Tag 5 ohne Matthias

Elfi Reinz deckt den Frühstückstisch, vier Teller, vier Messer, vier Tassen. Dabei sind sie nur noch zu dritt. Ausgerechnet an ihrem Geburtstag ist Matthias abgeflogen. Fünf Tage ist das jetzt her.

Am 15. Juli 2009 hat ihr Mann, Hauptfeldwebel Matthias Reinz, vom Flughafen Köln-Bonn zu Hause angerufen, bevor er in den Bundeswehr-Airbus nach Afghanistan gestiegen ist. Es ist nicht sein erster Auslandseinsatz. 1998 hat er sich für den Einsatz in Bosnien gemeldet, 2002 war er im Kosovo. Sein achtjähriger Sohn Fabian wusste, dass dieser Anruf kommen würde. Bevor Väter ins Flugzeug nach Afghanistan steigen, rufen sie noch einmal zu Hause an. So steht es in seinem Buch Mein Papa ist Soldat, einem Kinderbuch über den Bundeswehreinsatz in Afghanistan, das ihm sein Papa nach einer Operation zusammen mit einem Teddy im Tarnanzug geschenkt hatte. Als Trost. Von Müttern, die nach dem Anruf leise hinter der Küchentür weinen, steht in dem Buch allerdings nichts.

Vier Tage ist es her, dass sich der ältere Sohn Florian in seinem Zimmer verschanzt hat. Er macht sich Sorgen um seinen Vater, weil es in Afghanistan tellergroße, hüpfende Kamelspinnen gibt und Terroristen. Florian ist 14 und möchte einmal Soldat werden. Wie sein Vater.

Drei Tage ist es her, dass die Bundeswehr in Kundus eine Großoffensive begonnen und Elfi Reinz von ihrem Mann eine SMS erhalten hat, er sei gut im Bundeswehrfeldlager Masar-i-Scharif angekommen. Zwischen Masar und Kundus liegen 160 Kilometer. Elfi Reinz tröstet das nicht. Für die Frau aus Schönstedt in Thüringen ist Afghanistan einfach Afghanistan: gefährlich und unberechenbar. Sie wird in den kommenden Wochen noch erfahren, dass Kilometer auch eine Maßeinheit für Angst sein können.

Zwei Tage ist es her, dass sich Florian eine Auszeit genommen hat und zu seiner Oma Bärbel gezogen ist. Es hat nichts geholfen, sich im Zimmer zu verkriechen. Zu Hause konnte er der Angst und der Traurigkeit nicht entkommen, sie sind durch die Türritzen gekrochen und haben sich neben ihn in sein Hochbett gelegt.

Gestern hat Fabian gefragt, ob sein Papa noch lange weg sein werde. Elfi Reinz schüttelt den Kopf, das hat sie in den vergangenen Tagen oft getan. Es ist ein ungläubiges Kopfschütteln, als wäre sie jedes Mal wieder überrascht, dass Matthias nicht mehr da ist. Von den anderen Einsätzen kennt Elfi Reinz das Alleinsein. Was sie nicht kennt, ist die Angst, die Wucht, mit der sie ihr in den Magen boxt, wenn sie zu ihrer Arbeit in einem Supermarkt fährt und im Autoradio hört, dass in Afghanistan ein Bundeswehrkonvoi angegriffen worden ist.

Auch Florian kann sich noch daran erinnern, wie es war, als sein Vater 2002 ins Kosovo gegangen ist. Damals war seine größte Sorge, dass er eingeschult werden sollte, während sein Vater im Einsatz war. Heute ist seine größte Sorge, dass sein Vater getötet werden könnte. Damals hat Florian das Problem in Ordnung bringen können, er hat bei der Schulpsychologin das richtige Bild gemalt – einen kleinen Jungen mit Schultüte an der Hand eines Mannes in Uniform. Die Psychologin hat daraufhin empfohlen, ihn ein Jahr später einzuschulen. Heute kann Florian nichts in Ordnung bringen.

Wir schaffen das! Eine Hilfestellung für Eltern, die mit ihren Kindern die Zeiten berufsbedingter Trennung meistern wollen heißt ein Ratgeber, den die Bundeswehr herausgibt. 44 Seiten mit Tipps wie »Als Vater einen Tonträger mit gemeinsam ausgewählten Lieblingsgeschichten besprechen« oder »Möglichst anschaulich davon erzählen, was der Papa machen wird, wenn er weggeht«. Florian und Fabian möglichst anschaulich zu erzählen, wie ihr Vater mit einem Spähtrupp nachts in einem gepanzerten Spähwagen in der afghanischen Steppe nach Terroristen Ausschau hält, die Sprengfallen bauen oder einen Hinterhalt vorbereiten, würde die Angst um ihren Vater sicherlich nicht lindern. Aber von dieser Angst ist auf den 44 Seiten ohnehin keine Rede, sie kommt schlicht nicht vor. Bei den Ratgebern der Bundeswehr ist es wie in der politischen Debatte: Die passenden Worte für den Einsatz fehlen.

Tag 21, Der Kiesplatz

Mit der Zeit wird auch der Ausnahmezustand zur Routine, er entwickelt seine eigenen Rituale, seine eigene Sprache. Jeden Morgen vor und jeden Abend nach dem Zähneputzen setzt sich Florian an den Computer, gibt bei Google News als Suchbegriff »Afghanistan Bundeswehr« ein. Dann geht er zu seiner Mutter, anstatt »Guten Morgen« oder »Gute Nacht« sagt er jetzt »Da unten ist alles ruhig« oder »Da unten ist wieder was passiert«. »Da unten« bedeutet Afghanistan, und »wieder was passiert« heißt, deutsche Soldaten sind angegriffen worden.