Auf dem Tisch des stellvertretenden griechischen Ministerpräsidenten steht ein grüner Jade-Buddha, der ein wenig so aussieht wie er selbst. Rund, heiter, von großer Gelassenheit. Reibe man dem Buddha morgens den Bauch, erzählt sein Besitzer, werde der Tag gut. Theodoros Pangalos hat die Figur in Shanghai gekauft, dort ist er jetzt öfter unterwegs.

Pangalos sucht Retter für sein Land. Die wirtschaftliche Lage ist dramatisch , daran konnte auch das EU-Hilfspaket nichts ändern. Allerorten werden Löhne gekürzt, unzählige Selbstständige stehen vor dem Ruin, überall wird gestreikt; die Fußballweltmeisterschaft wurde teilweise ohne Kommentare übertragen, weil die Reporter ihre Arbeit niedergelegt hatten. Viele rechnen mit Unruhen im Herbst, wenn die Menschen aus dem Urlaub zurückkommen. Die Regierung will im Eiltempo ein verkrustetes, ineffizientes System umbauen, und dafür braucht sie dringend Geld.

Wer hätte mehr Geld als die Chinesen? Das Gros der Industrieländer hat gerade sein letztes Kapital zusammengekratzt, um Banken, Autokonzerne und Nachbarländer vor dem Kollaps zu bewahren. Die Regierungen stehen vor gewaltigen Schulden , die Banken geizen mit neuem Kredit. China aber sitzt auf einem Devisenberg von etwa zweieinhalb Billionen US-Dollar, und dieser Geldhaufen wächst täglich weiter, weil die Exportwirtschaft neu erblüht . Die chinesische Wirtschaft wird 2010 nach Einschätzung des Internationalen Währungsfonds um zehn Prozent wachsen. Die Chinesen können sich also manches leisten. Und was haben Pangalos und seine Minister ihnen zuletzt nicht alles angeboten!

Das Eisenbahnsystem. Häfen in Korinth, Volios, Thessaloniki, Alexandroupolis, Kreta. Ein Terminal im Hafen von Piräus, zusätzlich zu jenem, das den Chinesen schon gehört. Die griechische Regierung hofft auf Investitionen im Energie- und Wassersektor. Mit chinesischer Hilfe soll bald ein großes Logistikzentrum entstehen. Im Juni erst war Pangalos’ chinesischer Kollege, der Vizepremier Zhang Dejiang, in Athen, um seine Unterschrift unter das größte chinesische Investitionsvorhaben aller Zeiten in Europa zu setzen. Es umfasst 14 Punkte, darunter Schifffahrt, Logistik, Tourismus, Telekommunikation und Olivenöl.

Nein, sagt Pangalos, es bringe nichts, zu versuchen, strategische Industriezweige vor ausländischen Investoren zu schützen, so wie Angela Merkel es einst gefordert hatte. Pangalos sagt, er habe jetzt eingesehen: "In einer globalen Wirtschaft geht das nicht."

Es ist ein großer Moment für China: Der Westen steckt in seinen Krisen – und die Welt braucht frisches Kapital aus der Volksrepublik. Es musste jedenfalls niemanden wundern, dass die Chinesen gleich zu Beginn der Weltfinanzkrise verstärkt im Ausland investierten – und dass daraus bald eine globale Shoppingtour nach Rohstoffen und Kapitalanlagen wurde. Allein im Krisenjahr 2009 haben die Chinesen rund 150 Milliarden Dollar international angelegt, rund dreimal so viel wie im Jahr davor. "Die Weltfinanzkrise ist gleichzeitig eine Herausforderung und eine Chance", erklärte Zhang Guaobao, der Chef der Nationalen Energiebehörde, "die Preise sinken, und Beteiligungen werden einfacher."

Schön für die mit der dicken Brieftasche, zumal Anlageberater in der chinesischen Zentralbank mahnten: Die Regierung dürfe ihre Devisenreserven nicht mehr bloß in US-Staatsanleihen anlegen. Das sei zu einseitig. Zu gefährlich. Auf die großen westlichen Währungen sei kein Verlass mehr. Öl, Gas, Kupfer und Eisenerze – das seien die neuen Hartwährungen des Planeten. 

Ohnehin braucht China riesige Rohstoffmengen, um seine gewaltige Industriemaschine zu füttern, Jobs zu schaffen und auf diese Weise die soziale Stabilität im Land zu sichern. Und das Riesenland braucht Technologie und Vertriebsnetze, um seine Zukunft zu sichern: Patente und Baupläne zum Beispiel, um fortschrittliche Produkte auszuliefern, oder eingeführte westliche Markennamen, damit man nicht länger bloß der Zulieferer dortiger Firmen bleibt. Wertvoll sind auch Häfen oder Flughäfen, um den Verkehr chinesischer Waren zu beschleunigen.

Peking hatte all das schon lange verstanden – und eine Strategie für Auslandsinvestitionen im Mittleren Osten, in Afrika, Lateinamerika und Zentralasien entwickelt. In Argentinien stiegen die Chinesen im März groß in die Energieversorgung ein, und am vergangenen Dienstag vereinbarten sie in Peking eine umfangreiche Zusammenarbeit im Agrarbereich. In manchen Ländern Afrikas sind die Chinesen so engagiert, dass sie als neue Kolonisatoren gelten: Neben Minen und Ölförderanlagen haben sie riesige Landflächen für die Produktion von Lebensmitteln und Biotreibstoffen gekauft und gleich noch Arbeitskräfte hinterhergeschickt. "Über eine Million chinesischer Landarbeiter sind über 18 Länder verteilt", behauptet Carl Rubinstein vom Washingtoner Center for Strategic and International Studies.