DorflädenSelbst ist der Kunde

Wenn Lebensmittelkonzerne ihre Filialen in Dörfern aufgeben, gründen Bürger zunehmend ihre eigenen Läden von 

Als Lebensmittelhändler, Metzger und die Raiffeisenbank aus Harthausen verschwunden waren, blieb nur noch das kleine Wirtshaus gegenüber der Kirche St. Andreas als Informationsbörse für die Dorfbewohner. Harthausen drohte zur reinen Schlafstadt im Münchner Speckgürtel zu werden. »Die Leute haben sich geärgert, dass sie für jede Semmel und jede Rolle Klopapier weit fahren mussten«, sagt Johanna Mayer. Zum nächsten größeren Ort sind es von Harthausen aus in jede Himmelsrichtung etwa acht Kilometer. Lästig für jene, die ein Auto fahren, kaum überwindbar für jene, die keines besitzen: Jugendliche, Alte, Bedürftige. Und so taten sich ein paar Bürger zusammen und sammelten Geld für die Gründung einer Mini-GmbH. Die Gemeinde stellte das alte Feuerwehrhaus zur Verfügung, das in Eigenarbeit ausgebaut wurde. Im Oktober 2009 dann öffnete der neue Dorfladen seine Pforten. »Unser Geschäft ist von Anfang an super gelaufen«, sagt Mayer. Sie leitet den Laden.

Auf dem Lande entstehen vielerorts neue Dorfläden. Von einer regelrechten Renaissance der Nahversorgung in Deutschland spricht Wolfgang Gröll, der für die Unternehmensberatung BBE arbeitet und schon mehr als 100 solcher Projekte begleitet hat. Die Gesamtzahl der modernen Tante-Emma-Läden schätzt Gröll auf bundesweit bis zu 250, mit einem Schwerpunkt in Süddeutschland, wo sich kleinteilige Strukturen noch besser erhalten haben als im Norden oder im Osten des Landes. Jedes Jahr kämen, so Gröll, etwa zwanzig Läden dazu. Sie firmierten als GmbHs, Vereine oder Genossenschaften, manchmal mit direkter Beteiligung der jeweiligen Kommune. Allen gemeinsam sei, dass die Bürger selbst die Initiative ergriffen und Geld aufgetrieben hätten, um einen Grundstock für die Anfangsinvestition zu legen. »Ohne die Unterstützung der Menschen läuft gar nichts«, sagt Gröll, der aber auch Wert auf einen soliden Geschäftsplan legt. Oberstes Ziel sei allerdings nicht die Gewinnmaximierung, sondern die Wiederherstellung der Nahversorgung zu günstigen Preisen. Da reiche in der Bilanz oft eine »schwarze Null«.

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Die Nachbarschaftsläden stemmen sich gegen den Trend zu immer weniger und dafür immer größeren Flächen im Einzelhandel, von denen sich die Lebensmittelketten im harschen Preiskampf Kostenvorteile erhoffen. Seit 1970 ist die Zahl der kleineren, oft von den Inhabern selbst geführten Geschäfte von 125.000 auf 25.000 zurückgegangen. Die Betreiber fanden keine Nachfolger oder waren schlicht nicht konkurrenzfähig. Ihr Anteil an der Gesamtzahl der Lebensmittelgeschäfte hat sich halbiert. Gewinner waren vor allem die Verbrauchermärkte und Discounter auf der »grünen Wiese«. Orte, die weniger als 5000 Einwohner haben, sind meist uninteressant.

444 Millionen Kilometer fahren die Deutschen zum Einkaufen

Zugleich hat sich auch das Einkaufsverhalten der Bürger geändert. Man »geht« nicht mehr, man fährt einkaufen. Die für Einkaufsfahrten zurückgelegte Wegstrecke hat sich nach einer Studie des Berliner Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) allein von 1982 bis 2002 auf 444 Millionen Kilometer verdoppelt. Besonders stark ist die Konzentration im Osten der Bundesrepublik. Dort liegt der Versorgungsgrad mit kleineren Lebensmittelfachgeschäften bei nur einem Drittel des bundesweit Üblichen. »Ausgeprägte Versorgungsdefizite« ermittelte eine von der sächsischen Landesregierung in Auftrag gegebene Studie für 14 Prozent aller Gemeinden. Hier sei eine »zukünftig immer älter werdende Bevölkerung mit abnehmender Mobilität« nicht mehr in der Lage, ihre Nahversorgungsansprüche abzudecken.

So ähnlich war das auch in Harthausen. »Ich bin so froh, dass es jetzt wieder einen Lebensmittelladen gibt«, sagt eine ältere Kundin, die seit 46 Jahren in dem kleinen 850-Einwohner-Dorf lebt. »Früher musste ich mit dem Bus in die nächste größere Stadt fahren, der ging nur dreimal am Tag und war sündteuer.« Die Dame schätzt das neue Lädchen auch als kommunikativen Treffpunkt, an dem viele Leute aus dem Dorf gerne ihr »zweites Frühstück« einnähmen.

Der Laden in der einstigen Gerätehalle der Feuerwehr ist hell und freundlich gestaltet. »Die Gänge sind breit genug, dass man da mit dem Rollator durchkommt«, sagt Leiterin Johanna Mayer. Der Laden führt auf nur 80 Quadratmetern ein Sortiment von 1200 Artikeln, die zweimal in der Woche von einem regionalen Großhändler angeliefert werden. Es gibt eine kleine Wurst- und Käsetheke sowie eine Auswahl an Brot und Gebäck vom Bäcker im Nachbarort. Das Angebot von Produkten aus der Region, das Unternehmensberater Gröll für sehr wichtig hält, wird nach und nach ausgebaut. Neben Kaffee einer kleinen Rösterei und Bio-Eiern vom Bauern ums Eck soll es bald auch Frischmilch und Joghurt von einer kleinen Hofmolkerei geben. Das Bauernbrot, das nur am Freitag angeliefert wird, sei ein Renner, sagt Mayer.

Leserkommentare
  1. ...wir alle sollten uns gegenseitig helfen - ohne Kapitalfresser. Nicht nur im Nahversorgungssegment mit Lebensmitteln sondern auch bei Reparaturen, Lernen, Handwerken, Transport, Verkehr - im Sinne von Nachbarschaftshilfe. Ein toller Ansatz, die Tante-Emma-Läden.

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    da gebe ich Ihnen völlig recht.

    Vielleicht sollte man sogar noch einen Schritt weitergehen und einen Transfer zur politischen Lage machen:

    Wo allerortens die Politiker zurücktreten, sollten die Bürger so langsam mal die Regierungsgeschäfte selbst übernehmen.

  2. Eine Frechheit, daas der Verbandssprecher des Enzelhandels diese Läden pauschal als subventioniert bezeichnet, wo diese ja nur durch den Ort eine anfangshilfe erhalten!
    enn Edeka sich bei der Commerzbank Geld leiht, erhält es indirekt auch staatliche Hilfe!
    Die Ladenketten haben jedenfalls ihre grundgesetzlich festgelegte Pflicht der Besitzenden, dem Allgemeinwohl zu dienen, nicht nachgekommen und karten jetzt völlig verklemmt nach.

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    ...daß solche Initiativen sich nicht nur auf abgelegene Dörfer beschränkten - und will daher die Eigeninitiativen im "Keim" ersticken - eine nachvollziehbare Kapitalistenreaktion.

    "Die Ladenketten haben jedenfalls ihre grundgesetzlich festgelegte Pflicht der Besitzenden, dem Allgemeinwohl zu dienen, nicht nachgekommen."
    Ihre Interpretation erscheint arg weitgehend.

  3. ...daß solche Initiativen sich nicht nur auf abgelegene Dörfer beschränkten - und will daher die Eigeninitiativen im "Keim" ersticken - eine nachvollziehbare Kapitalistenreaktion.

  4. denn die Nachteile von Zentralisierungen und Konzentration werden immer deutlicher.
    Was vordergründig Kosten spart und somit zum betriebswirtschaftlichen Zwang wird, ist hinten herum ein volkswirtschaftlicher Verlust!
    Das Großhandelssystem wurde ursprünglich geschaffen, um die Einkaufspreise unabhängig von der Geschäftsgröße zu halten.
    Durch das Unterlaufen dieser Praxis entstand der Zwang zu immer mehr Konzentration, der zwar mehr Macht ermöglicht, aber nur auf Kosten der Volkswirtschaft.
    Etwas höhere Preise für alle käme die Bürger letztlich billiger, in Form von sinkenden Abgaben zur Finanzierung der Arbeitslosigkeit und höherer Lebensqualität vor Ort.
    Wer heute die Fahrtkosten mit einrechnet merkt schnell, das Aldi nur selten wirklich billiger ist, der Massenverkehr sogar am Ende teurer als die Zulieferung einiger LKW´s.
    Dafür können die Unternehmen wenig, sie unterwerfen sich dem gegebenen Rahmen, der Staat hat bei der Rahmensetzung versagt.
    Das solcherart entstandene Unternehmen nicht froh über gegenläufige Tendenzen sind ist nachvollziehbar, aber langfristig kein Grund diese Geschäftsmodell nicht wieder unrentabel zu machen.
    Doch gibt es ein großes Problem, Gewerkschaften werden werden im Verein mit Investoren und Politik immer einen Rückbau verhindern, schon allein weil sie in solchen Unternehmen besser organisiert sind und große Belegschaften eine größere öffentliche Aufmerksamkeit erzielen, beim Erhalt von Besitzständen.

    H.

  5. "Man »geht« nicht mehr, man fährt einkaufen"
    Tja, leider. Hier in Berlin, mitten in einer bürgerlich bewohnten Gegend (also nicht auf der grünen Wiese) ist der Zugang zu einem REWE-Markt nur für Autos gebaut worden. Es gibt keinen "Bürgersteig" oder ähnlichen Zugang für Kunden, die ohne Auto kommen.
    Aber wieso auch: In der gleichen Gegend (Berlin Lankwitz) bringen die Eltern ihre kleinen Rangen zum Kindergarten nur noch mittels Auto, obwohl sie natürlich alle im nahen Umkreis des Kindergartens wohnen, quasi nur "um die Ecke". Abgeholt werden die Kleinen natürlich ebenfalls NUR im Auto. Man befürchtet fast, dass die Kinder gar nicht mehr wissen, dass man auch 100 Meter laufen kann, sondern schnell lernen: Auto ist das neue Beine.

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    Dass da kein Bürgersteig gebaut wird, liegt an einer schlafmützigen Genehmigiungsbehörde, die den Steig fordern kann und an einen dummen Planer, der die Vorgaben des Geschäfts allzu eng und wortwörtlich auslegt und erfüllt!
    Ich habe das auch mal als Freiraumplaner erlebt: Die Passanten sollten durch eine Passage gequetscht werden, sodass diese kaufen! Ich sagte dem Architekten, dass das Unsinn sei, weil niemand kauft, wenn er bedrängt wird.Dann wurde doch noch an der Strasse der Bürgersteig realisiert. Engagement hat sich hier also gelohnt. Die Sachen kommen eben nicht von selbst in Ordnung!

  6. Tauschnetze oder Regiotauschringe.
    eine vielversprechende Idee, nur leider mit zu wenig Beteiligung.
    Suchen Sie doch mal im Internet, ob es so etwas in Ihrer Nähe gibt.

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    Food Coop. ist so vielleicht besser zu finden!

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