzielt, um 42 Prozent. Das liege auch an einem verbesserten Angebot, sagt Institutsleiter Georg Blochmann. Aber er beobachtet etwas, das er »ein authentisches Interesse am Deutschlernen« nennt: Viele Israelis kämen einfach so, zum Spaß, Prüfungen legten die wenigsten ab.
»Fast jeder Israeli in meinem Alter war schon mindestens einmal in Berlin oder will bald dorthin«, meint Aya Zarfati. Die Erhebungen des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg stützen die Vermutung der 29-Jährigen: In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der Übernachtungen israelischer Touristen in Berlin beinahe verfünffacht. Christian Tänzler von der Berlin Tourismus Marketing GmbH spricht von einer »Erfolgsstory«. Die Zahl der israelischen Studenten an der Freien und der Humboldt-Universität in Berlin hat sich seit dem Jahr 2000 mehr als verdoppelt.
Aya Zarfatis Flug nach Berlin startet Ende August. Gegen ein kleines Volontärsgehalt wird sie Touristen durch das Haus der Wannsee-Konferenz führen, in dem die Nazis 1942 die Vernichtung der europäischen Juden beschlossen. Eine Stiftung bezahlt ihr Zimmer in einer Wohngemeinschaft in Neukölln. »Mindestens ein Jahr« will Aya bleiben, »vielleicht länger«.
Die Zahl der Israelis, die in Berlin gemeldet sind, hat zwischen 1999 und 2009 um 50 Prozent zugenommen. »Ich bin besessen von Deutschland«, sagt Aya Zarfati und lacht. Ihrer Großmutter habe sie das zu verdanken. Obwohl die Großmutter – in Österreich geboren – den Holocaust miterlebt habe, hätte sie Deutschland und die Deutschen nie gehasst.
- Datum 10.07.2010 - 10:25 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 08.07.2010 Nr. 28
- Kommentare 26
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Durch meine persönlichen Kontakte weiß ich um den Zugewinn für Berlin!
... die Israelis sollen zahlreich kommen. Sie können uns nur bereichern.
Die deutsche Mentalität, sich Minderheiten als Sündenböcke für ihre Aggressionen und Projektionsfläche für ihre unbewältigten Phantasien und Schuldgefühle zu suchen, findet heute andere Ziele. Heute sind es Moslems, Arbeitslose und andere Minderleister, die den aufrechten Deutschen nur Geld kosten, faul sind, keinen wirtschaftlichen Wert haben, gierig an den staatlichen Leistungen schmarotzen, an der deutschen Wirtschaftskraft parasitieren, die Kinder der Leistungsschichten in gemeinsamen Schulklassen am Lernen hindern wollen, und vor deren heimtückischer Gewalttätigkeit der ehrlichen Bürger sich auf Bahnhöfen und in verrufenen Stadtvierteln fürchten muss.
Nein, Juden müssen in Deutschland heute keine Angst mehr haben.
... die Israelis sollen zahlreich kommen. Sie können uns nur bereichern.
Die deutsche Mentalität, sich Minderheiten als Sündenböcke für ihre Aggressionen und Projektionsfläche für ihre unbewältigten Phantasien und Schuldgefühle zu suchen, findet heute andere Ziele. Heute sind es Moslems, Arbeitslose und andere Minderleister, die den aufrechten Deutschen nur Geld kosten, faul sind, keinen wirtschaftlichen Wert haben, gierig an den staatlichen Leistungen schmarotzen, an der deutschen Wirtschaftskraft parasitieren, die Kinder der Leistungsschichten in gemeinsamen Schulklassen am Lernen hindern wollen, und vor deren heimtückischer Gewalttätigkeit der ehrlichen Bürger sich auf Bahnhöfen und in verrufenen Stadtvierteln fürchten muss.
Nein, Juden müssen in Deutschland heute keine Angst mehr haben.
Die Menschen kommen sich wieder näher, das freut mich.
Sondern meine Generation, die gedanklich in einer postnationalen Welt lebt. Zumindest meist. Und wenn nationale Zugehörigkeit noch eine Rolle spielt dann auf eine lockere Weise, das Fantum bei jüngsten Fußballturnieren voller Nationalflaggen überall hat zB größere Ähnlichkeiten zur Fankultur von Fußballvereinen (wo ja auch alle ihre Vereinsschals, Trikots, etc. haben) als zu einem politisch-nationalen Stolz.
Und umgekehrt treten gerade in dieser globalisierten Welt regionale - nicht nationale sondern regionale - Unterschiede umso mehr hervor. Gerade meine Generation interessiert sich sehr dafür was seine Heimat ausmacht und entwickelt zB neues Interesse an den Dialekten, die die Generation ihrer Eltern noch "ausrotten" wollte und bis heute für minderwertiges Deutsch hält. Und gleichzeitig lernt man Spanisch und schaut Hollywoodfilme im englischen Original.
Identität und Weltoffenheit, das ist das einende meiner Generation und darum bin ich was die Zukunft angeht wirklich optimistisch. Die Welt kommt sich näher.
Sondern meine Generation, die gedanklich in einer postnationalen Welt lebt. Zumindest meist. Und wenn nationale Zugehörigkeit noch eine Rolle spielt dann auf eine lockere Weise, das Fantum bei jüngsten Fußballturnieren voller Nationalflaggen überall hat zB größere Ähnlichkeiten zur Fankultur von Fußballvereinen (wo ja auch alle ihre Vereinsschals, Trikots, etc. haben) als zu einem politisch-nationalen Stolz.
Und umgekehrt treten gerade in dieser globalisierten Welt regionale - nicht nationale sondern regionale - Unterschiede umso mehr hervor. Gerade meine Generation interessiert sich sehr dafür was seine Heimat ausmacht und entwickelt zB neues Interesse an den Dialekten, die die Generation ihrer Eltern noch "ausrotten" wollte und bis heute für minderwertiges Deutsch hält. Und gleichzeitig lernt man Spanisch und schaut Hollywoodfilme im englischen Original.
Identität und Weltoffenheit, das ist das einende meiner Generation und darum bin ich was die Zukunft angeht wirklich optimistisch. Die Welt kommt sich näher.
bezeichnet, fällt durch sein kulturelles Angebot, welches das der mecklenburgischen Seenplatte weit hinter sich lässt, immer wieder positiv auf.
Israel hingegen, das Belgien des mittleren Ostens, hat weit mehr Nobelpreisträger auzuweisen als die ganze Kalahari.
Ich finde, die beiden ergänzen sich nahezu prächtig!
Sondern meine Generation, die gedanklich in einer postnationalen Welt lebt. Zumindest meist. Und wenn nationale Zugehörigkeit noch eine Rolle spielt dann auf eine lockere Weise, das Fantum bei jüngsten Fußballturnieren voller Nationalflaggen überall hat zB größere Ähnlichkeiten zur Fankultur von Fußballvereinen (wo ja auch alle ihre Vereinsschals, Trikots, etc. haben) als zu einem politisch-nationalen Stolz.
Und umgekehrt treten gerade in dieser globalisierten Welt regionale - nicht nationale sondern regionale - Unterschiede umso mehr hervor. Gerade meine Generation interessiert sich sehr dafür was seine Heimat ausmacht und entwickelt zB neues Interesse an den Dialekten, die die Generation ihrer Eltern noch "ausrotten" wollte und bis heute für minderwertiges Deutsch hält. Und gleichzeitig lernt man Spanisch und schaut Hollywoodfilme im englischen Original.
Identität und Weltoffenheit, das ist das einende meiner Generation und darum bin ich was die Zukunft angeht wirklich optimistisch. Die Welt kommt sich näher.
die verständigung ist wunderbar aber mit den dialekten habe ich so meine probleme. da die verständigung ad absurdum führt- babylon lässt grüssen.....
auf einer seite sollen zuwanderer deutsch lernen und reden, aber welches....
und die mobilität zwingt uns öfter standorte wechseln, was mache ich mit perfektem platt ion schwaben oder der schweiz?
kunscht mir dasch erkläre
die verständigung ist wunderbar aber mit den dialekten habe ich so meine probleme. da die verständigung ad absurdum führt- babylon lässt grüssen.....
auf einer seite sollen zuwanderer deutsch lernen und reden, aber welches....
und die mobilität zwingt uns öfter standorte wechseln, was mache ich mit perfektem platt ion schwaben oder der schweiz?
kunscht mir dasch erkläre
Was mich als Nach-nach-geborenen an dieser Entwicklung vor allem anderen fasziniert, ist die Tür, die sich damit in die Vergangenheit vor der brauen Vergangenheit öffnet. Die Allpräsenz der Zeit des Nationalsozialismus hat in meinem bisherigen Leben meist die viel ältere und längere Geschichte der jüdischen Kultur in Deutschland überschattet. Ich freue mich sehr darüber, dass sich hier jetzt die Möglichkeit für meine und die folgende Generation eröffnet dieses Zusammenleben wieder fortzuführen.
wenngleich das sicher auch der weltweiten Berlin-Begeisterung zu verdanken ist. Ich kann mir vorstellen, dass diese jungen Israelis mit oftmals auch deutschem oder mitteleuropäischen Hintergrund mit einer inneren Landschaft aufgewachsen sind, die entscheidend von ihren Eltern oder Großeltern geprägt wurde und die ihnen ein 'Wieder'-Erkennen bescheren, dass ihnen ein diffuses Gefühl von Angekommen -Sein in seiner Ambivalenz von "Wir wurden verjagt" und "Es ist doch auch unsere Heimat" vermittelt. Wären sie nicht verjagt worden, die Verwandten nicht umgebracht worden, lebten sie selbstverständlich hier.----
Ich z.B. als Tochter einer Mutter, die geflohen ist als junges Mädchen, spüre in Bezug auf ostpreußische Landschaften ein diffuses Heimatgefühl, obgleich ich nie da war. So als sei diese Landschaft mir subkutan vermittelt worden. Sie berührt mich in ganz anderer Weise als die Landschaft, in der ich aufwuchs und die ich mit 19 verließ, oder irgendeine andere europäische Landschaft. Die finde ich schön, aber ich sehe sie mehr von außen.
Etwas in dieser Art stelle ich mir bei jungen Israelis mit deutschen oder mitteleuropäischen Wurzeln vor.
Auch die mitteleuropäischen Juden waren ja sehr auf Deutschland ausgerichtet, sprachen oft deutsch oder eben jiddisch, was ja auch eine deutsche Sprache ist.
"das Fantum bei jüngsten Fußballturnieren voller Nationalflaggen überall hat zB größere Ähnlichkeiten zur Fankultur von Fußballvereinen (wo ja auch alle ihre Vereinsschals, Trikots, etc. haben) als zu einem politisch-nationalen Stolz."
Man muss schon ganz schön naiv sein, um darin die Liebe zum Sport, den auf einmal ziemlich viele Menschen interessieren, die sich sonst einen Dreck um Fußball scheren, und nicht die Liebe zur Nation - und damit die Aus- und Abgrenzung "der anderen" - zu sehen.
"Man muss schon ganz schön naiv sein, um darin die Liebe zum Sport, den auf einmal ziemlich viele Menschen interessieren, die sich sonst einen Dreck um Fußball scheren, und nicht die Liebe zur Nation - und damit die Aus- und Abgrenzung "der anderen" - zu sehen."
Allerdings sollte man nicht vergessen, dass es auch Menschen gibt, denen Sport auf hohem Niveau gefällt. Ich gucke mir gerne die Weltmeisterschaft an, in der Bundesliga sind mir die weniger guten Spiele zu häufig.
"Man muss schon ganz schön naiv sein, um darin die Liebe zum Sport, den auf einmal ziemlich viele Menschen interessieren, die sich sonst einen Dreck um Fußball scheren, und nicht die Liebe zur Nation - und damit die Aus- und Abgrenzung "der anderen" - zu sehen."
Bei einem (kleinen?) Teil mag das so sein. Die meisten wollen aber doch einfach mit Gleichgesinnten Spaß haben. Auch und gerade DAS ist es doch, was uns vor 2006 niemand zugetraut hätte.
"Man muss schon ganz schön naiv sein, um darin die Liebe zum Sport, den auf einmal ziemlich viele Menschen interessieren, die sich sonst einen Dreck um Fußball scheren, und nicht die Liebe zur Nation - und damit die Aus- und Abgrenzung "der anderen" - zu sehen."
Allerdings sollte man nicht vergessen, dass es auch Menschen gibt, denen Sport auf hohem Niveau gefällt. Ich gucke mir gerne die Weltmeisterschaft an, in der Bundesliga sind mir die weniger guten Spiele zu häufig.
"Man muss schon ganz schön naiv sein, um darin die Liebe zum Sport, den auf einmal ziemlich viele Menschen interessieren, die sich sonst einen Dreck um Fußball scheren, und nicht die Liebe zur Nation - und damit die Aus- und Abgrenzung "der anderen" - zu sehen."
Bei einem (kleinen?) Teil mag das so sein. Die meisten wollen aber doch einfach mit Gleichgesinnten Spaß haben. Auch und gerade DAS ist es doch, was uns vor 2006 niemand zugetraut hätte.
"Man muss schon ganz schön naiv sein, um darin die Liebe zum Sport, den auf einmal ziemlich viele Menschen interessieren, die sich sonst einen Dreck um Fußball scheren, und nicht die Liebe zur Nation - und damit die Aus- und Abgrenzung "der anderen" - zu sehen."
Allerdings sollte man nicht vergessen, dass es auch Menschen gibt, denen Sport auf hohem Niveau gefällt. Ich gucke mir gerne die Weltmeisterschaft an, in der Bundesliga sind mir die weniger guten Spiele zu häufig.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren