Nebelschwaden ziehen über die Gebirgskette, nur vereinzelt stechen Spitzen und Kanten hervor. Im Tiroler Valsertal, südlich von Innsbruck, wo die Gipfel über 3000 Meter in die Höhe ragen, liegt auf der Alpeiner Scharte in den Zillertaler Alpen ein vergessenes Stück NS-Geschichte vergraben: ein verlassenes Bergwerk inmitten von Geröllhalden und Lawinenstrichen. 18 Quadratkilometer groß war die Anlage, vom Stollen, knapp unter der Gletschergrenze, bis hinunter in das Tal. Große Hoffnungen wurden einst in dieses Projekt gesetzt; schließlich endete es in einem Fiasko.

»Grab hier«, ruft Gerhard Stadler, ein Industriearchäologe von der Technischen Universität Wien. Sein Assistent schwingt das rostige Werkzeug. Schon beim ersten Spatenstich stößt er auf eine Betonplatte: »Vielleicht ein Maschinenfundament oder doch ein Wasserbecken.« 14 Studenten und ihre Betreuer sind derzeit im Valsertal unterwegs, um ein wahnwitziges Stück Geschichte zu erkunden. »Es ist das höchstgelegene Bergwerk Europas, das mir je untergekommen ist«, sagt Stadler. »Allein die Seilbahn, die hier stand, besaß eine bis dahin ungeahnte Dimension.«

Viel von dem waghalsigen Projekt ist nicht mehr übrig: Die Aufbereitungsanlage im Tal wurde 1989 gesprengt. Andere Gebäude sind zugewuchert, und der Eingang zum Bergwerk liegt unwegsam abseits der Wanderwege. Bis Kriegsende wurde allerdings in der unwirtlichen Gerölllandschaft geschuftet und nach Molybdän gesucht – einem kriegswichtigen Edelmetall für die Flugzeug- und Panzerproduktion.

Die deutsche Rüstungsindustrie war auf den Stahlhärter angewiesen, bei dem das Wirtschaftsministerium 1938 einen Fehlbedarf von jährlich 2400 Tonnen registrierte. Da eröffnete der Anschluss Österreichs im selben Jahr die Möglichkeit, der Kriegsvorbereitung neue Lagerstätten in Bleiberg oder im steirischen Rubland zu erschließen und so die »Molybdängewinnung auf inländischer Grundlage« um die Hälfte zu erhöhen.

Auch auf der Alpeiner Scharte versprach sich die Reichsstelle für Bodenforschung großes Potenzial. Bereits 1774 hatte der Tiroler Kartograf Peter Anich in seinem Tagebuch von einem »glänzenden Metall« berichtet, das er dort, knapp unter der Gletschergrenze auf 2800 Meter Höhe, entdeckt habe. Doch niemand hatte sich auf das Abenteuer eingelassen, in einer Region, in der es sogar im Hochsommer zu Schneegestöber kommen kann, ein Bergwerk errichten zu wollen.

Bis zu dem Zeitpunkt, zu dem Mangel jede Vernunft außer Kraft setzte. Nun prophezeite der Geologe Oskar Schmidegg von der Universität Innsbruck in einem Gutachten für das Reichsamt für Bodenforschung, das Gebirgsmassiv würde 840 Tonnen Molybdän bergen – ein Schatz, auf den die Kriegsmaschinerie der Nazis meinte nicht verzichten zu können.