Historiker Peter Haber Je umstrittener, desto besserSeite 3/3
ZEIT: Gibt es Versuche von Rechtsradikalen, Wikipedia-Einträge zu entern?
Haber: Dazu wurde von Neonazis offenbar immer wieder aufgerufen. Bei viel genutzten Einträgen zur NS-Geschichte haben diese Leute aber keine Chance, da die allgemeine Aufmerksamkeit hier sehr hoch ist. Gerade bei umstrittenen und sensiblen Themen treten daher selten Verzerrungen auf. Der Eintrag zum Thema Faschismus etwa dürfte kaum problematische Aussagen enthalten, da hier das Korrektiv recht gut funktioniert. Bei einzelnen NS-Biografien ist schon mehr Vorsicht geboten. Generell ist bei Randthemen die Gefahr größer, dass Fehler und Fehleinschätzungen stehen bleiben.
ZEIT: Müssten da die Berufshistoriker nicht ein wachsames Auge auf Wikipedia haben und sich einmischen?
Haber: Auf jeden Fall sollten sich Historiker mehr darum kümmern. Schließlich entsteht hier und nicht in teuren, dickleibigen Aufsatzbänden das populäre Geschichtswissen von morgen.
ZEIT: Wie unterscheidet sich die Diskussion auf Wikipedia vom Fachdiskurs?
Haber: Den meisten Zuspruch auf Wikipedia haben zeithistorische Themen, was in der Fachwissenschaft nicht unbedingt der Fall ist. Auch fließt viel »Erfahrungswissen« und »Betroffenheit« mit ein, was in der historischen Zunft bekanntlich nicht gern gesehen ist. Vor allem aber dominieren im Netz die Personen- und die Ereignisgeschichte, denn hier liegen die Stärken von Wikipedia. So kehrt mit modernsten Kommunikationsmitteln eine von der Geschichtswissenschaft längst ad acta gelegte Form der historischen Betrachtung zurück: Große Männer machen große Geschichte.
Die Fragen stellte Christian Staas
- Datum 10.07.2010 - 10:15 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 08.07.2010 Nr. 28
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Die größten Vorteile neben der Aktualität werden hier gar nicht vertieft:
Der kostenlose Zugriff. Sodann muss man sich vorstellen, wieviel Platz die gedruckte Version in Anspruch nehmen würde. Bei der Stichwortsuche müsste bei einer gedruckten Fassung oft der ganze Schreibtisch bedeckt werden, bis man, wenn überhaupt, das zutreffende Stichwort findet. Bei Wiki wird man in Sekunden zum richtigen Eintrag geführt.
Nicht zu vergessen sind die weiterführenden Hinweise, die mit Links problemlos nachzulesen sind.
Ferner gibt es kein gedrucktes Werk mit dieser Fülle von Stichworten und Informationen.
Der Artikel beschränkt sich auf historische Inhalte.
Diese sind tatsächlich hervorragend.
In anderen Bereichen gibt es zum Teil Einschränkungen.
Im Bereich Physik sollte neben den formelbestückten Artikeln auf eine für Laien geeignete Darstellung geachtet werden. Es müsste möglich sein, für jeden dieser Artikel eine Beschreibung in einfacher und sodann ruhig auch in wissenschaftlicher Sprache darzustellen.
Im Bereich Medizin scheint mir das besser gelungen zu sein.
Allgemein scheinen gewisse Bereiche in Qualität und Umfang sehr unterschiedlich.
Der Grund dafür könnte sein, dass bei Themen, die von Zeitschriften gut bezahlt werden, die Autoren die bezahlten Artikel vorziehen, was offenbar gerade im Bereicht Recht offensichtlich ist. Gleichwohl sind gerade hier für Laien ganz gute Einführungen enthalten. Der Warnhinweis erfolgt aber zu Recht und muss unbedingt beachtet werden.
dasselbe schreiben und lehren, dann nennt man das Political Correctnes oder einseitig ideologisch. Die Autoren und Admins sind weitgehend anonym und man braucht seine Phantasie kaum anzustrengen, was das bedeutet: Da notiert der clevere Stepke aus der dritten Klasse seine Editierungen zur Geschichtswissenschaft und manch Geschichtsprofessor wird seine Begeisterung kaum zurückhalten können, weil er das ganz genauso sieht. Kritik und Diskussion sind nicht möglich, weil nach dem ersten Widerspruch sofort eine Benutzersperrung erfolgt. Wer einseitige Verstärkung problematischer Inhalte wünscht, ist bei Wikipedia genau richtig. Was fehlt sind Wahrheitsanspruch, Aufbau der Artikel nach lerndidaktischen Kriterien - d.h. die Aneinanderreihung von Schwallworten macht noch keinen guten Artikel aus, die permanente Verwendung von Klischeevorstellungen schafft ein Pseudoverständnis. Nützlicher wäre eine kritische Sicht von Wikipedia-Artikeln, z.B. indem einmal der Versuch unternommen wird, zu einem Thema einen Artikel alternativ zu notieren
Nach der Umstellung der deutschen Wikipedia Enzyklopädie
stelle ich eine erhebliche Verdummung fest. Gehe deshalb jetzt oft über die englische Wiki. Es fallen noch andere
unangenehme Veränderungen auf. Skepsis ist angesagt. Be-
dauerlich.
Ein besonderes Beispiel für einen wechselseitigen Datentransfer ist Wikipedia.Das Besondere an dieser Form der enzyklopädischen Datensammlung ist der Umstand, dass Wikipedia der Funktionsweise des menschlichen Gehirns ähnelt. Ich erwähne dieses Beispiel deshalb, weil ich es hochinteressant finde, wenn Strukturen, welche von der Evolution über einen langen Zeitraum hinweg gefunden wurden, plötzlich von Menschen erfolgreich auf den Markt gebracht werden. Das Typische an der Wikipedia-Datensammlung ist ihr dynamischer Charakter der lernenden, sich ständig verändernden Wissenserweiterung, die durch die Strategie, auf das Wissen aller sich beteiligenden Teilnehmer zurückzugreifen, erreicht wird. Auf diesem Wege kommt es zu einem sich selbst kontrollierenden Datentransfer aus den Köpfen vieler Nutzer in die Datensammlung. Der Wahrheitsgehalt der Daten erhöht sich mit der Zeit dadurch, dass alle Nutzer diese Daten ändern können, wobei im Hintergrund auf die Einhaltung von Regeln durch Administratoren und Mentoren geachtet wird. Die Anlage des Datenspeichers im menschlichen Gehirn erfolgt ebenfalls akkumulierend und dynamisch, indem eine Information so lange gespeichert bleibt, bis sie durch eine andere, korrigierende Information geändert wird. Durch den Datentransfer aus den Gehirnen der Teilnehmer in die Wikipedia-Datensammlung repräsentiert Wikipedia das Wissen seiner Teilnehmer über deren Welt, was dem akkumulierten Wissen vieler Generationen entspricht.
www.walter-w-schuler.com
und viele Menschen können noch viel mehr irren. Nachlesen
in seriösen Nachschlagwerken bleibt nötig. Unbedingt.
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