Historiker Peter HaberJe umstrittener, desto besserSeite 2/3

Haber: Und weil viele Einträge in der englischen Wikipedia älter sind als die in der deutschen Version. Generell gilt: Personen- und Ereignisartikel sind anfälliger für nationale Einfärbungen. Wir haben das anhand des Eintrages zu Engelbert Dollfuß, einem führenden Austrofaschisten der Zwischenkriegszeit, untersucht. Der Mann war sehr klein – was in der englischen Wikipedia ausführlich und in mokantem Ton beschrieben wird. Dollfuß, kann man hier lesen, sei in Anlehnung an Metternich "Millimetternich" genannt worden. In der deutschen Fassung wird die Körpergröße nur am Rande erwähnt, obwohl der Text viel länger ist. Epochenbezeichnungen oder abstrakte historische Begriffe sind für solche Verzerrungen weniger anfällig.

ZEIT: Der häufigste Vorbehalt gegen Wikipedia lautet, man könne sich auf das Prinzip Selbstkontrolle durch die Nutzer nicht verlassen. Sind Ihnen viele faktische Fehler untergekommen?

Haber: Wir haben nur kleinere Schnitzer entdeckt, so wie sie sich in jedem Buch und jeder Enzyklopädie finden. Eine andere Beobachtung halte ich dagegen für sehr viel wichtiger – dass die Schwächen der Wikipedia ausgerechnet dort liegen, wo viele ihre größte Stärke vermuten: Sie eignet sich nicht besonders gut dafür, sich einen ersten Überblick über ein komplexes Thema zu verschaffen.

ZEIT: Wie kommt das?

Haber: Es ist eine höchst anspruchsvolle Aufgabe, auf knappem Raum in ein geschichtswissenschaftliches Thema einzuführen. Solche Beiträge eignen sich nicht dafür, kooperativ verfasst zu werden.

ZEIT: Weil die Texte dadurch, dass mehrere Autoren beitragen und ergänzen und korrigieren, zu wuchern beginnen?

Haber: Ja. Allerdings gibt es auch hier Unterschiede. Zum bloßen Faktensammeln braucht man keine historische Ausbildung. Daher sind die meisten biografischen und Ereignis-Lemmata wunderbar. Um aber einen komplexen Begriff aufzubereiten, benötigt man Fachwissen. Schauen Sie sich etwa den Eintrag zur Aufklärung an. Schon die Tatsache, dass man es sowohl mit einem philosophischen Begriff als auch mit einer Epochenbezeichnung zu tun hat, wird nicht ausreichend reflektiert. Ohne Vorwissen ist man da verloren.

Ähnlich schwach ist der Artikel zum Frühmittelalter: Da stimmt zwar jeder Unterpunkt, aber der Zusammenhang fehlt. Solche Texte sollte man nicht unbedingt Schülern oder Studienanfängern als Basiswissen vorsetzen.

ZEIT: Worauf muss ein geschichtsinteressierter Nutzer achten? Woran kann er Verlässlichkeit und Qualität ablesen?

Haber: In der Regel sind Einträge dann korrekt und von guter Qualität, wenn sie schon älter sind und viel an ihnen herumkorrigiert worden ist. Das kann man nachvollziehen, wenn man sich in die sogenannten Metadaten begibt, über die Reiter, die sich oben auf jeder Seite finden. Interessant ist zum einen die Versionsgeschichte, in der man verfolgen kann, wie der Text über die Monate bearbeitet worden ist.

Zum anderen lohnt der Blick auf die Diskussionsseite. Hier sieht man schnell, wo die heiklen Punkte liegen. Manchmal ist diese Diskussion allerdings so ausufernd, dass man sie nicht mehr überblicken kann – zu Che Guevara erstreckt sie sich in der englischen Version über fast 900 Seiten.

ZEIT: Wer sind die Menschen, die auf Wikipedia schreiben und debattieren?

Haber: Es gibt weniger aktive Teilnehmer, als man denkt oder sich erhofft hat, das ist mittlerweile allgemein bekannt: Wikipedia ist keine große soziale Bewegung. Zu fast allen Themen bilden sich kleine Gruppen um ein paar Power-User. Da die meisten anonym bleiben, lassen sich nur vage Aussagen darüber treffen, wer dahintersteckt. Es handelt sich ganz offensichtlich um Leute mit guter Bildung und mit viel Zeit. Vor drei Jahren habe ich an der Universität Basel einen Kurs gegeben: Schreiben für Wikipedia.  Da haben wir uns auch einzelne Autoren angeschaut. Die meisten waren schon etwas älter und haben mit großer Ernsthaftigkeit ihr Wissen geteilt.

Leserkommentare
  1. dasselbe schreiben und lehren, dann nennt man das Political Correctnes oder einseitig ideologisch. Die Autoren und Admins sind weitgehend anonym und man braucht seine Phantasie kaum anzustrengen, was das bedeutet: Da notiert der clevere Stepke aus der dritten Klasse seine Editierungen zur Geschichtswissenschaft und manch Geschichtsprofessor wird seine Begeisterung kaum zurückhalten können, weil er das ganz genauso sieht. Kritik und Diskussion sind nicht möglich, weil nach dem ersten Widerspruch sofort eine Benutzersperrung erfolgt. Wer einseitige Verstärkung problematischer Inhalte wünscht, ist bei Wikipedia genau richtig. Was fehlt sind Wahrheitsanspruch, Aufbau der Artikel nach lerndidaktischen Kriterien - d.h. die Aneinanderreihung von Schwallworten macht noch keinen guten Artikel aus, die permanente Verwendung von Klischeevorstellungen schafft ein Pseudoverständnis. Nützlicher wäre eine kritische Sicht von Wikipedia-Artikeln, z.B. indem einmal der Versuch unternommen wird, zu einem Thema einen Artikel alternativ zu notieren

  2. Nach der Umstellung der deutschen Wikipedia Enzyklopädie
    stelle ich eine erhebliche Verdummung fest. Gehe deshalb jetzt oft über die englische Wiki. Es fallen noch andere
    unangenehme Veränderungen auf. Skepsis ist angesagt. Be-
    dauerlich.

    Eine Leserempfehlung
  3. Ein besonderes Beispiel für einen wechselseitigen Datentransfer ist Wikipedia.Das Besondere an dieser Form der enzyklopädischen Datensammlung ist der Umstand, dass Wikipedia der Funktionsweise des menschlichen Gehirns ähnelt. Ich erwähne dieses Beispiel deshalb, weil ich es hochinteressant finde, wenn Strukturen, welche von der Evolution über einen langen Zeitraum hinweg gefunden wurden, plötzlich von Menschen erfolgreich auf den Markt gebracht werden. Das Typische an der Wikipedia-Datensammlung ist ihr dynamischer Charakter der lernenden, sich ständig verändernden Wissenserweiterung, die durch die Strategie, auf das Wissen aller sich beteiligenden Teilnehmer zurückzugreifen, erreicht wird. Auf diesem Wege kommt es zu einem sich selbst kontrollierenden Datentransfer aus den Köpfen vieler Nutzer in die Datensammlung. Der Wahrheitsgehalt der Daten erhöht sich mit der Zeit dadurch, dass alle Nutzer diese Daten ändern können, wobei im Hintergrund auf die Einhaltung von Regeln durch Administratoren und Mentoren geachtet wird. Die Anlage des Datenspeichers im menschlichen Gehirn erfolgt ebenfalls akkumulierend und dynamisch, indem eine Information so lange gespeichert bleibt, bis sie durch eine andere, korrigierende Information geändert wird. Durch den Datentransfer aus den Gehirnen der Teilnehmer in die Wikipedia-Datensammlung repräsentiert Wikipedia das Wissen seiner Teilnehmer über deren Welt, was dem akkumulierten Wissen vieler Generationen entspricht.
    www.walter-w-schuler.com

  4. und viele Menschen können noch viel mehr irren. Nachlesen
    in seriösen Nachschlagwerken bleibt nötig. Unbedingt.

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