GeheimdiensteFehlpässe

Christian Schmidt-Häuer berichtet über Israels Geheimdienst Mossad von 

KGB, Moskau

Ein Klassiker der Geheimdienste: Das KGB-Gebäude in Moskau, 1981. Das Denkmal zeigt Felix Dserschinski, Gründer des Tscheka, der ersten Geheimpolizei der UdSSR  |  © AFP/Getty Images

Fehlpässe gehören zum Fußball, das Gedächtnis löscht sie mit dem Ende der WM. Falsche Pässe zählen zur Ausrüstung der Geheimdienste. Da ist Vergessen und Vergeben schon problematischer, vor allem wenn politischer Mord mit den Personaldaten unbeteiligter Bürger getarnt wird. Das gilt in besonderem Umfang für die Exekution von Mahmud al-Mabhuh, einem Kommandanten der radikalen Palästinenser-Organisation Hamas, Anfang des Jahres in einem Hotelzimmer in Dubai. Die Polizei des Emirats meldete Interpol 27 mutmaßliche Agenten des israelischen Geheimdienstes Mossad, von denen die Hälfte mit »gestohlenen Identitäten« von Briten, Irländern, Australiern und je einem Franzosen und Deutschen in Dubai eingereist war. Uri Brodsky nennt sich der bisher einzige der Verdächtigen, der ins Netz gegangen ist. Die Polen nahmen ihn fest. Weil Brodsky einem Kollegen, der mutmaßlich an der Mordaktion beteiligt war, in Köln illegal einen Reisepass beschaffte, hatte die Bundesanwaltschaft wegen des Verdachts auf Falschbeurkundung und Agententätigkeit ermittelt. Die Israelis bedrängten Polen, den Mann ihnen zu überstellen. Doch jetzt gab ein Warschauer Bezirksgericht dem deutschen Auslieferungsbegehren statt.

Nur landete die polnische Vorlage im Abseits. Der Richter in Warschau entschied, dass Brodsky zwar wegen Urkundenfälschung, nicht aber wegen Spionage angeklagt werden dürfe. Sollte dieses Urteil rechtskräftig werden, würde dem Mann hier wohl nur eine Geldbuße drohen. Warschaus Entscheidung kann Deutschland aufgrund seiner historisch belasteten Beziehungen zu Polen und Israel nicht ignorieren. Schon zuvor hatte Berlins Diplomatie in der Dubai-Affäre die freundlichste Miene zum bösen Spiel gemacht und nicht einmal Tel Avivs Botschafter einbestellt. England und Irland hingegen wiesen demonstrativ je einen Diplomaten Israels aus. London konnte dabei auch noch Wortbruch seitens Israels geltend machen. 1987 hatte ein Mossad-Agent seine Tasche mit acht gefälschten britischen Pässen in einer Telefonzelle liegen lassen. Eisern ließ Margaret Thatcher die Mossad-Residenz in Großbritannien schließen. Sie wurde erst nach Israels Versprechen wieder geöffnet, nie wieder britische Dokumente für Geheimdienstaktionen zu missbrauchen. 1997 mussten kanadische Pässe herhalten, mit denen zwei Mossad-Agenten nach Jordanien einreisten. Dort bliesen sie dem Hamas-Führer Chaled Meshal eine giftige Substanz ins Ohr, wurden dann aber von dessen Chauffeur und Leibwächter überwältigt. Tel Aviv löste die beiden Männer für einen hohen Preis aus: Israel musste das Gegengift liefern, um Meshal zu retten, und den Hamas-Gründer Scheich Jassen freilassen.

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Wenn schon dem Mossad solche Fehlpässe unterlaufen, wie viel Pfusch mag es erst in den Fälscherwerkstätten weniger versierter Geheimdienste geben! Selten öffnet sich dem Laien ohne die Lizenz zum Täuschen der Blick in diese Requisitenkammern. Einmal hatte ich das Glück: Im August 1991, als in Moskau der Putsch gegen Michail Gorbatschow scheiterte und Boris Jelzin die Sowjetmacht stürzte. Die Bevölkerung stürmte das zentrale Parteigebäude, und ausgerechnet neben den Räumen der damals weltbekannten Parteidiplomaten entdeckten Fahnder ein komplettes Geheimlabor. Einige Funde durften wir bewundern: Grenzstempel der Flughäfen Zürich, Rom, Paris ebenso wie Listen über Hunderte Tintensorten (»Nr. 221, Pelikan, gekauft 1963«) – zur »zeitgemäßen« Bearbeitung von Pässen. Dazu Perücken und Glatzen.

Ein Hauch von Karneval – würden nicht die Nachfolger des KGB, die CIA, der Mossad und viele andere Geheimdienste diese Utensilien benutzen, um von Fall zu Fall politische Gegenspieler gegen alle Gesetze zu exekutieren.

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Leserkommentare
  1. Mir erscheint das Urteil des polnischen Gerichts ja wohl ein wenig politisch. Wie entscheidet man, ob jemand ein Agent ist (oder als solcher tätig) oder nicht (oder anders gefragt, der wievielte "Gefallen" für die Amerikaner war das?). - Andererseits hätte ich mir die (verzeihen sie den Ausdruck) Eierschaukelei nicht gerne angetan, die ein Prozess zur Spionageanklage an einen israelischen Staatsbürger in Deutschland ausgelöst hätte.
    Gibt es Staaten, auf die Deutschland wegen "historisch belasteter Beziehungen" nicht Rücksicht nehmen muss? - Ist dieses Argument nicht lächerlich, trotzdem aber nach wie vor Politik und Diplomatie bestimmend?? - Wieviel Agenten wohl ohne Wissen der Öffentlichkeit getauscht, abgeschoben oder "verräumt" werden, ohne dass die Öffentlichkeit es mitkriegt. Man muss sich wohl damit abfinden, dass dies ein Spiel abseits der Gesetzte für Otto Normalverbraucher ist...
    EinGangLion

    Eine Leserempfehlung
  2. Ist das der ganze Artikel, oder fehlt da noch was? Wirkt irgendwie unvollständig.

    • JR65
    • 21. Juli 2010 10:04 Uhr

    in der Vergangenheit deutsche Originalpässe übereignet hat!
    Eine Fälschung der Originalpapiere ist somit nicht notwendig gewesen.

  3. Von Uri Avnery:

    www.lebenshaus-alb.de/magazin/006190.html

    "...Nach dem Massaker (die Hauptverantwortung dafür fiel auf die inkompetente und unverantwortliche bayrische Polizei), tötete der Mossad auf Befehl von Golda Meir sieben PLO-Offizielle - zur Freude der rachedurstigen israelischen Öffentlichkeit. Fast alle Opfer waren PLO-Diplomaten, die zivilen Vertreter der Organisation in europäischen Hauptstädten, die keine direkte Verbindung zu den gewalttätigen Operationen hatten. Ihre Tätigkeiten waren öffentlich, sie arbeiteten in regulären Büros und lebten mit ihren Familien in Wohngebäuden. Sie waren statische Ziele, eine leichte Beute.

    Bei einer der Aktionen - die der letzten Affäre ähnelt - wurde ein marokkanischer Kellner in der norwegischen Stadt Lillehammer irrtümlicherweise ermordet. Der Mossad hielt ihn für Ali Hassan Salameh, einen ranghohen Fatahoffizier, der als Kontaktmann mit dem CIA diente. Die Mossadagenten, einschließlich einer mondänen Blondine (hier gibt es immer eine mondäne Blondine), wurden identifiziert, verhaftet und zu langen Gefängnisstrafen verurteilt ( aber sehr bald entlassen). Der echte Salameh wurde später ‘eliminiert’..."

  4. für Agenten: Laß Dich nicht erwischen!

    Äußerst dilletantisch, mit einer falschen Identität durch die Gegend zu reisen, auf die ein Haftbefehl ausgestellt war und damit befreundete Regierungen vor den Kopf stoßen.

    Auf der anderen Seite ist das Fälschen von Ausweispapieren in Geheimdienstkreisen absolut üblich. Diese künstliche Empörung der britischen Regierung grenzt schon an Heuchelei.
    Was deren Agenten schon an sensiblem Material in öffentlichen Verkehrsmitteln liegen gelassen haben...

    • TDU
    • 21. Juli 2010 12:35 Uhr

    Wenn auch die in der Serie dargestellten Möglichkeiten sicher übetrieben sind. Die dort dargestellte "Mentalität" von Geheimdiensten ist m. E. immer die gleiche.

    Erst das Wohl des Landes. Die Massnahmen sind abhängig davon, was Politiker oder andere mit Einfluss für angemessen halten. Die Bedeutungslsoigkeit des BND ist lediglich dem mangelnden staatlichen Bedürfnis auf Grund der Machtlosigkiet Deustchlands geschuldet.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Da haben Sie wohl Recht . Der BND ist sicher der ' artigste ' Nachrichtendienst der ganzen westlichen Welt.

  5. Da haben Sie wohl Recht . Der BND ist sicher der ' artigste ' Nachrichtendienst der ganzen westlichen Welt.

    Antwort auf "Spooks MI5"
  6. das waren mehr als nur Fehlpässe. Das war ein Eigentor ins Netz der angeblich rechtstaatlichen westlichen Staaten, das deren Verwicklung in allen nur denklichen historischen und andauernden Aggressionen gegen das palästinensiche Volkes einwandfrei offenlegt.

    Die Vergabe von falschen Ausweisdokumenten war immer eine gängige Dienstleistung, schon im 19. Jahrhundert durch z.B. D. und andere europäische Länder und ihre Auslandsvertretungen im Osmanischen Reich, um die Interessen der zionistischen Alijas von Ost-Europäischen "Siedlern" nach Palästina als wären sie die eigenen Bürger besser vertreten zu können.

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    finde ich es in diesem Zusammenhang Aktionen des Mossad aus den siebziger und achtziger Jahren anzuführen. Zumal dann auch noch in einen Kontex zu setzen, der die Täter, bzw den direkten Unterstützerkreis als Opfer darstellt.

    Aber äußerst interessant finde ich jetzt nun, auch die Praxis der Botschaften in der Türkei der 30er mit einzubeziehen. Mal davon abgesehen, dass dieses Thema weitaus komplizierter ist und die Pässe in der Regel nicht gefälscht waren, sondern offizielle Reisedokumente dargestellt haben. Und auch der Kreis der beteiligten Staaten eingegrenzt werden muss um nicht ein falsches Bild entstehen zu lassen. So waren es unter anderem die Portugiesen und die Schweizer, die für jüdische Flüchtlinge Reisedokumente ausgestellt haben, deren Flucht durch die Hagana über diverse Staaten in alten Schiffen in teilweise abenteuerlichen Zustand organisiert worden ist. Alleine durch diese Kombination ist das ehemalige Deutsche Reich und England als erklärter Gegner der Hagana schonmal als Aussteller auszuschließen. Und die Beweggründe stehen in keinerlei Vergleichbarkeit zu der (bewehrten) Praxis Pässe für eigene Agenten zu fälschen sondern stellen eher Husarenstücke einer Untergrundorganisation da um Menschenleben zu retten.

    Aber zu dem Artikel selbst muss ich Subhuman rechtgeben, irgendwie wirkt er unvollständig.

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  • Schlagworte Hamas | Margaret Thatcher | Michail Gorbatschow | Boris Jelzin | Interpol | Israel
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