Punkpop von Bonaparte Stunde der FreaksSeite 3/3
Manche sehen in der Bar 25 bloß einen Endlosfeiertechnotempel, vor dessen Pforten sich am Wochenende Amüsierwillige aus aller Welt drängeln. Doch in Wahrheit ist die Bar 25 einiges mehr. Das idyllisch am letzten unsanierten Spreeabschnitt der Innenstadt gelegene Gelände beherbergt ein Restaurant der gehobenen Preisklasse, einen Wellnessbereich mit Sauna, ein Hostel in Form kleiner Chalets, eine Zirkusarena, wo, wenn nicht gerade ein Konzert stattfindet, Fußballspiele übertragen werden, alles aus altem Holz im Vagantenlook gezimmert. Inmitten dieses gallischen Dorfes, nur ein paar Hundert Meter von MTV und dem Universal-Gebäude entfernt, leben die Betreiber in einer Wagenburg mit Klowagen und Gemeinschaftsdusche. »Die Bar«, wie Jundt sie in zärtlicher Verallgemeinerung nennt, ist so etwas wie eine gelebte Utopie. Vor allem aber ist sie ein Kreuzungspunkt verschiedener Weltanschauungen – oder dessen, was von ihnen geblieben ist.
Ein anderer Tobias, der Musikjournalist Tobias Rapp, hat in seinem Buch über die Berliner Clubkultur nach der Jahrhundertwende beschrieben, wie hier in den nuller Jahren die ersten Frauen auftauchten, die mit ihren Ballerinakostümchen, den Fummeln vom Dachboden und der Glitzerschminke aussahen, als wären sie einer Party zum Thema »Vaudeville« entsprungen, während gleichzeitig Brandenburger Raver auf einer Ecke des großen Abenteuerspielplatzes ihren Drogenrausch ausklingen und Gestresste sich massieren ließen, Überhitzte nackt in die Spree sprangen, die Leute auf den vorüberziehenden Touristendampfern große Augen machten und über alldem der Betrieb einfach weiterging. Die Bar 25 war der Ort, an dem sich bisher getrennte Szenen zu etwas Neuem vereinigten, einer Best-of-Kultur, in der das Neohippieske gleichberechtigt neben dem Technoiden stand und das Pragmatische neben dem Wunsch, den Alltag mit allen Mitteln hinter sich zu lassen.
»Aus der Bar ist schon einiges an Energie gekommen«, sagt Tobias Jundt. Was die Bar 25 mit dem Projekt Bonaparte verbindet, ist die Mischung aus Idealismus und Realitätssinn, die als circensische Dauerparty praktiziert wird. Einerseits geht es darum, Leben und Arbeit zu einer neuen, unentfremdeten Existenzform zu verbinden. Andererseits ist dieser Lebensentwurf ideologisch abgerüstet: Während die Angehörigen früherer Subkulturen nicht selten Jahre in Planwagen umherzogen, um einen glaubhaften Outsider zu verkörpern, genügt es heute, sich in die richtige Schale zu schmeißen, und schon geht man als Angehöriger des fahrenden Volks durch.
Es ist ein neues Berlin der Kreativindustrien, das sich in Bonaparte ankündigt. Das Personal entstammt nicht mehr einer bestimmten, über die Jahre gewachsenen Szene, sondern ist international zusammengewürfelt wie die diversen Mitstreiter und Mitstreiterinnen Jundts, die es aus Mexiko, Panama, Neuseeland, Frankreich, den USA und anderen Ländern hierhergezogen hat – in der deutschen Hauptstadt lebt es sich eben noch billig. Zum neuen Party-Berlin gehört auch, dass der dabei generierte Sound der erste Sound ist, der ganz ohne Berliner Lokalkolorit auskommt und stattdessen Englisch, Russisch und Deutsch zu einem hochbeschleunigten, multilingualen Tanzbodenesperanto verquirlt. In dieser Situation allerdings sind die Konjunkturen der Hipness schwer zu steuern. Derzeit gehören Bonaparte zur Speerspitze der neuesten Spaßkultur, es gibt Fans, die auf den vagen Verdacht hin anreisen, in irgendeiner Kreuzberger Bar mit Lulu in Kontakt zu kommen, dem bärtigen Tänzer aus Paris, der sich auf Bonaparte-Konzerten in niedlichen Feinrippunterhosen präsentiert, und Mad Kate ist so etwas wie der feuchte Traum des metrosexuellen Szene-Slackers. Doch nichts ist so launisch wie das hauptstädtische Partywesen. In die Begeisterung mischen sich seit einiger Zeit böse Stimmen. Sie bringen Bonaparte mit den Scharen von Erlebnishungrigen in Verbindung, die jedes Wochenende einfallen, und beklagen, wesentliche Teile der Stadt seien zu einer Abfüllstation für Hotelgäste, Ballermanntouristen und Schulklassen aus Heilbronn geworden.
Jundt nimmt solche Vorwürfe ernst: Vielleicht war es früher wirklich schöner, als die Stadt noch arm, aber sexy war. »Berlin, nimm dich in Acht, deine Tage sind gezählt!«, deklamiert er, als wäre irgendwo eine Kamera anwesend. Aussteigen aus seiner Zeit allerdings, das kann man nun mal nicht. Zum Glück ist Bonaparte ein Projekt der flexiblen Antworten: Es existiert als bunter Vagantenhaufen, ist aber jederzeit wieder zur schlanken Eingreiftruppe umrüstbar. Sollte auch das eines Tages vorbei sein, so bleibt die Erinnerung an großartige Momente kollektiven Aus-dem-Häuschen-Seins. »Das war das Schönste«, sagt Jundt, »dass du Schlachten gewinnen konntest, die sonst nur mit Geld gewonnen werden.« Sie wurden aber mit Schweiß gewonnen. Und mit Herzblut.
- Datum 16.07.2010 - 12:42 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 15.07.2010 Nr. 29
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...mich irgendwie an "Synonym für Freundschaft" oder "Der geheimnisvolle Zuckerschlecker"
Nur wurde die Bar 25 ihrem Ruf als Schickimickihippie-Club bei der letzten Fete de la Musique wieder mal gerecht, als sie als einziger Veranstaltungsort tat, was auf der Fete eigentlich nicht sein soll, nämlich Einlasskontrollen durchzuführen, damit nur die hippen, schicken & reichen Einlass in das ach so progessive Etablissement erhalten ...
Wenn der Herr Jundt ein "drahtiger Endzwanziger" ist, kann ihm kein Vater der Welt in den 70ern irgendetwas nahegebracht haben.
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