Schweizer Bürgersinn Deutsche, schaut auf dieses Land!

Warum mir meine Heimat immer fremder und die Schweiz immer lieber wird

Den Deutschen Zuwanderer in der Schweiz fasziniert nicht die Schokolade. Ihn faszinieren nicht die Berge und auch nicht die Seen dazwischen: Den Deutschen in Zürich, in Basel und im Emmental fasziniert die Vision der Schweizer Bevölkerung von ihrem Land, der Kitt in den Fugen der Schweizer Gesellschaft, die Schweizer Bürgerlichkeit.

Es ist keine Liebe, vielmehr eine Art Respekt, der wächst und reift. Ein Schweizer, der die Deutschen gut kennt, formulierte es mal so: »Die Deutschen betrügen ihre Versicherungen und die Steuerämter. Sie lassen ihre Nahverkehrszüge verkommen. Sie schimpfen den ganzen Tag.« Die Welt vor der Haustür käme dem Deutschen geradezu feindlich vor. »Die konspirative Zelle, die Utopie vom Glück – das ist für den Deutschen die Familie! Ein Schweizer aber empfindet die Berge und Seen, die Mitbürger, Institutionen, Behörden und Unternehmen als Teile von sich selbst. Ihm blutet das Herz, wenn all das nicht miteinander harmoniert.«

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Dem frisch migrierten Deutschen mag diese Haltung befremdlich erscheinen. Er glaubt mitunter, den Schweizern säßen die Hemdkrägen zu eng. Die scheinbare Ignoranz, mit der ein Mann von Weltläufigkeit wie Roger Schawinski sich über das Sächseln eines deutschen Kartenverkäufers am Skilift beschwert; seine Begründung, der Schweiz könne so die Swissness verloren gehen; die Kraft des Volkes, gemessen an den Meinungsnormen des vom Krieg geprägten Europa auch mal »falsch« zu entscheiden; der Wert der Vereine, Verbände und Cliquen: Anfangs weckt all das beim deutschen Migranten das Ressentiment des Unbehagens im Kleinstaat.

Begibt sich ein schweizerfahrener Deutscher jedoch auf Heimatbesuch, keimt in Gesprächen mit den Bekannten, beim Lesen der Zeitungen und beim Fernsehen mitunter eine seltsame Sehnsucht. Irgend etwas scheint den Deutschen zu fehlen.

Jens Petersen

Seit vier Jahren lebt der 34-jährige Arzt und Schriftsteller Jens Petersen in Zürich. Der Autor des viel gelobten Romans »Die Haushälterin« wurde 2009 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet. Derzeit arbeitet Petersen, der regelmäßig für die ZEIT schreibt, als Assistenzarzt in der neurologischen Klinik des Universitätsspitals Zürich. In den Nächten schreibt der gebürtige Pinneberger an seinem nächsten Roman, der 2011 erscheinen soll.

Die Deutschen bedenken die Schweiz bisweilen mit Schelte und Hohngelächter, Naserümpfen und Schulterzucken. Ein »Völkchen« mit eigenem Willen? Darf man das ernst nehmen? Man täte gut daran. Ob die Minarett-Initiative nun populistisch war oder bloß dumm: Gemessen am Schweizer Bürgersinn lässt sich nachvollziehen, warum gehobene Zeigefinger und Bevormundung bei den Schweizern so ausgeprägte Allergien entfachen, zumal in Deutschland selten ein Umstand derart beklagt wurde wie die viel diskutierte Entkoppelung von Volk und Politik. In jedem herablassenden Seitenhieb aufs Käse-Land schwingt beim Deutschen Neid mit: Sind nicht die Schweizer vielleicht in ihrem Taktieren besonders clever? Warum dürfen Deutsche nicht auch tun, was sie denken?

Das deutsche Gefühl, in der Hauptstadt würde Theater gespielt, während der Wähler dasitzt und zusehen muss wie im Parkett, scheint im kollektiven Gemüt der Schweizer nicht präsent. In der Schweiz rekrutieren sich viele Politiker aus dem Bürgertum. Fasziniert lauscht der deutsche Migrant den Erzählungen großväterlicher Schweizer, die in den fünfziger, sechziger Jahren vom Hof der Familie kamen, als Unternehmer Wohlstand erlangten und sich mit größter Selbstverständlichkeit in der Politik engagieren – gerne auch in Gemeinden; es muss nicht die Hauptstadt sein. Karrierismus scheint diesem Schweizer Modell nicht eingegeben, während in Deutschland ein lokaler Berufspolitiker oft den Stempel des Verlierers trägt: einer, der es im Land, im Bund »nicht geschafft« hat.

Es scheint einem Deutschen, die prototypische Schweizer Persönlichkeit würde den Sinn fürs Soziale, Unternehmertum und für Politik zur selbstverständlichen Synthese führen. Das Korsett eines starken Staates, der das Individuum von der Verantwortung befreit, gleichzeitig aber entmündigt und so in Krisenzeiten Gefühle der Ohnmacht weckt, ist in der Schweiz offenbar eine kulturelle Unmöglichkeit.

Leser-Kommentare
  1. Warum schreibt nicht endlich jemand über die wirklichen Unterschiede? Die Schweiz ist längst nicht so "bürgerlich" wie mancher Autor denken mag, sondern hat manchmal eher zu viel "Zuvilität".
    Es gibt hier Szenen, die kein Deutscher verstehen würde: der Staat vertraut dem Bürger und gibt ihm die Waffe mit nach Hause (noch mit Taschenmunition). Einerseits ein Zeichen des Vertrauens, andererseits wird erwartet, dass er in Notzeiten dazu stehen wird. "Ehrbar ist, wer wehrbar ist". Also steht der Aufgebotene morgens mit Sturmgewehr an der Bushaltestelle und niemand findet etwas dabei. Wenn die Deutschen jemals die Schweizer begreifen würden, sollte die Berliner Obrigkeit warm anziehen.
    Anderes Beispiel: Zulassung/Immatrikulation eines Auto als Ausländer: benötigt man doch einen Schwung Formulare (Personalausweis, Aufenthaltsgenehmigung, Fz.-Brief, ASU, Deckungskarte, TÜV-Bericht, Vollmacht des Halters), man steht den ganzen Vormittag herum und wartet bis die Wartenummer aufgerufen wird und selbst dann noch kontrolliert ob der Blinker funktioniert. Schweiz: am Abend vorher eine Versicherung online anschliessen, am Tag danach das Auto online Immatrikulieren. Frage der verdutzten Dame: "Warum möchten Sie das Fahrzeug vorführen, wir senden Ihnen die Kontrollschilder per Post zu?"

  2. Mehr Beispiele: als Behördengänger muss man in der Schweiz zuweilen Gebühren für Kopien entrichten - von Kanton zu Kanton unterschiedlich ;-) 20-40 CHF. Das Recht gilt hier in beide Richtungen: ein Kollege hat der Steuerbehörde für eine verlorene Kopie ebenfalls Gebühren berechnet - diese wurden ihm auch erstattet. Undenkbar im preussischen Untertanenstaat. Der Staat hier ist Dienstleister und der Bürger hat nicht nur mehr "Bürgersinn", sondern das Bewusstsein der Freiheit des Individuums gegenüber dem Staat ist viel tiefer verankert.
    Die verpatzte Revolution von 1848 ist die letzte Trennungslinie zwischen beiden Brüdern. Die Flüchtlinge des Paulskirchenparlamentes haben ihre Ideen in die Schweiz mitgenommen und seit 161 Jahren ist wenig gutes über den Rhein gekommen.

  3. Die Demokratie sollte ebenfalls beleuchtet werden. Ja, das Minarettverbot, die Leute welche ihre Mitbürger als "Mob" bezeichnen, werden jetzt solche Argumente aus der Kiste holen. Das Minarettverbot wurde hierzulande als Aufforderung an die Bundesräte verstanden in Sachen Migrationspolitik über die Bücher zu gehen.
    Fakt ist, dass im Vorfeld von Abstimmungen die Medien sehr genau verfolgt werden und Populismus sehr genau erkannt und verworfen wird. Letztes Jahr wurden die Vereinbarungen zur Freizügigkeit von Arbeitnehmern aus EU/EFTA Staaten mit 2/3 Mehrheit verlängert, obwohl die Krise allen Populisten und den eigenen Ängsten recht gegeben hätte. Ein wichtiger Unterschied ist der Respekt für Mehrheitsentscheide: in der Schweiz wird man bei knappen Entscheidungen (zu biometrischer Ausweis 49,9 zu 50,1%) auch die Interessen der Minderheit berücksichtigen. Die Konsensfähigkeit der Schweizer Politik stellt alles in Deutschland in den Schatten. Polemiken und Tiraden wie im Deutschen Bundestag sind hier nicht üblich. Selbst eine "Opposition" war vor Blocher nicht üblich. Nichts wurde auf der anderen Rheinseite verstanden, am wenigsten von den Redakteuren der ZEIT.

  4. Es ist heikel,große Länder mit kleinen zu vergleichen.
    Deutschland spielt leider nicht in der Liga der Kleinen Sympathischen wie Dänemark, Niederlande oder Schweiz,sondern muß sich eher an Frankreich oder GB messen lassen.
    Interessant ist allenfalls,daß sich die Deutschen wohl insgeheim nach der Kleinstaaterei zurücksehnen,wie sie aus dem 30jährigen Krieg,einer für beide Länder sehr prägenden Epoche,hervorgegangen ist (aber in Grundzügen schon lange vorher existierte) und bis zur Zerstörung durch Napoleon bestand.
    In gewisser Weise ist die Schweiz diesem alten Deutschland treuer geblieben als das große Deutschland,über das nach Napoleon noch mehrere Dampfwalzen gefahren sind.
    Schließlich entsprechen die Territorien der Schweizer Kantone noch weitgehend den gewachsenen Strukturen des Mittelalters,die letztlich die deutsche und schweizer Mentalität geprägt haben.Dagegen fußt der deutsche Föderalismus heutzutage auf Kunst- und Zufallsprodukten wie „Nordrhein-Westfalen“,„Saarland“ oder „Sachsen-Anhalt“. Vielleicht befördert es Bürgersinn und Engagement,wenn die Regierung nicht im fernen Kiel oder München sitzt, sondern in der nächsten Kleinstadt?
    Wenn man schon über eine Neustrukturierung der Bundesländer nachdenkt, sollte man nicht eher kleinere, kantonale Einheiten schaffen als noch größere, historisch noch unsinnigere Zusammenwürfeleien? Es wäre ein Deutschland mit vielleicht hundert Bundesstaaten, aber dann hätten die Deutschen ihre Schweiz zuhause.
    Wenn man es denn will...

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