DIE ZEIT: Herr Haber, nutzen Sie Wikipedia für Ihre Arbeit?

Peter Haber: Ja, oft – und gerne.

ZEIT: Hegen Historiker da keine Vorbehalte?

Haber: Doch. Viele Kollegen sind sehr skeptisch. Es wird allerdings kaum über das Thema gesprochen.

ZEIT: Weil man nur ungern zugibt, bei Wikipedia nachgelesen zu haben?

Haber: Auch. Zugleich ist der Blick in die Wikipedia heute so selbstverständlich wie der Griff zum Brockhaus.

ZEIT: Wobei das nicht dasselbe ist. Sonst hätten Sie an der Universität Wien nicht ein Forschungsseminar Wikipedia und die Geschichtswissenschaften geleitet. Wodurch unterscheidet sich Wikipedia von herkömmlichen Enzyklopädien?

Haber: Sie bietet mehr. Zum Beispiel Einträge zu aktuellen Fragen. Und als Historiker stößt man auf Bilder, die man sonst in keinem Lexikon findet. Vor allem aber kann man ein Thema aus verschiedenen sprachregionalen Blickwinkeln betrachten. Mit wenigen Klicks lassen sich die deutsche, die französische und die englische Seite, je nach Sprachkenntnis auch andere Versionen, vergleichen. Das ist sehr aufschlussreich.

Ein schönes Beispiel ist das Stichwort Kalter Krieg. Der deutsche Eintrag zeigt die Blockkonfrontation anhand einer nüchternen Karte. Die englische Seite betont das Ende des Kalten Krieges: Man sieht ein Foto von US-Präsident Ronald Reagan und KPdSU-Chef Michail Gorbatschow bei einer Unterhaltung am Kamin. Die russische Version ist mit einer Tabelle aufgemacht, ganz im alten Geist – sie zählt die Mitglieder der beiden Blöcke auf, wobei die östliche Spalte mit drei Punkten endet, nach dem Motto: "Unser Block" war oder ist unendlich groß. Solche Ländervergleiche, die viel über nationale Mentalitäten und Ressentiments verraten, sind natürlich auch mit herkömmlichen Lexika möglich, aber wer hat schon neben dem neuesten Brockhaus gleich die Britannica zur Hand oder ein aktuelles russisches Lexikon!

ZEIT: Lassen sich nationale "Stile" erkennen?

Haber: Schwer zu sagen. Uns ist aufgefallen, dass die englischen Einträge oft besser strukturiert sind als die deutschen. Häufig sind sie auch länger.

ZEIT: Weil es mehr englische User gibt?

 

Haber: Und weil viele Einträge in der englischen Wikipedia älter sind als die in der deutschen Version. Generell gilt: Personen- und Ereignisartikel sind anfälliger für nationale Einfärbungen. Wir haben das anhand des Eintrages zu Engelbert Dollfuß, einem führenden Austrofaschisten der Zwischenkriegszeit, untersucht. Der Mann war sehr klein – was in der englischen Wikipedia ausführlich und in mokantem Ton beschrieben wird. Dollfuß, kann man hier lesen, sei in Anlehnung an Metternich "Millimetternich" genannt worden. In der deutschen Fassung wird die Körpergröße nur am Rande erwähnt, obwohl der Text viel länger ist. Epochenbezeichnungen oder abstrakte historische Begriffe sind für solche Verzerrungen weniger anfällig.

ZEIT: Der häufigste Vorbehalt gegen Wikipedia lautet, man könne sich auf das Prinzip Selbstkontrolle durch die Nutzer nicht verlassen. Sind Ihnen viele faktische Fehler untergekommen?

Haber: Wir haben nur kleinere Schnitzer entdeckt, so wie sie sich in jedem Buch und jeder Enzyklopädie finden. Eine andere Beobachtung halte ich dagegen für sehr viel wichtiger – dass die Schwächen der Wikipedia ausgerechnet dort liegen, wo viele ihre größte Stärke vermuten: Sie eignet sich nicht besonders gut dafür, sich einen ersten Überblick über ein komplexes Thema zu verschaffen.

ZEIT: Wie kommt das?

Haber: Es ist eine höchst anspruchsvolle Aufgabe, auf knappem Raum in ein geschichtswissenschaftliches Thema einzuführen. Solche Beiträge eignen sich nicht dafür, kooperativ verfasst zu werden.

ZEIT: Weil die Texte dadurch, dass mehrere Autoren beitragen und ergänzen und korrigieren, zu wuchern beginnen?

Haber: Ja. Allerdings gibt es auch hier Unterschiede. Zum bloßen Faktensammeln braucht man keine historische Ausbildung. Daher sind die meisten biografischen und Ereignis-Lemmata wunderbar. Um aber einen komplexen Begriff aufzubereiten, benötigt man Fachwissen. Schauen Sie sich etwa den Eintrag zur Aufklärung an. Schon die Tatsache, dass man es sowohl mit einem philosophischen Begriff als auch mit einer Epochenbezeichnung zu tun hat, wird nicht ausreichend reflektiert. Ohne Vorwissen ist man da verloren.

Ähnlich schwach ist der Artikel zum Frühmittelalter: Da stimmt zwar jeder Unterpunkt, aber der Zusammenhang fehlt. Solche Texte sollte man nicht unbedingt Schülern oder Studienanfängern als Basiswissen vorsetzen.

ZEIT: Worauf muss ein geschichtsinteressierter Nutzer achten? Woran kann er Verlässlichkeit und Qualität ablesen?

Haber: In der Regel sind Einträge dann korrekt und von guter Qualität, wenn sie schon älter sind und viel an ihnen herumkorrigiert worden ist. Das kann man nachvollziehen, wenn man sich in die sogenannten Metadaten begibt, über die Reiter, die sich oben auf jeder Seite finden. Interessant ist zum einen die Versionsgeschichte, in der man verfolgen kann, wie der Text über die Monate bearbeitet worden ist.

Zum anderen lohnt der Blick auf die Diskussionsseite. Hier sieht man schnell, wo die heiklen Punkte liegen. Manchmal ist diese Diskussion allerdings so ausufernd, dass man sie nicht mehr überblicken kann – zu Che Guevara erstreckt sie sich in der englischen Version über fast 900 Seiten.

ZEIT: Wer sind die Menschen, die auf Wikipedia schreiben und debattieren?

Haber: Es gibt weniger aktive Teilnehmer, als man denkt oder sich erhofft hat, das ist mittlerweile allgemein bekannt: Wikipedia ist keine große soziale Bewegung. Zu fast allen Themen bilden sich kleine Gruppen um ein paar Power-User. Da die meisten anonym bleiben, lassen sich nur vage Aussagen darüber treffen, wer dahintersteckt. Es handelt sich ganz offensichtlich um Leute mit guter Bildung und mit viel Zeit. Vor drei Jahren habe ich an der Universität Basel einen Kurs gegeben: Schreiben für Wikipedia.  Da haben wir uns auch einzelne Autoren angeschaut. Die meisten waren schon etwas älter und haben mit großer Ernsthaftigkeit ihr Wissen geteilt.

 

ZEIT: Gibt es Versuche von Rechtsradikalen, Wikipedia-Einträge zu entern?

Haber: Dazu wurde von Neonazis offenbar immer wieder aufgerufen. Bei viel genutzten Einträgen zur NS-Geschichte haben diese Leute aber keine Chance, da die allgemeine Aufmerksamkeit hier sehr hoch ist. Gerade bei umstrittenen und sensiblen Themen treten daher selten Verzerrungen auf. Der Eintrag zum Thema Faschismus etwa dürfte kaum problematische Aussagen enthalten, da hier das Korrektiv recht gut funktioniert. Bei einzelnen NS-Biografien ist schon mehr Vorsicht geboten. Generell ist bei Randthemen die Gefahr größer, dass Fehler und Fehleinschätzungen stehen bleiben.

ZEIT: Müssten da die Berufshistoriker nicht ein wachsames Auge auf Wikipedia haben und sich einmischen?

Haber: Auf jeden Fall sollten sich Historiker mehr darum kümmern. Schließlich entsteht hier und nicht in teuren, dickleibigen Aufsatzbänden das populäre Geschichtswissen von morgen.

ZEIT: Wie unterscheidet sich die Diskussion auf Wikipedia vom Fachdiskurs?

Haber: Den meisten Zuspruch auf Wikipedia haben zeithistorische Themen, was in der Fachwissenschaft nicht unbedingt der Fall ist. Auch fließt viel "Erfahrungswissen" und "Betroffenheit" mit ein, was in der historischen Zunft bekanntlich nicht gern gesehen ist. Vor allem aber dominieren im Netz die Personen- und die Ereignisgeschichte, denn hier liegen die Stärken von Wikipedia. So kehrt mit modernsten Kommunikationsmitteln eine von der Geschichtswissenschaft längst ad acta gelegte Form der historischen Betrachtung zurück: Große Männer machen große Geschichte.

Die Fragen stellte Christian Staas