Hamburger Schulreform Der Glaubenskrieg

Sollen Schüler länger gemeinsam lernen? So will es die Politik in Hamburg und NRW. Der Schaden wäre groß

Auf den ersten Blick klären die Hamburger an diesem Sonntag per Volksentscheid eine wenig aufregende Frage: Sollen die Kinder der Hansestadt künftig sechs Jahre lang die Grundschule (dann »Primarschule« genannt) besuchen? So jedenfalls will es der Senat aus CDU und Grünen, so wollen es auch die SPD und die Linkspartei. Oder bleibt es bei der vierjährigen Grundschulzeit? Dafür engagiert sich eine Elterninitiative, die mit einer überraschend erfolgreichen Unterschriftensammlung den Volksentscheid erzwungen hat.

Doch im Kern geht es um eine Frage, die weit über den Stadtstaat hinausreicht : Werden die Schulen, von denen die Zukunft unseres Landes abhängt, wieder zum Ort von Glaubenskriegen? Oder setzt sich die Vernunft durch? Also eine Politik, die pragmatisch, gestützt auf Erkenntnisse der Bildungsforschung, unsere Schulen voranbringt. Auch darüber entscheiden die Hamburger am Sonntag.

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Die Bildungspolitik muss sich auf die Hilfe für die Schwachen konzentrieren

Für die sechsjährige Primarschule spricht allein der Glaube an die Vorteile des – so die Modefloskel – »längeren gemeinsamen Lernens«. Dieser Glaube treibt auch die SPD und die Grünen in Nordrhein-Westfalen, die bis 2015 dreißig Prozent der Schulen des Bundeslandes in sogenannte Gemeinschaftsschulen umwandeln wollen. Im Gegensatz zur Zwangsbeglückung nach Hamburger Art immerhin mit dem Versprechen, dies solle auf freiwilliger Basis geschehen.

Das »längere gemeinsame Lernen« werde, so die Überzeugung seiner Unterstützer – und der gute Wille sei ihnen nicht abgesprochen –, mehr Bildungsgerechtigkeit schaffen. Kinder aus sozial schwachen Familien könnten demnach in der Gemeinschaft mit Kindern aus höheren Bildungsschichten mehr lernen, als wenn die Schüler nach der vierten Klasse auf verschiedene Schularten aufgeteilt werden. Das Ziel ist lobenswert, sogar sehr wichtig, denn das deutsche Schulsystem hat sich im internationalen Vergleich als ungerecht erwiesen.

Allein – es gibt keinen Beleg dafür, dass dieses Ziel durch längeres gemeinsames Lernen erreicht wird. Zwar deuten statistische Berechnungen vage darauf hin. Aber es gibt handfeste Gegenbeispiele. Die Niederlande und Belgien etwa verfügen über eine sechsjährige Grundschule und sind, wie die Pisa-Studie zeigt, sozial noch ungerechter als Deutschland. Und welches Bundesland zeigte sich bei dem jüngsten Ländervergleich der Schülerleistungen als das ungerechteste? Es war Berlin, wo die Kinder sechs Jahre lang gemeinsam die Grundschule besuchen. Dort ist die Leseleistung der Schüler, wie es die Bildungsforscher formulieren, am stärksten an ihre soziale Herkunft gekoppelt.

Es ist erstaunlich, wie hartnäckig von den Anhängern des längeren gemeinsamen Lernens auch die Studie des Züricher Bildungsforschers Helmut Fend ignoriert wird. Fend, ursprünglich ein Befürworter der Gesamtschule, hat die Bildungsbiografien hessischer Schüler untersucht. Das ernüchternde Ergebnis: Die soziale Herkunft der Schüler bestimmt deren Schul- und Berufsabschlüsse – unabhängig davon, ob sie vorher eine Gesamtschule oder eine Schule des gegliederten Systems besucht haben.

Man könnte die schulpolitischen Glaubenskrieger gewähren lassen, aber sie richten in zweierlei Hinsicht großen Schaden an:

Erstens zerschlagen sie ohne Not funktionierende Strukturen. In unserem problembeladenen Schulsystem erbringen die bei den Eltern beliebten Gymnasien ganz passable Leistungen. Ihnen nach der Belastung durch die Gymnasialzeitverkürzung (G8) nun zwei weitere Klassen zu amputieren ist abenteuerlich. Sich zu den vorhandenen Problemen des Schulsystems noch neue zu schaffen ist eine Torheit.

Leser-Kommentare
  1. Guten Tag allerseits

    Ich stimme Ihnen, Herr Kersten, vollkommen zu,
    dass man sich den Bildungsverlierern stärker und mit mehr "Kraft" helfen muss.
    Dass des öfteren vorhandene, bestätigte und in der Theorie und (kleiner) Praxis funktionierende(System-)Veränderungen nicht in Erwägung geschweige denn umgesetzt werden, ist ein deutsches Politmysterium.

    Dennoch würde diese Symptombeseitigung immer noch nicht die Ursache beseitigen.
    Es stände also zur Debatte, ob eine 6-Jahre-Gemeinschaftsschule diese Ursachen beseitigen. Fakt ist, auch ihren Worten nach, dass das aktuelle Schulsystem diese Ursachen nicht beseitigen würde.

    Das aktuelle Grundschulsytem wäre sehr schwer mit all den nötigen Föderungsmaßnahmen zu vereinigen.

    Warum also nicht Alt(un-)bewährtes mal umschmeißen und eine Pionioertat wagen?. Wenn genug Interesse besteht können auch bestimmt nötige Verhältnisse geschaffen werden, um aufzufagen was fällt, falls die Pioniertat doch fehlschlagen sollte.

    Freue mich auf konstruktive freundliche Kritik,
    Auf den zweiten Blick scheint vieles anders,

    Liebe Grüße

    Wertungsfrei

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    @ Wertungsfrei_hoffe ich

    Theoretisch würde ich Ihnen zustimmen. Nur ist das Schulsystem ein komplexer, gewachsener Organismus. Und wenn man Experimente mit offenem Ausgang veranstaltet, muss einem bewusst sein, dass davon immer ganz konkrete Schülerinnen und Schüler betroffen sind (plus Lehrer und Eltern). Deshalb halte ich es für geboten, bei Reformen möglichst behutsam vorzugehen.

    @ Wertungsfrei_hoffe ich

    Theoretisch würde ich Ihnen zustimmen. Nur ist das Schulsystem ein komplexer, gewachsener Organismus. Und wenn man Experimente mit offenem Ausgang veranstaltet, muss einem bewusst sein, dass davon immer ganz konkrete Schülerinnen und Schüler betroffen sind (plus Lehrer und Eltern). Deshalb halte ich es für geboten, bei Reformen möglichst behutsam vorzugehen.

  2. "Diese immer wieder mantramäßig dozierten Argumente und angeblichen Studien, die beweisen wollen, dass längeres gemeinsames Lernen nichts nütze, kann man, bei Bedarf, mithilfe von Studien aushebeln, die belegen, dass längeres gemeinsames Lernen nichts schade."

    Skurril. Rechtfertigt es, viel Geld, das woanders fehlt, auszugeben für eine Reform, die voraussichtlich nicht schadet? Zumindest entstünde ein finanzieller Schaden.
    Es ist guter wissenschaftlicher Standard, Änderungen dann vorzunehmen, wenn Untersuchungen zweifelsfrei ergeben haben, dass Änderungen einen Nutzen haben.

    Zum Vergleich: ein neues Medikament, bei dem nachgewiesen wird, das es vorraussichtlich "nicht schadet", wird hierzulande kaum Chancen auf Zulassung haben. Es müsste schon seinen spezifischen Nutzen für alle Anwender nachweisen.

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    Schön wäre es, wenn Medikamente nur zugelassen seien, deren Wirkung einwandfrei und nachhaltig ohne Nebenwirkungen nachweisbar ist. Das ist faktisch falsch!
    Ein Beispiel: Die gängigen Allergiemedikamente gelten erst seit kurzer Zeit als unbedenklich für Schwangere, obwohl sie schon jahrelang zugelassen sind - auch hier lassen sich also bestimmte positive Wirkungen nur durch Erfahrung evaluieren, ein übliches und sinnvolles Vorgehen.
    Zurück zur Pädagogik: nie gab es eine Studie, die einen Nutzen belegt, bevor ein Bildungssytem eingeführt, verändert oder reformiert wurde. Auch die vielgepriesene Dreigliedrigkeit ist keine Folge einer durch Studien belegten pädagogischen Lehre.
    Wer nun fordert, man müsse erst jahrelange Beweise antreten, um ein System zu reformieren, erstarrt in Handlungsunfähigkeit. Das gilt für alle Bereiche der WIssenschaft, nicht nur für die Pädagogik. Darauf können wir nicht warten.
    Dennoch finanziert die Bundesregierung ein extrem aufwendiges und sehr kostenintensives Forschungsprojekt - die NEPS Studie (Nationales Bildungspanel), die Bildungskarrieren vom Kiga bis zur UNi nachzeichnet, dokumentiert und evaluiert. Vielleicht hilft das ja der zukünftigen Generation dabei, die unsinnigen Fragen nach wissenschaftlicher Belegbarkeit jeder unbeliebten geplanten Maßnahme zu relativieren. In ca. 25 Jahren wissen wir mehr. Leider ist das deutlich zu spät für die nächste Generation.

    Schön wäre es, wenn Medikamente nur zugelassen seien, deren Wirkung einwandfrei und nachhaltig ohne Nebenwirkungen nachweisbar ist. Das ist faktisch falsch!
    Ein Beispiel: Die gängigen Allergiemedikamente gelten erst seit kurzer Zeit als unbedenklich für Schwangere, obwohl sie schon jahrelang zugelassen sind - auch hier lassen sich also bestimmte positive Wirkungen nur durch Erfahrung evaluieren, ein übliches und sinnvolles Vorgehen.
    Zurück zur Pädagogik: nie gab es eine Studie, die einen Nutzen belegt, bevor ein Bildungssytem eingeführt, verändert oder reformiert wurde. Auch die vielgepriesene Dreigliedrigkeit ist keine Folge einer durch Studien belegten pädagogischen Lehre.
    Wer nun fordert, man müsse erst jahrelange Beweise antreten, um ein System zu reformieren, erstarrt in Handlungsunfähigkeit. Das gilt für alle Bereiche der WIssenschaft, nicht nur für die Pädagogik. Darauf können wir nicht warten.
    Dennoch finanziert die Bundesregierung ein extrem aufwendiges und sehr kostenintensives Forschungsprojekt - die NEPS Studie (Nationales Bildungspanel), die Bildungskarrieren vom Kiga bis zur UNi nachzeichnet, dokumentiert und evaluiert. Vielleicht hilft das ja der zukünftigen Generation dabei, die unsinnigen Fragen nach wissenschaftlicher Belegbarkeit jeder unbeliebten geplanten Maßnahme zu relativieren. In ca. 25 Jahren wissen wir mehr. Leider ist das deutlich zu spät für die nächste Generation.

  3. In einem hat der Artikel den Punkt getroffen: Schule ist die moderne Form des Glaubenskrieg. Keiner weiß eigentlich was menschliches Lernen ist. Die Lehrer meinen sie wüßten dass und dürfen ungestört ihre Macken an den Schülern auslassen. Bolemielernen ist das Credo an den Gymnaisien: Lernen, Auskotzen und Vergessen. Welche Zerstörung von menschlichen Talenten.

    Die Schulleitungen und Lehrer sind dabei die Inquisitoren geistigen Lernens und scheuchen unsere Kinder über die kognitiven Masstweiden. Wir wundern uns dann nur noch, dass jeder zweite Schulabgänger nicht ausbildungsfähig ist.

    Das deutsche Schulsystem ist nicht reformierbar, es muss völlig neu aufgebaut werden. Und wir brauchen vor allem ganz andere Lehrer und Lehrerinnen, die ein wirkliches Interesse an den Talenten von Menschen haben. Wir müssen die Stärken und Stärken. Wir brauchen einen kreativen Kapitalismus, wo Menschen ihre Talente umsetzen können. Unsere Schulen produzieren nur konvergente Qualen. Und an dieser Realität geht deser Aritkel völlig vorbei. Denn insbesondere das dreigliedrige Schulsystem stammt aus der wilhemischen Zeit des autoritären Ameisenstaates, wo die Elite denkt und lenkt und die Volks- und Realschüler arbeiten. Wer an so etwas wie der Spiegelautor festhalten will, den kann ich nicht mehr ernstnehmen.

    Bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion /ft

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