Es gibt nicht viele Menschen, merke ich nach dem Tod von Nasr Hamid Abu Zaid, von denen wir sicher sagen können, dass unser Leben ohne sie grundlegend anders verlaufen wäre. Die meisten, um die wir trauern, waren schon immer da oder haben bestimmte Lebensabschnitte geprägt, wir verbinden mit ihnen unseren eigenen Alltag oder einschneidende Erlebnisse. Vielleicht haben sie, ohne es zu ahnen, zufällig eine Weiche gestellt, die unser Zug kurz darauf passierte. Abu Zaid hat mich auf ein Gleis gesetzt. Als Anfang Zwanzigjähriger studierte ich in Kairo Arabisch und begann zu ahnen, was es mit dem Koran auf sich hat, oder für den Anfang nur zu begreifen, was es mit dem Koran nicht auf sich hat – dass er nicht ein Buch ist oder nicht nur, das man aufschlägt und liest, um Rechtleitung zu finden, nachvollziehbare Geschichten oder jedenfalls brauchbare Informationen.

Neben unserer Wohnung am Opernplatz mitten in der Mitte der Stadt lag eine Moschee, deren mannsgroßer Lautsprecher an meinem Balkon angebracht war. Die Moschee hatte einen Sänger, der oft und vor allem jeden Morgen vor dem Frühgebet, also praktisch nachts, vor Sonnenaufgang, lange den Koran vortrug. Anfangs wachte ich noch jedes Mal auf, ärgerte mich auch oder nahm mir vor, das Zimmer zu wechseln, aber nach und nach ging der Koran in meinen Träumen auf und bereitete mir im Dämmerzustand zwischen Schlafen und Erwachen ein, ja, so muss ich es nennen, paradiesisches Erleben, so friedlich und entrückt wie auf Wolken. Die Moschee hatte einen Prediger, der täglich in höchster Tonlage und furchterregender Dramatik aus dem gleichen Lautsprecher kreischte. Alles, was mir am Islam Unbehagen oder gar Abscheu bereitet, Aggressionen und die Reduzierung allen Lebens auf richtig und falsch, erlaubt und verboten, verbinde ich mit dieser Stimme, wegen der ich bis zum Ende des Studienjahrs mit meinem Zimmer haderte.

Abu Zaid erklärte mir beides, den Gesang und das Geschrei und wie sie zusammenhängen. Anfang der neunziger Jahre kursierte sein Buch Der Begriff des Textes unter religiös interessierten Intellektuellen als literaturwissenschaftliche Grundlegung einer aufgeklärten Koranwissenschaft. Ich sah es bei meiner Freundin und begann noch in ihrem Bett darin zu lesen, ohne dass ich bereits Arabisch verstand. Mit Abu Zaid, durch dessen Buch ich mich Seite um Seite arbeitete, lernte ich es, lernte es so gut, dass ich gegen Ende des Studienjahres wagen konnte, ihn um ein Interview zu bitten.

Ich betrat erstmals den Campus der altehrwürdigen Kairoer Universität mit ihren riesigen Palmen und gelblichen Gebäuden, denen man trotz der Überfüllung, des bröckelnden Putzes und der Verwahrlosung, in die sich das Land ergeben zu haben schien, noch den Enthusiasmus und die Neugier einer Gründerzeit anmerkte, den Aufbruch Arabiens in die Moderne, und fragte mich durch die Korridore und Dozentenbüros, bis ich ihn unter anderen, älteren Kollegen sofort erkannte, einen kleinen, damals noch nicht ganz so dicken, glatt rasierten Mann mit großer Hornbrille und kurzen krausen Haaren, hoher Stirn und breitem Mund, unter den Kairoer Bildungsbürgern eine ländliche Erscheinung, wie ich vermutete und bald bestätigt bekam, aufgewachsen als Halbwaise in einem unterägyptischen Dorf.

Ich hatte ein Aufnahmegerät dabei ohne Idee, wer an einem Interview mit einem Korangelehrten interessiert sein könnte, den im Westen nicht einmal die Korangelehrten kennen, und stellte es auf einen langen Tisch, der das Durchgangszimmer mit seinen kahlen beige-grauen, natürlich abgeblätterten Wänden voller Flecken fast ausfüllte, sodass die Stühle aus Eisenrohr mit Plastikpolster übereinandergestapelt worden waren, damit man überhaupt durchkam. Ich weiß nicht mehr, ob jemand durchkam, während ich Abu Zaid interviewte, es ist so lang her, ziemlich genau die Hälfte meines Lebens, ich weiß nur noch, dass das Zimmer anfangs voll war und ich mich fragte, wie man sich hier in Ruhe unterhalten könne, und dann wurde es ganz leer, nur Abu Zaid und ich saßen, gedrängt zwischen die abgeblätterte Wand und den Besprechungstisch, auf zwei Stühlen einander zugewandt. Es war offensichtlich, dass ihm meine Fragen gefielen; der Koran als ästhetisches Ereignis ist ägyptischen Intellektuellen, denen Religion nur Religion ist und nicht mehr die Melodie ihres Alltags, keineswegs geläufig, oder die Religion ist ihnen nur Religion und alle Melodien des Teufels, was aber auch heißt: die gesamte Tradition. Sehr weit voneinander entfernt, aus den denkbar unterschiedlichsten Blickwinkeln, hatten wir beide das Gleiche gespürt – er vor mir, und er hatte es auch schon literaturwissenschaftlich benannt: Gott ist schön. Und sehr weit voneinander entfernt, aus den denkbar unterschiedlichsten Blickwinkeln, fürchteten wir den Vormarsch der Eiferer – er vor mir, und er wurde auch schon von ihnen ins Visier genommen.

Als ich nach Deutschland zurückkehrte, hatte ich das Thema gefunden, das mich mit meinem Studium versöhnte. Vor Kairo und noch für lange Zeit wollte ich immer ans Theater und bin in die Orientalistik eher wie in eine Fron gestoßen worden. Mit der Moschee im Ohr und Abu Zaid als Augenöffner begriff ich, welche Aufgabe ich und nur ich in der Orientalistik zu verrichten hatte, der ich das Fachgebiet mit den Augen des Theatergängers betrat. Nur ich unter allen und zumal allen deutschen Orientalisten sah, so kam es mir – in, wie sich herausstellen sollte: erstaunlich geringer Verstiegenheit – vor, dass der Koran gehört, erlebt und genossen werden wollte, wie es nebenan die Moscheegänger taten und ringsum die Taxifahrer, Händler und Handwerker, die ich fragte, warum sie das Wort Gottes in den Rekorder geschoben hatten und nicht irgendeine Musik. Nicht weil die Botschaft so bedeutend und die Lehre so erbaulich – weil der Koran so schön sei, antworteten sie stets.