Interview Guido Westerwelle "Das akzeptiere ich nicht"

Vizekanzler und Außenminister Guido Westerwelle über eigene und fremde Fehler und sein Bild in den Medien

Sieht jetzt nicht die Zeit für Selbstkritik: FDP-Chef und Außenminister Guido Westerwelle

Sieht jetzt nicht die Zeit für Selbstkritik: FDP-Chef und Außenminister Guido Westerwelle

Ein blaues Schaf in der einen Ecke, ein gelbes Schild mit der Aufschrift »Wir halten Wort. Mehr Netto vom Brutto« in der anderen. Dazwischen Guido Westerwelle, Außenminister und Vizekanzler in seinem FDP-Büro. Es ist das erste Interview nach einer Parteiklausur, bei der einige Liberale ihren Vorsitzenden am liebsten abgesägt hätten. Doch die Meuterei wurde abgesagt. Mal demonstrativ höflich, mal genussvoll konfrontativ, so hat man den Chef der FDP schon erlebt. Diesmal: keine Spur davon. Eher schon abwesend anwesend wirkt Westerwelle. »Schließen Sie doch die Fenster«, bittet der FDP-Vorsitzende. Trotz brütender Hitze wird die Atmosphäre bald frostig im Raum.

DIE ZEIT: Herr Westerwelle, seit zwei Jahrzehnten gehören Sie zu Deutschlands maßgeblichen Politikern, elf Jahre haben Sie gekämpft wie ein Löwe, um Ihre Partei an die Macht zu führen. Jetzt haben Sie neun Monate hinter sich, und es ist nicht gut gelaufen. Sind Sie deprimiert?

Guido Westerwelle: Es gab Rückschläge und viel Unruhe. Das spiegeln auch die Meinungsumfragen wider. Aber das Wichtigste bleibt: Die Ergebnisse der Politik der Bundesregierung stimmen.

ZEIT: Sie selbst haben Fehler eingestanden. Was genau waren die Fehler?

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Westerwelle: Es wäre zum Beispiel klüger gewesen, wenn wir ohne Rücksicht auf die nordrhein-westfälische Landtagswahl stärker und schneller ans Werk gegangen wären. Aber dass wir eine gute Wirtschaftsentwicklung und sehr gute Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt haben, hat auch sehr viel mit unserem Wachstumsbeschleunigungsgesetz zu tun. Die Bürger haben mehr Kaufkraft bekommen, insbesondere die Familien durch die Erhöhung des Kindergeldes und der Kinderfreibeträge. Der Mittelstand wurde gestärkt.

ZEIT: Würden Sie die »spätrömische Dekadenz« zu den Fehlern rechnen?

Westerwelle: Das wird gerne aus dem Zusammenhang gerissen. Ich habe ausdrücklich nicht die Menschen mit einem schweren Schicksal kritisiert, sondern die Sozialstaatsbürokratie und ihre mangelnde Treffsicherheit. Vor allen Dingen habe ich gemahnt, dass man zu wenig an die Mittelschicht denkt, sprich: an diejenigen, die ganz überwiegend erwirtschaften, was ein guter Sozialstaat braucht.

ZEIT: Es war also kein Fehler, dass Sie diese Diskussion ausgelöst haben?

Westerwelle: Einige, auch Ihre Zeitung, haben da sehr mit Verdrehungen gearbeitet.

ZEIT: Wir haben also die Fehler gemacht, nicht Sie?

Westerwelle: Drei unserer Maßnahmen, den Sozialstaat betreffend, widerlegen all die Klischees, die verbreitet worden sind: Erstens haben wir das Schonvermögen für Hartz-IV-Empfänger verdreifacht, damit derjenige, der für das Alter vorgesorgt hat, im Falle eines Schicksalsschlages nicht alles abgeben muss, sondern etwas behalten kann. Das ist Leistungsgerechtigkeit. Zweitens müssen Kinder aus Hartz-IV-Familien, wenn sie in den Ferien arbeiten, den Lohn dafür nicht mit den Hartz-IV-Bezügen der Eltern verrechnen. Das zeigt gerade jungen Menschen, dass sich ihre Leistung lohnt. Drittens haben wir dafür gesorgt, dass der Staat künftig jedem unter 25-jährigen Arbeitsuchenden innerhalb von sechs Wochen ein Angebot machen muss, sei es in Form ordentlicher Arbeit, sei es in Form von Weiterbildung. Eine umfassende Debatte auf ein Schlagwort zu verkürzen und dieses dann aus dem Zusammenhang zu reißen, das akzeptiere ich nicht.

Leser-Kommentare
    • Slink
    • 08.07.2010 um 16:12 Uhr

    "Gerade dann muss man auf das setzen, was die Bürger erwarten: nämlich dass man richtige Politik für die Zukunft macht..."

    Ergo: gib's auf Guido, bevor es noch peinlicher wird!

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    • joG
    • 08.07.2010 um 18:41 Uhr

    ....einseitigen Berichterstattung der hiesigen Medien. (siehe auch 46)

    Wo bitte schön sollen die bösen Medien denn Westerwelle etwas in den Mund gelegt haben, was dieser überhaupt nicht gesagt oder gemeint hat? Seine Vorfürfe ("aus dem Zusammenhang gerissen", "mit Verdrehungen gearbeitet", "auf ein Schlagwort verkürzt") sind doch die billigste Art der Verleugnung von persönlicher Verantwortung. Er ist es doch der die Tatsachen aufs übelste verdreht ("in NRW wird eine Linksregierung vorbereitet"), der polemisch hetzt ohne brauchbare Vorschläge zu machen (oder kennen Sie auch nur einen einzigen intelligenten konkreten Vorschlag von ihm zum Umbau der Sozialstaates? Schneeschippen? Das käme aktuell bestimmt gut! "Bürgergeld"? Eine blumige Worthülse, mehr nicht!). Und dass er seinen Dauer-Kotau vor den Lobbyisten der Rebublik ohne Unterbrechung fortzusetzen gedenkt (Kernkraft als Zukunftstechnologie!!! Ich könnte mich schlapplachen, wenn der Mann infolge seiner Macht nicht so gefährlich wäre), zeigt dieses Interview mal wieder mehr als deutlich. Nein, Westerwelle ist alles Mögliche, aber ganz bestimmt kein Opfer der Medien.

    • joG
    • 08.07.2010 um 18:41 Uhr

    ....einseitigen Berichterstattung der hiesigen Medien. (siehe auch 46)

    Wo bitte schön sollen die bösen Medien denn Westerwelle etwas in den Mund gelegt haben, was dieser überhaupt nicht gesagt oder gemeint hat? Seine Vorfürfe ("aus dem Zusammenhang gerissen", "mit Verdrehungen gearbeitet", "auf ein Schlagwort verkürzt") sind doch die billigste Art der Verleugnung von persönlicher Verantwortung. Er ist es doch der die Tatsachen aufs übelste verdreht ("in NRW wird eine Linksregierung vorbereitet"), der polemisch hetzt ohne brauchbare Vorschläge zu machen (oder kennen Sie auch nur einen einzigen intelligenten konkreten Vorschlag von ihm zum Umbau der Sozialstaates? Schneeschippen? Das käme aktuell bestimmt gut! "Bürgergeld"? Eine blumige Worthülse, mehr nicht!). Und dass er seinen Dauer-Kotau vor den Lobbyisten der Rebublik ohne Unterbrechung fortzusetzen gedenkt (Kernkraft als Zukunftstechnologie!!! Ich könnte mich schlapplachen, wenn der Mann infolge seiner Macht nicht so gefährlich wäre), zeigt dieses Interview mal wieder mehr als deutlich. Nein, Westerwelle ist alles Mögliche, aber ganz bestimmt kein Opfer der Medien.

    • BerndL
    • 08.07.2010 um 16:19 Uhr
    • XYZett
    • 08.07.2010 um 16:20 Uhr

    Der deutsche Außenminister ist in der Türkei zu Besuch und sagt: "wir stehen zu unserem Wort für offene Verhandlungen". Zur gleichen Zeit verlangt der eigene Regierungspartner, dass man sofort und vor Ort der Türkei klar machen soll, dass sie nie in die EU aufgenommen werden. Was ist das für ein Armutszeugnis der CSU. Aber was mich noch viel mehr verwundert, ist die Tatsache, dass es unter den Konservativen keinen gibt, der dieser "Wildsau"-Truppe diplomatische Manieren beibringt und solche außenpolitischen Fehler unbestraft lässt.
    Die Konservativen in Deutschland sind halt auch nicht mehr dass was sie einmal waren.

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    ... ist eine der wenigen Parteien, die noch sowas wie eine breite Basis hat. Erodierend zwar, aber noch weit weg von dem unerträglichen Opportunismus/Pragmatismus und der political correctness der CDU und diverser anderer Parteien-Gruppierungen.

    Ich freue mich immer, wenn mal wieder irgendein Bayer in die selige Parteien-Gemeinsamkeit grätscht und was Unanständiges, angeblich vollkommen weltfremdes, laut rausposaunt. Letztlich natürlich recht durchschaubar, aber es hat sowas hemdsärmeliges, so etwas wie: "bis hierhin und nicht weiter". Was man bei den stromlinienförmigen Karriereseilschaftern in Berlin kaum noch findet. Selbst die Ausfälle eines Westerwelle und Sarazzin wirken dagegen irgendwie gestellt, berechnet, unehrlich, übertrieben und einseitig nur gegen die Schwachen gerichtet.

    Ich meine das ist in Bayern noch nicht ganz so, etwa wenn ein Peter Gauweiler gegen die EU-"Verfassung" klagt, dann hat das eher was von David gegen Goliath. Einer gegen den Rest der bornierten Berliner Republik.

    ... ist eine der wenigen Parteien, die noch sowas wie eine breite Basis hat. Erodierend zwar, aber noch weit weg von dem unerträglichen Opportunismus/Pragmatismus und der political correctness der CDU und diverser anderer Parteien-Gruppierungen.

    Ich freue mich immer, wenn mal wieder irgendein Bayer in die selige Parteien-Gemeinsamkeit grätscht und was Unanständiges, angeblich vollkommen weltfremdes, laut rausposaunt. Letztlich natürlich recht durchschaubar, aber es hat sowas hemdsärmeliges, so etwas wie: "bis hierhin und nicht weiter". Was man bei den stromlinienförmigen Karriereseilschaftern in Berlin kaum noch findet. Selbst die Ausfälle eines Westerwelle und Sarazzin wirken dagegen irgendwie gestellt, berechnet, unehrlich, übertrieben und einseitig nur gegen die Schwachen gerichtet.

    Ich meine das ist in Bayern noch nicht ganz so, etwa wenn ein Peter Gauweiler gegen die EU-"Verfassung" klagt, dann hat das eher was von David gegen Goliath. Einer gegen den Rest der bornierten Berliner Republik.

  1. Selten so einen verlogenen Murks gelesen. Gibt es eigentlich noch irgentjemand, der diesem Herren Glauben schenkt?

    Anmerkung: Bitte bemühen Sie sich trotz Ihrer Empörung, um eine angemessene und respektvolle Wortwahl. Danke. Die Redaktion/km

  2. ... ist eine der wenigen Parteien, die noch sowas wie eine breite Basis hat. Erodierend zwar, aber noch weit weg von dem unerträglichen Opportunismus/Pragmatismus und der political correctness der CDU und diverser anderer Parteien-Gruppierungen.

    Ich freue mich immer, wenn mal wieder irgendein Bayer in die selige Parteien-Gemeinsamkeit grätscht und was Unanständiges, angeblich vollkommen weltfremdes, laut rausposaunt. Letztlich natürlich recht durchschaubar, aber es hat sowas hemdsärmeliges, so etwas wie: "bis hierhin und nicht weiter". Was man bei den stromlinienförmigen Karriereseilschaftern in Berlin kaum noch findet. Selbst die Ausfälle eines Westerwelle und Sarazzin wirken dagegen irgendwie gestellt, berechnet, unehrlich, übertrieben und einseitig nur gegen die Schwachen gerichtet.

    Ich meine das ist in Bayern noch nicht ganz so, etwa wenn ein Peter Gauweiler gegen die EU-"Verfassung" klagt, dann hat das eher was von David gegen Goliath. Einer gegen den Rest der bornierten Berliner Republik.

  3. äußert und was er zu tun gedenkt, um die durch Abbau von Reglementierung - sprich Liberalisierung - entstandenen Probleme zu lösen.

    "Wir müssen in Deutschland die Politik stärker auf die Zukunftsgestaltung ausrichten als auf eine Verwaltung von Gegenwartsproblemen."

    Ohne die Verwaltung (Lösung) der Gegenwartsprobleme lässt sich keine Zukunft gestalten!

    "Das ist der eigentliche Anspruch – neben der Philosophie des Liberalismus, dass Freiheit vor Gleichheit kommt, ..."

    Falsch! Ohne Gleichheit (für alle, z.B. vor dem Gesetz) kann es keine Freiheit (für alle) geben. Freiheit und Gleichheit bedingen sich gegenseitig. Das sollte auch Herr Westerwelle wissen. Das er die Brüderlichkeit erst gar nicht erwähnt hat, verwundert nicht - die wird von ihm und seiner Partei schon dem Kommunismus zugeordnet.

  4. Das ist aber eine noch sehr nette Umschreibung. Ich hoffe, dass der Minister für solch eine DREISTE LÜGE weitere Symphathie-Punkte verliert und mit ihm seine Partei.
    Diese gehört in den Orkus der Bedeutungslosigkeit- für immer!

    Oder meinte er die Kaufkraft der Hoteliers?
    Dann nehme ich natürlich alles zurück..

    Antwort auf "Fast..."

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