Blick auf die Odenwaldschule in Heppenheim ©  Alex Grimm/Getty Images

An der Odenwaldschule, die vergangene Woche ihr hundertjähriges Jubiläum beging, haben Pädagogen schwere Schuld auf sich geladen. Unter der Vorspiegelung der Erziehung zur Freiheit und der Hinwendung zum Einzelnen haben Lehrer und auch Lehrerinnen Schüler auf perfideste Weise manipuliert, um sie sexuell auszubeuten. Andere haben an dem einstigen Vorzeigeinternat der Reformpädagogik die Augen vor den Taten ihrer Kollegen verschlossen oder diese gedeckt. Viele von ihnen hatten keine pädagogische Ausbildung, jenseits des Odenwalds hätten sie es schwer gehabt. Um die Schule und ihre Arbeitsplätze zu schützen, übten sie Verrat an den Kindern. Internatsleiter haben Schüler, die die Missstände anprangerten, unter Vorwänden der Schule verwiesen.

Nur wenige Opfer sprechen über das, was ihnen widerfahren ist. Was sie berichten, ist erschütternd. Dass sie an der Schule dazu erzogen wurden, mit Erwachsenen ins Bett zu gehen, und dies viele Jahre für normal hielten. Sie beschreiben, wie der ehemalige Schulleiter Gerold Becker, der vergangene Woche verstorben ist, ihnen mit seinen Übergriffen jeden Tag die Würde nahm. Von über sechzig Jungen und Mädchen, die an der Odenwaldschule zum Teil Fürchterliches erlitten haben, weiß man.

Ehemalige und die Juristinnen, die an der Aufarbeitung beteiligt sind, glauben, dass viel mehr Schüler missbraucht wurden. Diese brauchen finanzielle Hilfe. Geld für Therapien, die die Krankenkassen Jahre später nicht mehr einfach bewilligen, oder Geld zum Leben, weil das Erlittene sie aus der Bahn geworfen hat. Allen, auch denen, die das Geschehene überwunden haben, sollte die Schule Schmerzensgeld zahlen, Verjährung hin oder her. Bis zu diesem Jahr hat die Odenwaldschule es versäumt, den heillosen Missbrauch aufzuklären. Der neue Vorstand treibt dies voran. Doch Aufarbeitung reicht nicht.

Die Würde der Opfer muss endlich an erster Stelle stehen. Verkauft die Schule, und gebt den Opfern das Geld! Wer das Geld nicht will, möge es weitergeben an Hilfsorganisationen und die vielen anderen Opfer sexueller Gewalt. Die Schule könnte so ihre Schuld auf achtenswerte Weise eingestehen und versuchen, Wiedergutmachung zu leisten.