VölkermordSpuren des Schmerzes

Am 26. Juli wird der Internationale Gerichtshof in Kambodscha das erste Urteil fällen – über den Roten Khmer Duch, Leiter des Folterzentrums S-21. Hilft das den Überlebenden des Völkermords? Eine Reise durch ein geschundenes Land von 

Tuol Sleng

Zelle in Tuol Sleng, dem Folterzentrums S-21: Häftlinge wurden mit Eisenstangen an die nackten Bettgestelle gefesselt  |  © Susanne Mayer

Der Platz hat die Ausdehnung eines kleinen Fußballfeldes. Zur Linken stehen Zelte, unter denen Tische mit buntem Wachstuch warten, Cold drinks, madam?, schreien die Kinder, Coconut, madam?. Auf der rechten Längsseite liegt ein Hain und hinter dem Hain ein See, man kann unter den Bäumen hindurchschlendern und steht dann vor einer milchig grünen Wasserfläche, aus der die fleischigen Blätter der Lotusblumen wuchern. Am hinteren Ende des Platzes findet sich ein verstaubtes Verwaltungsgebäude, am vorderen Ende beginnen die Stufen, die zum Tempel aufsteigen. Es sind hohe Stufen, vor über tausend Jahren aus Steinquadern gehauen, sie führen zwischen sich aufbäumenden Schlangenköpfen aus Stein hindurch und steil den Berg hoch bis zum Heiligtum.

Wo berühren sich die Schönheit und das Grauen von Kambodscha so dicht wie am Fuß des Tempels Ba Nan in der Provinz Battambang? Der Platz ist gerade erst mit Sand aufgeschüttet worden, es ist ein roter, noch ganz frischer Sand, sorgfältig ausgeharkt. Würde man mit der Hand ein wenig scharren, kämen Knochensplitter hoch. Die Finger könnten vielleicht Zähne spüren, aus dem Dreck zerborstene Kieferbögen ziehen, würden wohl die Fetzen von Kleidern finden, rote und blaue und grüne Stoffreste, obwohl doch damals, zwischen dem 17. April 1975 und dem 7. Januar 1979, eine Zeit, die Kambodschaner »drei Jahre, acht Monate, 20 Tage« nennen, alle Menschen gezwungen waren, ihre Kleider schwarz zu färben. Damals, als die Roten Khmer auf diesem Platz Aberhunderte von Menschen exekutierten und verscharrten, 2000 sollen es gewesen sein. Der Tod hat ihren Kleidern die Farbe wiedergegeben, aber die Menschen gibt er natürlich nicht mehr her. Nur die Regenzeit spült jedes Jahr ihre Überreste aus der Erde, weshalb jetzt Sand ausgebracht wurde.

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Ein kleiner Mann geht über den Platz, auf dem ein Schrein steht, der an die Seelen der Ermordeten erinnert. Krumme Altmännerbeine, ein zerknittertes Gesicht. Erinnert er sich an damals? Er habe nur eine Arbeitsbrigade geleitet, murmelt er, und von dem hier nicht viel gewusst. Nun, auch die Welt hat Jahrzehnte gebraucht, das Drama im Schatten des Vietnamkrieges zur Kenntnis zu nehmen, was endlich mithilfe eines Hollywood-Films von 1984 gelang, Killing Fields, ein Wort, bei dem man heute an Choeng Ek denkt, einen Vorort der Hauptstadt Phnom Penh, wo der Gefängnisleiter Duch alle totschlagen ließ, die unter der Folter in seiner Geheimdienstzentrale S-21 nicht gestorben waren.

Männer und Frauen, vermutlich 16.000, auch ihre Kinder, getötet auf Anweisung von Duch, der einmal Mathematiklehrer gewesen war und gemäß einem Beschluss der Kommunistischen Partei Kambodschas von 1975 zur Auslöschung konterrevolutionärer Elemente in einer Schule eines der berüchtigsten Gefängnisse des 20. Jahrhunderts einrichtete. Wo die Parteiclique um Brother No. 1, genannt Pol Pot, die das aufstrebende Land in eine Bauernrepublik zwingen wollte, im Säuberungswahn alle einliefern ließ, die sie verdächtigte, Agenten des CIA oder KGB zu sein oder Freunde des Gegners Vietnam. Verhöre mit Elektroschocks, Waterboarding et cetera, was zu Abertausenden von Geständnissen führte, die im Einzelnen zu Hunderten von Seiten anschwollen, was zu mehr Verhaftungen und mehr Leichen führte, der Schulhof ein Gräberfeld, das Killing Field von Choeng Ek eine pulsierende Grubenlandschaft.

Duch, 1942 geboren, mit erstem Namen Kaing Guek Eav, der hochbegabte Abiturient der Eliteschule Lycée Sosowath in Phnom Penh, der beliebte Lehrer, dann Dirigent beispielloser Folterexzesse, wurde 20 Jahre nach Kriegsende verhaftet. Im Frühjahr 2009 begann sein Prozess vor den Außergewöhnlichen Kammern des Gerichts von Kambodscha, den Extraordinary Chambers in the Courts of Cambodia, kurz ECCC. Case 001. Ihm werden 12380 Morde zur Last gelegt.

Dreißig Jahre hat es gedauert, bis ein erstes ordentliches Verfahren gegen einen Verantwortlichen des Völkermords in Kambodscha beginnen konnte, es waren Jahre des Ringens, die Weltöffentlichkeit fordernd, Kambodscha zögernd, ein Land, das kaum eine Rechtskultur kannte und wo sich 1979 noch zehn lebende Richter fanden. Das kambodschanische Gesetzeswerk musste, um Grundlage für diesen Prozess sein zu können, erst entwickelt werden, dann verwoben mit internationalem Recht, das Tribunal ist nun ein komplexer Hybrid, ein ewig stockendes Räderwerk, ein Ort, an dem sich glamouröse internationale Juristen und einheimische Richter bittere Gefechte liefern. Vor ihnen stand Duch, ein kleiner Mann im makellosen Oberhemd. Am 26. Juli wird das Urteil über ihn verkündet. Duch räumte Verbrechen ein – und plädierte auf Freispruch.

Leserkommentare
  1. für den fragenden Artikel. Ich finde es sehr angemessen, keine Antworten zu liefern, wo es keine gibt. Es ist für Menschen, die nicht selbst einen Bürgerkrieg erlebt haben oder in einem Post-Bürgerkriegsland waren, kaum vorstellbar, welche Folgen das für die gesamte Zivilgesellschaft auf sehr lange Zeit hat. Die Khmer nennen die Khmer Rouge 'die Anderen' oder, wie Frau Mayer auch schreibt 'die Schwarzen'. Bei einem Angriff von außen, durch ein anderes Land scheint es leichter, damit zurande zu kommen als bei einer so unfaßbaren Barbarei der eigenen Landsleute.

    Um aber die Eingangsfrage zu beantworten, ob die zu erwartenden Urteile gegen die wenigen angeklagten Khmer Rouge den Überlebenden des Völkermords hilft - aber ja!
    Ich hörte von vielen Khmer in allen Landesteilen, in denen ich gearbeitet habe, ganz übereinstimmend, daß bereits die vorangegangene Dokumentationsarbeit ihnen sehr geholfen hat. Es waren Mitarbeiter des Document Center of Cambodia auch in den abgelegensten Dörfern, um die vielen schrecklichen Geschichten aufzuschreiben. Mir erzählten viele Khmer sehr offen über ihr Leid und wie sehr es ihnen die Welt zurecht rückt, daß sich jemand für ihre Geschichten interessiert. Auch allein schon die Tatsache, daß z.B. Duch überhaupt angeklagt wurde, war für viele ein Schritt, den niemand für möglich gehalten hätte. Hier ein sehr lesenswertes Interview mit dem Leiter des DCCam, Youk Chhang http://www.zeit.de/online...

  2. Es ist mir ein Rätsel wie diese beispielose Barberei
    in der eigenen homogenen Bevökerung möglich war.
    Persönlich habe ich Asiaten immer als liebenswerte,ausserordentlich soziale,fuehrsorgliche,fröhliche,anteilnehmende Sympathieträger empfunden,die ich immer gut um mich haben konnte,und mit denen ich nicht einmal auch nur in Ansätzen eine negative Erfahrung gemacht habe.
    Batista auf Cuba war sicherlich auch kein Engel,aber als Castro die Insel uebernommen hat ,gab es keine Exzesse dieser Art.
    Was wollten die R.K. denn eigentlich erreichen ?

    Unsoziales Verhalten hat eigentlich immer Ängste als Ursache.
    Vor was hatten die R.K. so eine Angst ?

    Ist mir ein Rätsel.

    so long

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    orientierten sich in vieler Hinsicht am antiken Khmerreich, das ja halb Südostasien umfaßte. Obwohl die Führer der Angka an der Sorbonne mit der Idee des Kommunismus in Berührung kamen, handelte es sich nach meiner Ansicht primär um faschistoiden Ultranationalismus, weniger um Kommunismus.

    Das antike Khmerreich gelangte zu seiner militärischen Potenz, da durch ausgeklügelte Bewässerungssysteme mehrere Reisernten im Jahr möglich wurden, wodurch die Bevölkerung sprunghaft anstieg, damit viele Soldaten zur Verfügung standen - das war geplant. Sehen Sie die Parallele zum Bauernstaat der Khmer Rouge? Das ist natürlich stark verkürzt und jeder Historiker würde mir mit Recht den Kopf abreißen.

    Die Khmer Rouge mordeten zunächst alle Intellektuellen und alle im weiteren Sinn zum Hof Gehörenden, das Tragen einer Brille kam einem Todesurteil gleich. Ihre ersten Anhänger waren bitterarme Bauern, die gegen das hochzivilisierte und kulturell sehr reiche Leben in Phnom Penh aufgehetzt wurden. Die Bevölkerung war in gar keiner Weise homogen.

    Das Grauen von Bürgerkrieg oder Genozid und unsere europäische Außensicht darauf - auch in Ruanda sind Menschen in der Regel sehr fröhlich, hm? Wenn Sie Asiaten generell für fürsorglich halten, waren Sie noch nie in einem öffentlichen Verkehrsmittel in China oder haben den Umgang mit Unfallopfern dort erlebt. Ich habe ebenso äußerst positive Erfahrungen in Asien und anderen Teilen der Welt gemacht, aber gelernt: vieles ist und bleibt mir fremd.

  3. orientierten sich in vieler Hinsicht am antiken Khmerreich, das ja halb Südostasien umfaßte. Obwohl die Führer der Angka an der Sorbonne mit der Idee des Kommunismus in Berührung kamen, handelte es sich nach meiner Ansicht primär um faschistoiden Ultranationalismus, weniger um Kommunismus.

    Das antike Khmerreich gelangte zu seiner militärischen Potenz, da durch ausgeklügelte Bewässerungssysteme mehrere Reisernten im Jahr möglich wurden, wodurch die Bevölkerung sprunghaft anstieg, damit viele Soldaten zur Verfügung standen - das war geplant. Sehen Sie die Parallele zum Bauernstaat der Khmer Rouge? Das ist natürlich stark verkürzt und jeder Historiker würde mir mit Recht den Kopf abreißen.

    Die Khmer Rouge mordeten zunächst alle Intellektuellen und alle im weiteren Sinn zum Hof Gehörenden, das Tragen einer Brille kam einem Todesurteil gleich. Ihre ersten Anhänger waren bitterarme Bauern, die gegen das hochzivilisierte und kulturell sehr reiche Leben in Phnom Penh aufgehetzt wurden. Die Bevölkerung war in gar keiner Weise homogen.

    Das Grauen von Bürgerkrieg oder Genozid und unsere europäische Außensicht darauf - auch in Ruanda sind Menschen in der Regel sehr fröhlich, hm? Wenn Sie Asiaten generell für fürsorglich halten, waren Sie noch nie in einem öffentlichen Verkehrsmittel in China oder haben den Umgang mit Unfallopfern dort erlebt. Ich habe ebenso äußerst positive Erfahrungen in Asien und anderen Teilen der Welt gemacht, aber gelernt: vieles ist und bleibt mir fremd.

    Antwort auf "Es ist mir ein Rätsel"
  4. Ich muss einräumen,das ich sie unterschätzt habe Dame von Welt.
    Ganz offensichtlich sind sie ja gut informiert.
    Ich weiss heute auch,das wenn ein Asiate lacht,das nicht unbedingt etwas Positives sein muss.
    Die viele feinen Nuancen des Lachens sind uns in Europa
    fremd und fuehren schnell zu Missverständnissen in der Körpersprache.
    Ich habe aber selbst mit den ärmsten der Armen,und hier war ich der Fremde,nicht Orientierte,zuweilen auch Hilflose,
    in Asien nur positive Erfahrungen gemacht.
    Die hätten mich problemlos hochnehmen können.
    Kein Mensch hätte nach mir gefragt.Sie haben es aber nie gemacht.Im Gegenteil.
    Haben sie schon einmal Leute erlebt,die wenn sie einmal raus fuer kleine Mädchen gehen,WC gibt es ja nur selten,
    ihnen folgen (auch noch Frauen)und einen Schirm halten wollen,weil es regnet ?
    Die Völker in Ost-und Sued-Osteuropa sind in Teilen ähnlich
    vergewaltigt worden.
    Reisen sie einmal durch diese Länder.
    Auch in D. habe ich mit asiatischen Einwanderern noch nie!!
    negative Erfahrungen gemacht.
    Asiaten muessen eine äusserst positive Grundprogrammierung haben,die man so schnell nicht beschädigt.

    Wenn es in K. sehr grosse materielle Unterschiede gab,bittere Armut auf dem Land,und Wohlstand in den Städten,
    ist das ja schon ein Hinweiss.
    Soziale und wirtschaftliche Verwefungen sind nicht selten Nährboden fuer Unheil.

    so long

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    hier ein sachkundiges Portrait von Kaing Guek Eav http://www.freitag.de/pol...

    Was die 'positive Grundprogrammierung' angeht, so ist die in Kambodscha sehr schwer beschädigt. Es gibt nicht nur unzählige Minenopfer, es gibt auch kaum eine Familie, die keine Toten während des Khmer-Rouge-Regimes zu beklagen hat. Unzählige Khmer sind schwer traumatisiert, es gibt aber kaum psycho-medizinische Versorgung. Es fällt den meisten Khmer extrem schwer, jemandem außerhalb der eigenen Familie zu trauen, was Gemeinschaftsaufgaben nahezu unmöglich macht.

    Die kambodschanische Gesellschaft ist in vielem sehr gewalttätig, Polizisten sind häufig auf Drogen und korrupt. Korruption und Armut sind allgegenwärtig. Prostitution, auch von sehr kleinen Kindern findet in einem unvorstellbaren Umfang statt - die Konsumenten sind Touristen und die Angehörigen der zahllosen Hilfsorganisationen. Die Lebenshaltungskosten in Phnom Penh sind kaum erschwinglich - eine Folge der als voller Erfolg gewerteten UNTAC-Mission, die Soldaten hatten zusätzlich zu ihren Bezügen ein absurd hohes tägliches Taschengeld. Die daraus folgende Teuerung führte auch zu Slums, die schlimmer als schlimm sind. Es ist sehr zu spüren, daß die Elite des Landes ermordet wurde, es wird noch lange dauern, bis Kambodscha sich vom Alptraum Khmer Rouge erholt hat und es wieder eine funktionierende Zivilgesellschaft gibt.

    Aber - ein wunderschönes Land mit unglaublich tapferen und überaus liebenswerten Bewohnern.

  5. hier ein sachkundiges Portrait von Kaing Guek Eav http://www.freitag.de/pol...

    Was die 'positive Grundprogrammierung' angeht, so ist die in Kambodscha sehr schwer beschädigt. Es gibt nicht nur unzählige Minenopfer, es gibt auch kaum eine Familie, die keine Toten während des Khmer-Rouge-Regimes zu beklagen hat. Unzählige Khmer sind schwer traumatisiert, es gibt aber kaum psycho-medizinische Versorgung. Es fällt den meisten Khmer extrem schwer, jemandem außerhalb der eigenen Familie zu trauen, was Gemeinschaftsaufgaben nahezu unmöglich macht.

    Die kambodschanische Gesellschaft ist in vielem sehr gewalttätig, Polizisten sind häufig auf Drogen und korrupt. Korruption und Armut sind allgegenwärtig. Prostitution, auch von sehr kleinen Kindern findet in einem unvorstellbaren Umfang statt - die Konsumenten sind Touristen und die Angehörigen der zahllosen Hilfsorganisationen. Die Lebenshaltungskosten in Phnom Penh sind kaum erschwinglich - eine Folge der als voller Erfolg gewerteten UNTAC-Mission, die Soldaten hatten zusätzlich zu ihren Bezügen ein absurd hohes tägliches Taschengeld. Die daraus folgende Teuerung führte auch zu Slums, die schlimmer als schlimm sind. Es ist sehr zu spüren, daß die Elite des Landes ermordet wurde, es wird noch lange dauern, bis Kambodscha sich vom Alptraum Khmer Rouge erholt hat und es wieder eine funktionierende Zivilgesellschaft gibt.

    Aber - ein wunderschönes Land mit unglaublich tapferen und überaus liebenswerten Bewohnern.

  6. Wer damals als ausländischer Tourist in kambodschanisches Gewässer segelte, wurde ebenfalls festgenommen und in S-21 getötet, ein Brite beispielsweise wurde lebendig verbrannt. Das Unrecht von Leuten, die wissen, dass sie Gutes tun.

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  • Schlagworte Lon Nol | Völkermord | Kambodscha | Dorf | Fluss | Kommunistische Partei
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