Den Deutschen Zuwanderer in der Schweiz fasziniert nicht die Schokolade. Ihn faszinieren nicht die Berge und auch nicht die Seen dazwischen: Den Deutschen in Zürich, in Basel und im Emmental fasziniert die Vision der Schweizer Bevölkerung von ihrem Land, der Kitt in den Fugen der Schweizer Gesellschaft, die Schweizer Bürgerlichkeit.

Es ist keine Liebe, vielmehr eine Art Respekt, der wächst und reift. Ein Schweizer, der die Deutschen gut kennt, formulierte es mal so: "Die Deutschen betrügen ihre Versicherungen und die Steuerämter. Sie lassen ihre Nahverkehrszüge verkommen. Sie schimpfen den ganzen Tag." Die Welt vor der Haustür käme dem Deutschen geradezu feindlich vor. "Die konspirative Zelle, die Utopie vom Glück – das ist für den Deutschen die Familie! Ein Schweizer aber empfindet die Berge und Seen, die Mitbürger, Institutionen, Behörden und Unternehmen als Teile von sich selbst. Ihm blutet das Herz, wenn all das nicht miteinander harmoniert."

Dem frisch migrierten Deutschen mag diese Haltung befremdlich erscheinen. Er glaubt mitunter, den Schweizern säßen die Hemdkrägen zu eng. Die scheinbare Ignoranz, mit der ein Mann von Weltläufigkeit wie Roger Schawinski sich über das Sächseln eines deutschen Kartenverkäufers am Skilift beschwert; seine Begründung, der Schweiz könne so die Swissness verloren gehen; die Kraft des Volkes, gemessen an den Meinungsnormen des vom Krieg geprägten Europa auch mal "falsch" zu entscheiden; der Wert der Vereine, Verbände und Cliquen: Anfangs weckt all das beim deutschen Migranten das Ressentiment des Unbehagens im Kleinstaat.

Begibt sich ein schweizerfahrener Deutscher jedoch auf Heimatbesuch, keimt in Gesprächen mit den Bekannten, beim Lesen der Zeitungen und beim Fernsehen mitunter eine seltsame Sehnsucht. Irgend etwas scheint den Deutschen zu fehlen.

Die Deutschen bedenken die Schweiz bisweilen mit Schelte und Hohngelächter, Naserümpfen und Schulterzucken. Ein "Völkchen" mit eigenem Willen? Darf man das ernst nehmen? Man täte gut daran. Ob die Minarett-Initiative nun populistisch war oder bloß dumm: Gemessen am Schweizer Bürgersinn lässt sich nachvollziehen, warum gehobene Zeigefinger und Bevormundung bei den Schweizern so ausgeprägte Allergien entfachen, zumal in Deutschland selten ein Umstand derart beklagt wurde wie die viel diskutierte Entkoppelung von Volk und Politik. In jedem herablassenden Seitenhieb aufs Käse-Land schwingt beim Deutschen Neid mit: Sind nicht die Schweizer vielleicht in ihrem Taktieren besonders clever? Warum dürfen Deutsche nicht auch tun, was sie denken?

Das deutsche Gefühl, in der Hauptstadt würde Theater gespielt, während der Wähler dasitzt und zusehen muss wie im Parkett, scheint im kollektiven Gemüt der Schweizer nicht präsent. In der Schweiz rekrutieren sich viele Politiker aus dem Bürgertum. Fasziniert lauscht der deutsche Migrant den Erzählungen großväterlicher Schweizer, die in den fünfziger, sechziger Jahren vom Hof der Familie kamen, als Unternehmer Wohlstand erlangten und sich mit größter Selbstverständlichkeit in der Politik engagieren – gerne auch in Gemeinden; es muss nicht die Hauptstadt sein. Karrierismus scheint diesem Schweizer Modell nicht eingegeben, während in Deutschland ein lokaler Berufspolitiker oft den Stempel des Verlierers trägt: einer, der es im Land, im Bund "nicht geschafft" hat.

Es scheint einem Deutschen, die prototypische Schweizer Persönlichkeit würde den Sinn fürs Soziale, Unternehmertum und für Politik zur selbstverständlichen Synthese führen. Das Korsett eines starken Staates, der das Individuum von der Verantwortung befreit, gleichzeitig aber entmündigt und so in Krisenzeiten Gefühle der Ohnmacht weckt, ist in der Schweiz offenbar eine kulturelle Unmöglichkeit.