DIE ZEIT: Herr Gugerli, Sie erforschen die Geschichte der Datenbanken und des gesellschaftlichen Umgangs mit Informationen. Nun wurde bekannt, dass der Schweizer Staatsschutz erneut massenhaft Personendaten sammelte. Was ist der Unterschied zum »Fichenskandal« von 1989?

David Gugerli: Es gibt eine Menge Unterschiede. Da wäre zunächst mal die Größenordnung: 1989 wurden fast eine Million Bürger erfasst, jetzt geht es um 200.000. Zweitens gibt es heute eine klare Regelung: Wir wissen zumindest, was der Staatsschutz hätte tun sollen und was nicht. Drittens haben wir es mit ganz anderen Bedrohungsszenarien zu tun als vor zwanzig Jahren.

ZEIT: Vor 1989 waren dies der Ostblock und der Kommunismus, heute sind es eher Terrorismus und Radikalismus.

Gugerli: Ja. Damals gab es die Blöcke des Kalten Krieges, und für Staatsschützer war klar, wo die Guten und wo die Bösen sind. Inzwischen erscheinen die wahrgenommenen Bedrohungen vielfältiger: Terrorismus, Handel mit Pornografie, Organisiertes Verbrechen, Waffenschmuggel, Geldwäscherei, Steuerflucht...

ZEIT: ...letzte Woche meldete Nachrichtendienst-Chef Markus Seiler, es gebe mehr Spionage im Zusammenhang mit der Finanzkrise.

Gugerli: Wir haben es mit einer breiteren und diffuseren Bedrohungslage zu tun. Da ist es fast erstaunlich, dass in den Datenbanken nicht noch mehr Personen erfasst wurden.

ZEIT: Eine nebulöse Lage verlangt nach umfassenderen Staatsschutz-Datenbanken?

Gugerli: Jedenfalls kommt die Größenordnung der 200.000 Überwachten damit in eine andere Perspektive. Es gibt noch einen vierten Unterschied zu 1989: Die Sammeltätigkeit privater Dienste und Firmen ist heute wesentlich umfangreicher und intensiver.

ZEIT: Sie denken an all die Phänomene, wo wir selber unsere Spuren hinterlassen, von Facebook bis zur Cumulus-Karte?

Gugerli: Genau. Daran hat man sich gewöhnt. Im Grunde zeigt der aktuelle Fichenskandal – wenn man das überhaupt so nennen will – doch auch, wie sehr die staatliche Regierungsweise an Bedeutung verloren hat.

ZEIT: Wie wirkt sich das konkret aus?

Gugerli: Ein Beispiel: Was ist relevant zur Beurteilung der Zahlungsfähigkeit einer Person? Heute geht man dafür doch nicht mehr aufs Betreibungsamt, sondern man beauftragt eine Inkassofirma mit der Überprüfung heikler Kunden.

ZEIT: Wir haben also inzwischen ein recht lockeres Verhältnis zu unseren Daten.

Gugerli: Ja, die Datenbank prägt uns. Wir setzen dieses Instrument heute immer voraus, es ist überall präsent in der alltäglichen Praxis.