Tansania Sie tragen der Anderen Last

Der Berg ist ihr Schicksal, manche von ihnen waren schon siebzig mal oben, das Gepäck der Touristen auf dem Buckel: Die Träger vom Kilimandscharo.

Der Berg ist ihnen egal, er langweilt sie

Der Berg ist ihnen egal, er langweilt sie

Ein junger Mann, siebzehn, vielleicht achtzehn Jahre alt. Er trägt eine blaue Wollmütze, die er sich tief über die Ohren gezogen hat, ein weites Poloshirt, ein Paar grellbunter Leggins, wie sie Frauen in den Achtzigern getragen haben, wenn sie zum Aerobic gingen. In seinem Blick liegt etwas Abschätziges. Dieser junge Afrikaner, denkt man, könnte ein Hip-Hopper sein, der im Wald für das Coverfoto seiner neuen Platte posiert – wären da nicht diese Wanderstiefel, die so seltsam groß sind, dass irgendwas mit ihnen nicht zu stimmen scheint.

Evaldi heißt der junge Mann, dem der Fotograf Olaf Unverzart vor ein paar Monaten begegnet ist, als er mit einem Freund den Kilimandscharo im Nordosten Tansanias bestiegen hat. Evaldi war mit ihnen unterwegs. Er ist ein porter, einer dieser Männer, die den Weißen ihre Sachen auf den Berg schleppen. Die Klötze, die er an den Füßen trägt, gehörten wie die anderen Kleider einmal einem dieser Weißen, der sie nach dem Abstieg nicht mehr brauchte. Das Abschätzige in seinem Blick gilt diesem Berg, für den er kaum was übrig hat.

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Zu zwölft waren sie unterwegs, Unverzart, sein Freund, ein Koch, zwei tour guides und die sieben porters, sechs Tage lang, im Dschungel zu Beginn, dann in den Steinwüsten, dann oben im Eis, auf knapp 6000 Metern. Unverzart ist häufig in den Bergen, und er hat ein Auge für das Abseitige. In den Alpen hat er die großen Nordwände fotografiert, er war bei Bären in den Karpaten, und zuletzt hat er in der äthiopischen Hochebene das einfache Leben junger Langstreckenläufer dokumentiert. Die porters am Kilimandscharo, sagt Unverzart, hätten ihn daran erinnert, mit ihren drahtigen Körpern, mit dieser federnden, katzenhaften Eleganz, mit der sie von Fels zu Fels springen, auf ihren Köpfen und Rücken notdürftig vertäut die Zelte, Gaskocher und Klappstühle, zwanzig Kilo, manchmal dreißig. »Körperlich«, sagt Unverzart, »ist das ein Wahnsinn.«

Aber es sind Männer, die nicht jammern. Sie marschieren schweigend, ausdruckslos, gelangweilt. Nur manchmal, wenn ihre Telefone Empfang haben, tauen ihre Gesichter auf, nachts, wenn sie sich um den Gaskocher versammeln, um die Kälte wegzureden, wenn sie darauf warten, dass es endlich weitergeht. Es sind Männer, die zu diesem Berg ein anderes Verhältnis haben als die Menschen, die sie eskortieren. Da ist nichts Romantisches und nichts Spirituelles. Alles, was sie am Berg suchen, ist ihr Auskommen im Tal. Vierzig Dollar bekommen sie für die siebentägige Tour, und wenn es gut läuft, noch einmal vierzig Dollar Trinkgeld, ein paar Schuhe oder T-Shirts, Wohlstandsmüll, der sie für uns so irritierend hip aussehen lässt. Es ist ein gutes Einkommen, von dem ihre Familien leben können, aber es gibt viele Träger in der Gegend, und in der Regenzeit bleiben die Touristen fern.

Wer kann, bricht in jeder zweiten, dritten Woche wieder auf. Es gibt Träger, die siebzig Touren in den Beinen haben. Sie sind es, die diese Industrie, die in den letzten Jahren rund um den Kilimandscharo entstanden ist, am Laufen halten. Ohne ihre Hilfe kommt kaum ein Weißer auf den Berg, aber viele vergessen das manchmal. Er habe das gespürt, sagt Unverzart. Dass es da Skepsis gibt, schlechte Erfahrungen. Es war sein Anliegen, den porters durch die Bilder etwas von ihrer Würde zurückzugeben.

Evaldi, der Junge mit den viel zu großen Schuhen, hat auf seinen Touren festgestellt, dass die Amerikaner meistens schlecht in Form sind, anders als die Deutschen oder Österreicher. Er würde gerne mal nach Deutschland reisen, hat er Unverzart erzählt, aber er ahnt, dass dieser Berg sein Schicksal ist. Wenn es gut läuft für Evaldi, dann steigt er in zwei Jahren auf zum tour guide.

 
Leser-Kommentare
  1. Bringen Sie doch mal einen Bericht über einen ungelernten Call Center Mitarbeiter, der für 5 Euro Brutto tätig ist oder einen deutschen 1 Euro Jobber, die werden nur unwesentlich besser 'drauf sein. Oder passt das nicht in Ihre paternalistisch gutmenschliche Betroffenheitsattitüde? Hypokrisie wohin man schaut...

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    Ich bin mir sicher, dass die Journalisten auch um diesen Umstand wissen.

    Nur fühlen die meisten mit der Fremde mehr als mit dem Hier und Jetzt. Es war nie anders. Es gibt recht nette Studien darüber, die ich leider nicht parat habe (ich müsste suchen, aber ich blähe mich schon nicht auf), wo nachgewiesen wurde, dass vielen Menschen die Opfer von Flutkatastrophen oder solche armen Berghelfer näher als der Penner vor der Tür gehen. Es hat etwas von Wirklichkeitsmachung und -verklärung zu tun, welcher Ursachen auch immer.

    De facto erinnern solche Berichte über die Fremde zeitgleich, mittelbar, aber auch an das Leid im eigenen Land. So ein Beitrag ist gewissermaßen der Abenteuerroman im Kongo, welcher die Schicksale der Gegenwart und des eigenen Landes durch die Ferne verarbeitet.

    Ich bin mir sicher, dass die Journalisten auch um diesen Umstand wissen.

    Nur fühlen die meisten mit der Fremde mehr als mit dem Hier und Jetzt. Es war nie anders. Es gibt recht nette Studien darüber, die ich leider nicht parat habe (ich müsste suchen, aber ich blähe mich schon nicht auf), wo nachgewiesen wurde, dass vielen Menschen die Opfer von Flutkatastrophen oder solche armen Berghelfer näher als der Penner vor der Tür gehen. Es hat etwas von Wirklichkeitsmachung und -verklärung zu tun, welcher Ursachen auch immer.

    De facto erinnern solche Berichte über die Fremde zeitgleich, mittelbar, aber auch an das Leid im eigenen Land. So ein Beitrag ist gewissermaßen der Abenteuerroman im Kongo, welcher die Schicksale der Gegenwart und des eigenen Landes durch die Ferne verarbeitet.

  2. ...mit einer vernünftigen und sauberen Wohnung, die mir sogar der Staat finanziert, als ein Rucksack-Schlepper, der jeden Tag auf den Berg wandert, um es Touristen recht zu machen. Sie wollen diese beiden Lebensstandards doch nicht ernsthaft miteinander vergleichen?
    Wenn sich der "Gepäckträger" (was er ja nunmal für Touristen ist) sich ein Bein bricht, bezweifle ich, dass der Staat ihn unterstützt- dann hat er vorerst Pech. Wenn ein 1€-Jobber sich das Bein bricht, kann er erstmal nichts gemeinnütziges tun (ja, 1€-Jobs gibt es nicht überall, sondern nur im gemeinnützigen Bereich), aber immerhin zahlt die Krankenkasse seine Behandlung- und das, obwohl er nicht mal Beiträge zahlt. Und zu Hause hat er ne Heizung (okay, momentan benötigt man die nicht- aber man kann sich ja auch im Winter mal das Bein brechen), fließendes, sauberes Wasser, Strom, genügend zu essen (wenn man sein Geld nicht verraucht, kann man von Hartz4 leben- hab ich vor 3 jahren selbst schon erfahren dürfen. Man muss halt mit Geld umgehen können, das liegt nicht jedem...) und für Internet und Telefon langt es auch noch...
    Ganz ehrlich: Ich würde nie mit diesem jungen Mann tauschen, da kann der Kilimandscharo noch so schön sein...

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    Wäre nett, wenn die Redaktion das ändern könnte :)
    Ihr Fehler wurde korrigiert. Die Redaktion/vv

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  3. Was ich noch erwähnen wollte: Um nicht mehr nur arbeitslos zu sein und die Zeit bis zu meinem Studium zu überbrücken, kellnerte ich auch zwischenzeitlich und half in einer Videothek aus. Bei ersterem bekam ich 5€ die Stunde (Trinkgeld durfte nicht behalten werden), in der Videothek bekam ich 3€ pro Stunde. Ich hatte somit meine bezahlte Wohnung, Hartz4 und 400€ im Monat. Das klappte diese Monate über echt gut- meine Eltern gingen je 40h pro Woche arbeiten (öffentlicher Dienst)- die hatten am Monatsende in Vorpommern nicht mehr übrig als ich... Aber ich weiche vom eigentlichen Thema ab...

  4. Wäre nett, wenn die Redaktion das ändern könnte :)
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  5. 5. Ferne

    Ich bin mir sicher, dass die Journalisten auch um diesen Umstand wissen.

    Nur fühlen die meisten mit der Fremde mehr als mit dem Hier und Jetzt. Es war nie anders. Es gibt recht nette Studien darüber, die ich leider nicht parat habe (ich müsste suchen, aber ich blähe mich schon nicht auf), wo nachgewiesen wurde, dass vielen Menschen die Opfer von Flutkatastrophen oder solche armen Berghelfer näher als der Penner vor der Tür gehen. Es hat etwas von Wirklichkeitsmachung und -verklärung zu tun, welcher Ursachen auch immer.

    De facto erinnern solche Berichte über die Fremde zeitgleich, mittelbar, aber auch an das Leid im eigenen Land. So ein Beitrag ist gewissermaßen der Abenteuerroman im Kongo, welcher die Schicksale der Gegenwart und des eigenen Landes durch die Ferne verarbeitet.

    Antwort auf "Hypokrisie"
  6. Wo gehen bloß die mehr als 1000 Dollar pro Person hin, die man heutzutage für eine Besteigung berappen muss? Die meisten Reiseveranstalter sind nicht einheimisch (mal abgesehen davon, dass der Standard, den wir von Reiseunternehmen erwarten selten von einheimischen Unternehmen erreicht wird). Die Mehrheit in Tanzania scheint jedenfalls nicht davon zu profitieren. Obwohl es einer Autobahn gleicht, wie sich der Massentourismus zur Hauptsaison den Berg hinaufschleicht. Die Träger sind meistens auf die Trinkgelder der Touristen angewiesen, da halten sich die Reiseveranstalter sauber raus. Es geht immer noch die Story rum, dass ein Träger einem reichen dicken Mann bei einer verunglückten Tour das Leben rettete und ihn den Berg hinunter trug. Dafür bekam er ein neues Auto geschenkt.

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  • Quelle ZEITmagazin, 15.07.2010 Nr. 29
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  • Schlagworte Tansania | Reise | Berg | Kilimandscharo | Aerobic | Karpaten | Alpen
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