Historiker Peter HaberJe umstrittener, desto besser

Was taugen die Geschichtsartikel der Online-Enzyklopädie Wikipedia? Ein Gespräch mit dem Historiker Peter Haber von Christian Staasss

Ob im Netz oder sogar gedruckt, im gesammelten Wissen der Enzyklopädie Wikipedia schlagen auch Wissenschaftler gelegentlich nach

Ob im Netz oder sogar gedruckt, im gesammelten Wissen der Enzyklopädie Wikipedia schlagen auch Wissenschaftler gelegentlich nach  |  © John Macdougall/AFP/Getty Images

DIE ZEIT: Herr Haber, nutzen Sie Wikipedia für Ihre Arbeit?

Peter Haber: Ja, oft – und gerne.

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ZEIT: Hegen Historiker da keine Vorbehalte?

Haber: Doch. Viele Kollegen sind sehr skeptisch. Es wird allerdings kaum über das Thema gesprochen.

ZEIT: Weil man nur ungern zugibt, bei Wikipedia nachgelesen zu haben?

Haber: Auch. Zugleich ist der Blick in die Wikipedia heute so selbstverständlich wie der Griff zum Brockhaus.

ZEIT: Wobei das nicht dasselbe ist. Sonst hätten Sie an der Universität Wien nicht ein Forschungsseminar Wikipedia und die Geschichtswissenschaften geleitet. Wodurch unterscheidet sich Wikipedia von herkömmlichen Enzyklopädien?

Haber: Sie bietet mehr. Zum Beispiel Einträge zu aktuellen Fragen. Und als Historiker stößt man auf Bilder, die man sonst in keinem Lexikon findet. Vor allem aber kann man ein Thema aus verschiedenen sprachregionalen Blickwinkeln betrachten. Mit wenigen Klicks lassen sich die deutsche, die französische und die englische Seite, je nach Sprachkenntnis auch andere Versionen, vergleichen. Das ist sehr aufschlussreich.

Ein schönes Beispiel ist das Stichwort Kalter Krieg. Der deutsche Eintrag zeigt die Blockkonfrontation anhand einer nüchternen Karte. Die englische Seite betont das Ende des Kalten Krieges: Man sieht ein Foto von US-Präsident Ronald Reagan und KPdSU-Chef Michail Gorbatschow bei einer Unterhaltung am Kamin. Die russische Version ist mit einer Tabelle aufgemacht, ganz im alten Geist – sie zählt die Mitglieder der beiden Blöcke auf, wobei die östliche Spalte mit drei Punkten endet, nach dem Motto: "Unser Block" war oder ist unendlich groß. Solche Ländervergleiche, die viel über nationale Mentalitäten und Ressentiments verraten, sind natürlich auch mit herkömmlichen Lexika möglich, aber wer hat schon neben dem neuesten Brockhaus gleich die Britannica zur Hand oder ein aktuelles russisches Lexikon!

ZEIT: Lassen sich nationale "Stile" erkennen?

Haber: Schwer zu sagen. Uns ist aufgefallen, dass die englischen Einträge oft besser strukturiert sind als die deutschen. Häufig sind sie auch länger.

ZEIT: Weil es mehr englische User gibt?

Leserkommentare
  1. dasselbe schreiben und lehren, dann nennt man das Political Correctnes oder einseitig ideologisch. Die Autoren und Admins sind weitgehend anonym und man braucht seine Phantasie kaum anzustrengen, was das bedeutet: Da notiert der clevere Stepke aus der dritten Klasse seine Editierungen zur Geschichtswissenschaft und manch Geschichtsprofessor wird seine Begeisterung kaum zurückhalten können, weil er das ganz genauso sieht. Kritik und Diskussion sind nicht möglich, weil nach dem ersten Widerspruch sofort eine Benutzersperrung erfolgt. Wer einseitige Verstärkung problematischer Inhalte wünscht, ist bei Wikipedia genau richtig. Was fehlt sind Wahrheitsanspruch, Aufbau der Artikel nach lerndidaktischen Kriterien - d.h. die Aneinanderreihung von Schwallworten macht noch keinen guten Artikel aus, die permanente Verwendung von Klischeevorstellungen schafft ein Pseudoverständnis. Nützlicher wäre eine kritische Sicht von Wikipedia-Artikeln, z.B. indem einmal der Versuch unternommen wird, zu einem Thema einen Artikel alternativ zu notieren

  2. Nach der Umstellung der deutschen Wikipedia Enzyklopädie
    stelle ich eine erhebliche Verdummung fest. Gehe deshalb jetzt oft über die englische Wiki. Es fallen noch andere
    unangenehme Veränderungen auf. Skepsis ist angesagt. Be-
    dauerlich.

    Eine Leserempfehlung
  3. Ein besonderes Beispiel für einen wechselseitigen Datentransfer ist Wikipedia.Das Besondere an dieser Form der enzyklopädischen Datensammlung ist der Umstand, dass Wikipedia der Funktionsweise des menschlichen Gehirns ähnelt. Ich erwähne dieses Beispiel deshalb, weil ich es hochinteressant finde, wenn Strukturen, welche von der Evolution über einen langen Zeitraum hinweg gefunden wurden, plötzlich von Menschen erfolgreich auf den Markt gebracht werden. Das Typische an der Wikipedia-Datensammlung ist ihr dynamischer Charakter der lernenden, sich ständig verändernden Wissenserweiterung, die durch die Strategie, auf das Wissen aller sich beteiligenden Teilnehmer zurückzugreifen, erreicht wird. Auf diesem Wege kommt es zu einem sich selbst kontrollierenden Datentransfer aus den Köpfen vieler Nutzer in die Datensammlung. Der Wahrheitsgehalt der Daten erhöht sich mit der Zeit dadurch, dass alle Nutzer diese Daten ändern können, wobei im Hintergrund auf die Einhaltung von Regeln durch Administratoren und Mentoren geachtet wird. Die Anlage des Datenspeichers im menschlichen Gehirn erfolgt ebenfalls akkumulierend und dynamisch, indem eine Information so lange gespeichert bleibt, bis sie durch eine andere, korrigierende Information geändert wird. Durch den Datentransfer aus den Gehirnen der Teilnehmer in die Wikipedia-Datensammlung repräsentiert Wikipedia das Wissen seiner Teilnehmer über deren Welt, was dem akkumulierten Wissen vieler Generationen entspricht.
    www.walter-w-schuler.com

  4. und viele Menschen können noch viel mehr irren. Nachlesen
    in seriösen Nachschlagwerken bleibt nötig. Unbedingt.

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