BahnfahrenFreitagnacht im Schlafwagen nach Zürich

Unser Reporter beginnt das Wochenende an den aufregendsten Orten der Welt von Moirtz von Uslar

Schlafwagen der Deutschen Bahn

Schlafwagen der Deutschen Bahn   |  © Klaus-Dietmar Gabbert dpa

Der Reporter hatte sich in den Kopf gesetzt, an diesem Samstagmorgen im Zürichsee zu baden, auch deshalb, weil die Sommerwärme über Deutschland brütete und dieser See ja bekanntermaßen einer der schönsten in ganz Europa ist. Wie reist der Mensch von Berlin nach Zürich, wenn es sich um keine Geschäftsreise, keinen Urlaub, sondern so etwas Altmodisches wie eine Lustreise handelte.

Richtig, die denkbar abwegige, aus der Zeit gefallene, der Lustreise daher angemessene Form des Reisens ist natürlich der Schlafwagen. Klar auch, dass der Reporter allen nur denkbaren Komfort und Luxus, also die Erste Klasse der Deutschen Bahn buchte, weil nur dort so etwas wie die Reiselust des 19. Jahrhunderts aufkommen konnte – jene Idee, dass Reisen ein Vergnügen sein kann, eine Erholung, Bildung des Herzens und des Verstands. Natürlich machte auch die Vorstellung Freude, dass in der Ersten Klasse der Herr mit dem Geldkoffer saß, der am Vormittag einen Termin bei einer der diskreten Adressen am Zürcher Paradeplatz hatte.

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Mythos Schlafwagen. An die zehn Hollywood-Klassiker fallen einem auf Anhieb ein, die ohne den Schlafwagen andere Filme wären (Sternbergs Shanghai Express, Wilders Some Like it Hot, die Schlussszene in Hitchcocks Der unsichtbare Dritte, in der Cary Grant seine Partnerin zu sich nach oben in seine Schlafkoje zieht). Einige Vorteile des Schlafwagens sind zeitlos: Man reist im Schlaf und kommt im Zentrum der Stadt an. Einige Vorteile haben in den letzten Jahren noch an Brisanz gewonnen: Die lästigen Wartezeiten an Flughäfen und lächerliche Sicherheitschecks (Flüssigkeiten bitte in Plastiktüten einpacken), die für den denkenden Menschen eine Qual darstellen, fallen weg. Seit rund zwanzig Jahren setzt die Deutsche Bahn, im Unterschied zum Flugverkehr, auf Komfort, ästhetisch erträgliche Sesselbezüge und Sterneköche im Bord-Restaurant und weniger auf Pünktlichkeit und bezahlbare Preise. Seit 2007 heißt der deutsche Nachtzug City Night Liner (CNL) und transportiert den modernsten Schlafwagen Europas (Eigenwerbung der Bahn). Denkt der moderne Reisende vielleicht zu oft an Flugzeug und Auto und zu selten an den Schlafwagen?

Es gingen dann, leider wie so oft bei der Bahn, noch vor der Abfahrt die Probleme los. Der Schlafwagen Berlin–Zürich war ausgebucht, die Strecken von Hamburg, Hannover und Leipzig ebenso. Also reservierte ich, plötzlich wie versessen darauf, meine Freitagnacht im Schlafwagen zu verbringen, einen Platz von Köln nach Zürich, die Strecke Berlin–Köln fuhr ich ebenfalls mit dem Zug.

Eine Viertelstunde lang hatte der hier berichtende Schlafwagentester das Preissystem der Bahn, die Spartarife, Superspartarife, Wochenendtarife, sonstige Tarife studiert. Er hat es nicht verstanden. Der Reporter kann nicht sagen, was der Reisende für eine Schlafwagenfahrt mit der Deutschen Bahn bezahlen muss. Er kann nur sagen, was eine Fahrt mit der Ersten Klasse im CNL 40410 Pegasus Pollux (Dusche, WC, Bettplatz) von Köln nach Zürich – Abfahrt 23.46 Uhr, Ankunft 8.20 Uhr – kostet: 257,40 Euro.

Um 23.30 Uhr zeigt die Informationstafel am Kölner Hauptbahnhof eine Verspätung von 45 Minuten an, fünf Minuten später sind es schon 60 Minuten. Am Gleis lagert bald das übliche Deutsche-Bahn-Volk: junge Menschen mit Rucksäcken; die älteren mit Kniebundhosen und Wanderschuhen. Beide, jung und alt, haben Fahrräder dabei. Der Deutschen liebste Lustreise, so lernte der Wartende auf dem Bahngleis, ist Fahrradwandern, also eine Tour mit dem neonbunten Trekkingfahrrad, an dem neonbunte Satteltaschen hängen. Da sitzt auch ein Herr, unauffällig gekleidet, einen weißen Hartplastikkoffer vor sich. Ist das schon der Gentleman mit dem Schwarzgeld?

Ankunft des City Night Liner 40410. Gegen 1.15 Uhr legt der Reporter seinen Hut auf die weiß bezogene Bettdecke im Abteil Nummer 8. Da liegen auf dem Bett schon zwei Kleiderbügel bereit – ein rührendes Signal der Deutschen Bahn, das Hotelgefühle vermitteln soll. Stoffrollos. Metallleiter zur Gepäckablage. Ein ausziehbarer Stuhl. Guckloch in der Tür. Der silberne Klingelknopf für den Steward. Das Surren der Klimaanlage. Stille. Sofort sehr angenehme Gefühle. Inspektion der Nasskabine: eine kindliche Freude darüber, wie viel Badezimmer auf einen Quadratmeter passt. Der Wasserhahn lässt sich zwischen Dusche und Waschbecken hin und her schwenken. Das Zahnputzwasser kommt aus Bechern mit Aluverschluss. Schon beim Betreten der Erste-Klasse-Kabine hat der Reisende verstanden: Was bei der Bahn unter Luxus rangiert, das ist das Minimum an Komfort, das der Mensch für eine erträgliche Nacht braucht.

Der Zugbegleiter bietet Wasser und Bier an (Getränke sind in der Ersten Klasse umsonst) und kassiert, anders als im Nachtzug früher üblich, weder Ausweispapiere noch Fahrkarte ein (vor fünf Jahren ist die Schweiz dem Schengener Abkommen beigetreten). Und nun zur schönsten Beschäftigung im Nachtzug: Zugwandern. Da trägt der Schlafwagenreisende ja gleich einen ganzen Strauß bunter Fantasien mit sich herum: die rätselhafte Blonde, den politisch Verfolgten, den Soldaten, den Selbstmörder, das Kind mit hellseherischen Fähigkeiten, den Steward, dem nichts Menschliches fremd ist. Wahnsinn, vielleicht würde sich sogar der Herr mit dem Geldkoffer in ein Gespräch verwickeln lassen.

Koblenz Hbf. Die Leuchtanzeige »WC Bad besetzt« springt auf Rot. Es riecht nach Äpfeln und Leberwurst. Warum riecht es in deutschen Nachtzügen immer nach Äpfeln und Leberwurst?

Im Liegewagen sitzen sich vier Männer gegenüber, um die sechzig – Jeansshorts, Karohemden, Schnauzbärte – essen Chips und trinken Dosenbier. Sie kommen aus Münster, fahren bis Basel und weiter zum Radwandern nach Südfrankreich. 560 Kilometer! Im Fahrradabteil trifft der Reporter auf einen Jugendlichen, etwa 17, der die Fahrt in der Lieblingsposition aller jugendlichen Zugreisenden verbringt: auf dem Boden kauernd, Stöpsel des iPhones in den Ohren. Er trägt Zahnspange und Brille, kommt mit der Schulklasse von einem Segeltörn in Holland. Ob er hier die ganze Nacht sitzen bleiben wolle? Melancholischer 17-Jähriger: »Ich kann eh nicht schlafen.« Er zeigt in Richtung Liegewagen: »Da drin nicht.«

Plauderei mit dem Zugbegleiter (diskretes Gesicht, Zürcher Dialekt, sein Vorname ist Urs). Er will erst nicht so richtig erzählen, dann erzählt er doch: Die niederländischen Zöllner seien die toughsten, die Schweizer die naivsten. Zuletzt sei einer mit 2000 Ecstasy-Pillen aufgeflogen. Er persönlich habe einmal erlebt, dass ein Fahrgast bei ihm einen unverschlossenen Koffer mit 300000 Euro abgegeben habe (über Herkunft und weiteren Verbleib des Geldes darf der Steward keine Auskunft geben). Der ausgefallenste Wunsch, den der Steward je entgegengenommen hat? »Wenige Wünsche. Die Fahrgäste fragen, ob der Zug morgen früh pünktlich ist, und dann sage ich, dass ich diese Frage erst morgen früh beantworten kann.« Wegen der liberalen Sterbehilfe-Regelung der Schweiz sei ein klassischer Fahrgast der Sterbetourist, der im Schlafwagen nach Zürich seine letzte Reise antrete.

Gegen 2.30 Uhr. In der Dunkelheit zieht die Burgruinenlandschaft des Rheins vorbei. Der Reporter lauscht an Kabinenwänden. Die Dramen der Ersten Klasse spielen sich, sofern es sie denn gibt, hinter geschlossenen Türen ab. Da, plötzlich, fällt dem Reporter ein, dass er sich – wie wunderbar – ja auch schlafen legen kann.

Vielleicht gibt es nichts Romantischeres als das zigarettenschachtelgroße Leselicht rechts oberhalb des Kopfkissens im Schlafwagen. Für Reisende über 1,90 Meter Länge ist das Bett nicht ohne, mit Frau wäre es in diesem Bett überhaupt nicht zu machen. Das wunderbar gleichmäßige Rattern. Schön ist: Im Schlafwagen ist man wirklich ganz allein. Der Reisende schwitzt, stößt an, hat streckenweise das Gefühl, kopfüber mit dem Kopf am Boden und den Füßen in der Luft zu hängen. Es ist nicht einfach. Aber Schlafen war ja generell nie ganz leicht. Man hat auch schon von chronisch Schlafgestörten gehört, die im Zug das Schlafen wieder gelernt haben. In der Minute des Einschlafens dachte der Schlafwagenreisende, dass der große Schlaf, der nach dem Tod, schon auszuhalten sein würde, solange es nur so angenehm wackelte.

Ein ohrenbetäubendes Trötgeräusch um sechs Uhr früh: Beim Verlassen des Zuges würde der Reporter erfahren, dass das nicht der bestellte Wecker, sondern der Feueralarm war. Eine Oma hatte im Bad auf dem Gang verbotenerweise Haarspray benutzt. Zum Frühstück serviert Steward Urs Granini-Saft, Croissants, Marmelade, das Sahnejoghurt Waldbeer Panacotta und ein Döschen mit der Aufschrift Wilx-Schinkencreme (Zutaten: Schweinefleisch, Leber, Speck, jodiertes Nitritpökelsalz). Entschuldigung, aber man hätte jetzt am liebsten erst mal einen Schnaps.

Die Verspätung hat der Zug über Nacht aufgeholt. Basel SBB. Glitzernder Rhein, schöne Schweiz, anderes Licht, andere Leute. Die Zöllner haben diesen Zug nicht betreten. Am Zürcher Bahnsteig wird der Herr mit dem Koffer von zwei Geschäftspartnern abgeholt. Reisen kann klug, muss aber nicht ausgeschlafen machen. Und welche Wohltat ist es, im Zürichsee zu baden.

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Leserkommentare
    • oooo
    • 16. Juli 2010 22:44 Uhr
    • CM
    • 16. Juli 2010 23:21 Uhr

    Ich bin in den letzten Jahren viel und oft mit Schlafwagen gefahren und kann einige Empfehlungen geben:

    1. Unter keinen Umständen nach Italien fahren. Bei zwei Versuchen zweimal viele Stunden Verspätung und unendliche Ärgernisse (Heizungsausfall im Winter, Stromausfall und vieles mehr). Die italienische Bahn sollte einfach Konkurs anmelden und die maroden Restbestände von der Deutschen Bahn oder der SBB für einen symbolischen Preis kaufen lassen, dann kann man neu anfangen.

    2. Die 1. Klasse lohnt sich, vor allem in Kombination mit dem "Europa Spezial"-Tarif. Manch ein Mitarbeiter am Schalter versteht den Tarifwirrwarr tatsächlich.

    3. Einmal im Leben sollte jeder Bahnfan den Nachtzig "Rajdhani Express" von Mumbai nach Delhi benutzen, und zwar "2nd tier AC". Das entspricht schon fast dem Komfort bei der Deutschen Bahn, und das Essen ist deutlich besser.

    4. Vor dem Einsteigen den "Wagenstandanzeiger" am Bahnsteig ansehen, dann steigt man an der richtigen Stelle des Zuges ein.

  1. dann empfehle ich dringend das Bereithalten von Ohropax und Schlafmaske. Für mich gehört das Nachtzug-Fahren von der Familie in Norddeutschland zum Arbeitsplatz in der Schweiz regelmäßig zum Sonntagabend. Da greife ich aus Kostengründen auf den Liegewagen mit 4er-Belegung des Abteils zurück. Um (gut) schlafen zu können, ist oben genannte Ausrüstung für mich Grundvoraussetzung. Und ich beobachte, dass man Nachtzug-Fahren quasi üben kann. Man gewöhnt sich daran und schläft immer besser, je häufiger und regelmäßiger man es tut. Hat man mal eine zeitlang ausgesetzt, z.B. wegen eines Urlaubs, dann muss man sich tatsächlich wieder neu daran gewöhnen. Man erkennt mit der Zeit auch Gesichter wieder, die offenbar zu Menschen gehören, welche den Nachtzug aus ähnlichen Gründen nutzen. Von daher wundert es mich nicht, dass der Autor des Artikels (den ich sehr gerne gelesen habe) Schwierigkeiten hatte, seinen Wunschplatz im Nachtzug zu bekommen - es gibt meiner Beobachtung nach einen gar nicht so kleinen "Stammkunden"-Kreis. In diesem Sinne: Gute Fahrt und schlafen Sie gut.

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