Einen Filialisten mit großem Parkplatz – das wollten die Anwohner nicht
Die Waren seien »nicht so teuer wie bei der Tankstelle, aber auch nicht so billig wie beim Discounter«, so Mayer. In der Regel seien die derzeit bis zu 150 Kunden pro Tag bereit, für den Service und die persönliche Atmosphäre etwas draufzuzahlen. »Wir gehen davon aus, dass der Laden sich trägt.« Immerhin müssen neben der Miete auch die Gehälter von einer Voll- und einer Teilzeitkraft sowie von sieben 400-Euro-Jobbern erwirtschaftet werden. Und gelegentlich fallen Investitionen an. Gerade musste Johanna Mayer eine Kühlung fürs Gemüse anschaffen.
Mit Tante-Emma-Romantik habe dies alles wenig zu tun, sagt Günter Lühning. Der Filialleiter einer Sparkasse hat vor zehn Jahren zusammen mit 70 Bürgern aus Otersen, einem Dorf zwischen Hannover und Bremen, den von der Schließung bedrohten kleinen Laden der Ortschaft übernommen. »Uns blieb nichts anderes übrig, als das in unsere eigenen Hände zu nehmen, sonst wäre hier alles den Bach hinuntergegangen.« Seither läuft das Geschäft, wenn auch zuweilen hart an der Rentabilitätsschwelle. Trotz aller Schwierigkeiten glaubt Lühning an die Renaissance der Dorfläden.
Einen Filialisten mit großem Parkplatz – das wollten die Anwohner nicht
Dass der Niedergang der Nahversorgung kein unabweisbares Schicksal sein muss, wurde jüngst sogar höchstrichterlich bestätigt. Nach einem im Dezember 2009 ergangenen Urteil des Bundesverwaltungsgerichts ist die Errichtung von Discountmärkten nicht zulässig, wenn dadurch alteingesessene Geschäfte in der Nachbarschaft geschädigt werden können. Geklagt hatte unter anderem der Lebensmitteldiscounter Aldi. Die Stadt Köln versagte dem Konzern eine Baugenehmigung mit der Begründung, dass durch den neuen 700 Quadratmeter großen Markt eine Ansammlung von Geschäften in der unmittelbaren Nachbarschaft gefährdet sei, die die Nahversorgung der Bewohner sicherstelle. »Wir begrüßen das Urteil, weil es präzisiert, in welchen Fällen von einem schützenswerten Versorgungsbereich in einer Gemeinde ausgegangen werden kann«, sagt Bernd Düsterdiek, Referatsleiter Städtebau und Umwelt beim Deutschen Städte- und Gemeindebund. »Das dient unserem Ziel, eine möglichst wohnungsnahe Grundversorgung in Städten und Gemeinden und somit auch attraktive Innenstädte und Ortskerne zu erhalten.«
Die Interessen der Kommunen und ihrer Bürger in Sachen Nahversorgung sind jedoch nicht immer identisch. Das zeigt die Geschichte des Dorfladens im oberbayerischen Windach. Hier stand der alte Lebensmittelladen im Ortskern vor der Schließung, weil sich kein Nachfolger für den Händler fand. Die Gemeinde beschloss daraufhin, vor den Toren des Ortes einen Lebensmittelfilialisten mit 1000 Quadratmetern Verkaufsfläche und einem 5000 Quadratmeter großen Parkplatz anzusiedeln. Dagegen formierte sich Widerstand. Eine Bürgerinitiative brachte das Projekt zu Fall und sammelte dann selbst Geld für die Gründung einer Genossenschaft, die den alteingesessenen Laden übernahm. Am Ende gewährte die Gemeinde sogar noch eine kurzfristige Bürgschaft zur Absicherung eines Warenkredits. Seit mehr als einem Jahr existiert nun der genossenschaftliche Schlossmarkt in der Windacher Dorfmitte. Mit rund 360 Kunden pro Tag werde das Angebot »gut angenommen«, sagt Rudolf Frommknecht vom Vorstand der Genossenschaft.
So manchem ist das Engagement der öffentlichen Hand aber auch ein Dorn im Auge. Christian Mieles, Geschäftsführer des Bundesverbands des Deutschen Lebensmittelhandels, hält wenig von »subventionierten« Dorfladenkonzepten. »Man sollte das denen überlassen, die das aus eigener Kraft wirtschaftlich stemmen können.« Der Verbandsfunktionär verweist auf »moderne Supermarktformate« etwa von Rewe und Edeka. Mit kleinflächigen »Nachbarschaftsmärkten« wollen die Konzerne auf eine alternde Bevölkerung, steigende Mobilitätskosten und wachsendes Umweltbewusstsein reagieren und die Nahversorgung verbessern.
Für das IÖW lässt sich die prekäre Situation damit kaum verbessern. In einer Studie zur Nahversorgung im ländlichen Raum loben seine Experten die Selbsthilfe der Bürger und fordern staatliche Eingriffe im Sinne der »Konsumentenwohlfahrt«, etwa eine »Nahversorgungsabgabe« für die großen Filialisten, mit denen ein Fonds zur Verbesserung der Nahversorgung finanziert werden könnte. »Marktorientierte Ansätze« wie die Entwicklung von Kleinformaten durch den Einzelhandel hätten sich »bislang als nicht hinreichend« erwiesen.
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- Datum 20.07.2010 - 07:41 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 15.07.2010 Nr. 29
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...wir alle sollten uns gegenseitig helfen - ohne Kapitalfresser. Nicht nur im Nahversorgungssegment mit Lebensmitteln sondern auch bei Reparaturen, Lernen, Handwerken, Transport, Verkehr - im Sinne von Nachbarschaftshilfe. Ein toller Ansatz, die Tante-Emma-Läden.
da gebe ich Ihnen völlig recht.
Vielleicht sollte man sogar noch einen Schritt weitergehen und einen Transfer zur politischen Lage machen:
Wo allerortens die Politiker zurücktreten, sollten die Bürger so langsam mal die Regierungsgeschäfte selbst übernehmen.
da gebe ich Ihnen völlig recht.
Vielleicht sollte man sogar noch einen Schritt weitergehen und einen Transfer zur politischen Lage machen:
Wo allerortens die Politiker zurücktreten, sollten die Bürger so langsam mal die Regierungsgeschäfte selbst übernehmen.
Eine Frechheit, daas der Verbandssprecher des Enzelhandels diese Läden pauschal als subventioniert bezeichnet, wo diese ja nur durch den Ort eine anfangshilfe erhalten!
enn Edeka sich bei der Commerzbank Geld leiht, erhält es indirekt auch staatliche Hilfe!
Die Ladenketten haben jedenfalls ihre grundgesetzlich festgelegte Pflicht der Besitzenden, dem Allgemeinwohl zu dienen, nicht nachgekommen und karten jetzt völlig verklemmt nach.
...daß solche Initiativen sich nicht nur auf abgelegene Dörfer beschränkten - und will daher die Eigeninitiativen im "Keim" ersticken - eine nachvollziehbare Kapitalistenreaktion.
"Die Ladenketten haben jedenfalls ihre grundgesetzlich festgelegte Pflicht der Besitzenden, dem Allgemeinwohl zu dienen, nicht nachgekommen."
Ihre Interpretation erscheint arg weitgehend.
...daß solche Initiativen sich nicht nur auf abgelegene Dörfer beschränkten - und will daher die Eigeninitiativen im "Keim" ersticken - eine nachvollziehbare Kapitalistenreaktion.
"Die Ladenketten haben jedenfalls ihre grundgesetzlich festgelegte Pflicht der Besitzenden, dem Allgemeinwohl zu dienen, nicht nachgekommen."
Ihre Interpretation erscheint arg weitgehend.
...daß solche Initiativen sich nicht nur auf abgelegene Dörfer beschränkten - und will daher die Eigeninitiativen im "Keim" ersticken - eine nachvollziehbare Kapitalistenreaktion.
Diese Initiativen sind wünschenswert. Das Sterben mancher Dörfer kann aufgehalten werden, lokale Produkte lassen sich vermarkten, der Gemeinschaftsgeist wird gestärkt und die Handelskonzerne verlieren etwas Marktanteile. Ich hoffe, dieser Trend setzt sich auch in vielen Städten irgendwann durch.
Ein Artikel für Mortain :)
denn die Nachteile von Zentralisierungen und Konzentration werden immer deutlicher.
Was vordergründig Kosten spart und somit zum betriebswirtschaftlichen Zwang wird, ist hinten herum ein volkswirtschaftlicher Verlust!
Das Großhandelssystem wurde ursprünglich geschaffen, um die Einkaufspreise unabhängig von der Geschäftsgröße zu halten.
Durch das Unterlaufen dieser Praxis entstand der Zwang zu immer mehr Konzentration, der zwar mehr Macht ermöglicht, aber nur auf Kosten der Volkswirtschaft.
Etwas höhere Preise für alle käme die Bürger letztlich billiger, in Form von sinkenden Abgaben zur Finanzierung der Arbeitslosigkeit und höherer Lebensqualität vor Ort.
Wer heute die Fahrtkosten mit einrechnet merkt schnell, das Aldi nur selten wirklich billiger ist, der Massenverkehr sogar am Ende teurer als die Zulieferung einiger LKW´s.
Dafür können die Unternehmen wenig, sie unterwerfen sich dem gegebenen Rahmen, der Staat hat bei der Rahmensetzung versagt.
Das solcherart entstandene Unternehmen nicht froh über gegenläufige Tendenzen sind ist nachvollziehbar, aber langfristig kein Grund diese Geschäftsmodell nicht wieder unrentabel zu machen.
Doch gibt es ein großes Problem, Gewerkschaften werden werden im Verein mit Investoren und Politik immer einen Rückbau verhindern, schon allein weil sie in solchen Unternehmen besser organisiert sind und große Belegschaften eine größere öffentliche Aufmerksamkeit erzielen, beim Erhalt von Besitzständen.
H.
"Man »geht« nicht mehr, man fährt einkaufen"
Tja, leider. Hier in Berlin, mitten in einer bürgerlich bewohnten Gegend (also nicht auf der grünen Wiese) ist der Zugang zu einem REWE-Markt nur für Autos gebaut worden. Es gibt keinen "Bürgersteig" oder ähnlichen Zugang für Kunden, die ohne Auto kommen.
Aber wieso auch: In der gleichen Gegend (Berlin Lankwitz) bringen die Eltern ihre kleinen Rangen zum Kindergarten nur noch mittels Auto, obwohl sie natürlich alle im nahen Umkreis des Kindergartens wohnen, quasi nur "um die Ecke". Abgeholt werden die Kleinen natürlich ebenfalls NUR im Auto. Man befürchtet fast, dass die Kinder gar nicht mehr wissen, dass man auch 100 Meter laufen kann, sondern schnell lernen: Auto ist das neue Beine.
Dass da kein Bürgersteig gebaut wird, liegt an einer schlafmützigen Genehmigiungsbehörde, die den Steig fordern kann und an einen dummen Planer, der die Vorgaben des Geschäfts allzu eng und wortwörtlich auslegt und erfüllt!
Ich habe das auch mal als Freiraumplaner erlebt: Die Passanten sollten durch eine Passage gequetscht werden, sodass diese kaufen! Ich sagte dem Architekten, dass das Unsinn sei, weil niemand kauft, wenn er bedrängt wird.Dann wurde doch noch an der Strasse der Bürgersteig realisiert. Engagement hat sich hier also gelohnt. Die Sachen kommen eben nicht von selbst in Ordnung!
Dass da kein Bürgersteig gebaut wird, liegt an einer schlafmützigen Genehmigiungsbehörde, die den Steig fordern kann und an einen dummen Planer, der die Vorgaben des Geschäfts allzu eng und wortwörtlich auslegt und erfüllt!
Ich habe das auch mal als Freiraumplaner erlebt: Die Passanten sollten durch eine Passage gequetscht werden, sodass diese kaufen! Ich sagte dem Architekten, dass das Unsinn sei, weil niemand kauft, wenn er bedrängt wird.Dann wurde doch noch an der Strasse der Bürgersteig realisiert. Engagement hat sich hier also gelohnt. Die Sachen kommen eben nicht von selbst in Ordnung!
Tauschnetze oder Regiotauschringe.
eine vielversprechende Idee, nur leider mit zu wenig Beteiligung.
Suchen Sie doch mal im Internet, ob es so etwas in Ihrer Nähe gibt.
Food Coop. ist so vielleicht besser zu finden!
Food Coop. ist so vielleicht besser zu finden!
Ein sehr schöner Bericht und ein dickes Lob, für diesen netten Ausblick auf natürliche Alternativen zum derzeit immer noch umgreifenden Neoliberalismuswahn. Es muss nicht immer ein hochprofitables Unternehmen sein, welches wirtschaftlich sinnvoll ist. Eine „schwarze Null“ reicht durchaus aus, für mehr Zufriedenheit zu sorgen. Nicht zu vergessen, der „Dorfklatsch“ ist in vielen Dörfern durch das Wegsterben der „Tante-Emma“ Läden mit verschwunden. Viele haben erst danach begriffen, diese Form der Kommunikation ist für ein Dorf genauso überlebenswichtig, wie der Bauer von neben an und das Wirtshaus.
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