Fehlpässe gehören zum Fußball, das Gedächtnis löscht sie mit dem Ende der WM. Falsche Pässe zählen zur Ausrüstung der Geheimdienste. Da ist Vergessen und Vergeben schon problematischer, vor allem wenn politischer Mord mit den Personaldaten unbeteiligter Bürger getarnt wird. Das gilt in besonderem Umfang für die Exekution von Mahmud al-Mabhuh, einem Kommandanten der radikalen Palästinenser-Organisation Hamas, Anfang des Jahres in einem Hotelzimmer in Dubai. Die Polizei des Emirats meldete Interpol 27 mutmaßliche Agenten des israelischen Geheimdienstes Mossad, von denen die Hälfte mit »gestohlenen Identitäten« von Briten, Irländern, Australiern und je einem Franzosen und Deutschen in Dubai eingereist war. Uri Brodsky nennt sich der bisher einzige der Verdächtigen, der ins Netz gegangen ist. Die Polen nahmen ihn fest. Weil Brodsky einem Kollegen, der mutmaßlich an der Mordaktion beteiligt war, in Köln illegal einen Reisepass beschaffte, hatte die Bundesanwaltschaft wegen des Verdachts auf Falschbeurkundung und Agententätigkeit ermittelt. Die Israelis bedrängten Polen, den Mann ihnen zu überstellen. Doch jetzt gab ein Warschauer Bezirksgericht dem deutschen Auslieferungsbegehren statt.

Nur landete die polnische Vorlage im Abseits. Der Richter in Warschau entschied, dass Brodsky zwar wegen Urkundenfälschung, nicht aber wegen Spionage angeklagt werden dürfe. Sollte dieses Urteil rechtskräftig werden, würde dem Mann hier wohl nur eine Geldbuße drohen. Warschaus Entscheidung kann Deutschland aufgrund seiner historisch belasteten Beziehungen zu Polen und Israel nicht ignorieren. Schon zuvor hatte Berlins Diplomatie in der Dubai-Affäre die freundlichste Miene zum bösen Spiel gemacht und nicht einmal Tel Avivs Botschafter einbestellt. England und Irland hingegen wiesen demonstrativ je einen Diplomaten Israels aus. London konnte dabei auch noch Wortbruch seitens Israels geltend machen. 1987 hatte ein Mossad-Agent seine Tasche mit acht gefälschten britischen Pässen in einer Telefonzelle liegen lassen. Eisern ließ Margaret Thatcher die Mossad-Residenz in Großbritannien schließen. Sie wurde erst nach Israels Versprechen wieder geöffnet, nie wieder britische Dokumente für Geheimdienstaktionen zu missbrauchen. 1997 mussten kanadische Pässe herhalten, mit denen zwei Mossad-Agenten nach Jordanien einreisten. Dort bliesen sie dem Hamas-Führer Chaled Meshal eine giftige Substanz ins Ohr, wurden dann aber von dessen Chauffeur und Leibwächter überwältigt. Tel Aviv löste die beiden Männer für einen hohen Preis aus: Israel musste das Gegengift liefern, um Meshal zu retten, und den Hamas-Gründer Scheich Jassen freilassen.

Wenn schon dem Mossad solche Fehlpässe unterlaufen, wie viel Pfusch mag es erst in den Fälscherwerkstätten weniger versierter Geheimdienste geben! Selten öffnet sich dem Laien ohne die Lizenz zum Täuschen der Blick in diese Requisitenkammern. Einmal hatte ich das Glück: Im August 1991, als in Moskau der Putsch gegen Michail Gorbatschow scheiterte und Boris Jelzin die Sowjetmacht stürzte. Die Bevölkerung stürmte das zentrale Parteigebäude, und ausgerechnet neben den Räumen der damals weltbekannten Parteidiplomaten entdeckten Fahnder ein komplettes Geheimlabor. Einige Funde durften wir bewundern: Grenzstempel der Flughäfen Zürich, Rom, Paris ebenso wie Listen über Hunderte Tintensorten (»Nr. 221, Pelikan, gekauft 1963«) – zur »zeitgemäßen« Bearbeitung von Pässen. Dazu Perücken und Glatzen.

Ein Hauch von Karneval – würden nicht die Nachfolger des KGB, die CIA, der Mossad und viele andere Geheimdienste diese Utensilien benutzen, um von Fall zu Fall politische Gegenspieler gegen alle Gesetze zu exekutieren.