Ob im Netz oder sogar gedruckt, im gesammelten Wissen der Enzyklopädie Wikipedia schlagen auch Wissenschaftler gelegentlich nach © John Macdougall/AFP/Getty Images

DIE ZEIT: Herr Haber, nutzen Sie Wikipedia für Ihre Arbeit?

Peter Haber: Ja, oft – und gerne.

ZEIT: Hegen Historiker da keine Vorbehalte?

Haber: Doch. Viele Kollegen sind sehr skeptisch. Es wird allerdings kaum über das Thema gesprochen.

ZEIT: Weil man nur ungern zugibt, bei Wikipedia nachgelesen zu haben?

Haber: Auch. Zugleich ist der Blick in die Wikipedia heute so selbstverständlich wie der Griff zum Brockhaus.

ZEIT: Wobei das nicht dasselbe ist. Sonst hätten Sie an der Universität Wien nicht ein Forschungsseminar Wikipedia und die Geschichtswissenschaften geleitet. Wodurch unterscheidet sich Wikipedia von herkömmlichen Enzyklopädien?

Haber: Sie bietet mehr. Zum Beispiel Einträge zu aktuellen Fragen. Und als Historiker stößt man auf Bilder, die man sonst in keinem Lexikon findet. Vor allem aber kann man ein Thema aus verschiedenen sprachregionalen Blickwinkeln betrachten. Mit wenigen Klicks lassen sich die deutsche, die französische und die englische Seite, je nach Sprachkenntnis auch andere Versionen, vergleichen. Das ist sehr aufschlussreich.

Ein schönes Beispiel ist das Stichwort Kalter Krieg. Der deutsche Eintrag zeigt die Blockkonfrontation anhand einer nüchternen Karte. Die englische Seite betont das Ende des Kalten Krieges: Man sieht ein Foto von US-Präsident Ronald Reagan und KPdSU-Chef Michail Gorbatschow bei einer Unterhaltung am Kamin. Die russische Version ist mit einer Tabelle aufgemacht, ganz im alten Geist – sie zählt die Mitglieder der beiden Blöcke auf, wobei die östliche Spalte mit drei Punkten endet, nach dem Motto: "Unser Block" war oder ist unendlich groß. Solche Ländervergleiche, die viel über nationale Mentalitäten und Ressentiments verraten, sind natürlich auch mit herkömmlichen Lexika möglich, aber wer hat schon neben dem neuesten Brockhaus gleich die Britannica zur Hand oder ein aktuelles russisches Lexikon!

ZEIT: Lassen sich nationale "Stile" erkennen?

Haber: Schwer zu sagen. Uns ist aufgefallen, dass die englischen Einträge oft besser strukturiert sind als die deutschen. Häufig sind sie auch länger.

ZEIT: Weil es mehr englische User gibt?