Ohne Hochmut und Häme, aber eben auch aus einer Distanz, die ans Behagliche grenzte, hat die evangelische Kirche verfolgt, wie sich im vergangenen halben Jahr der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche entfaltete. Natürlich wurden in dieser Zeit auch einige Übergriffe im protestantischen Milieu bekannt, doch gemessen an den Fallzahlen und der öffentlichen Wahrnehmung überwog das Bild von einer katholischen Angelegenheit. Nun sorgt in der Nordelbischen Landeskirche ein Missbrauchsvorwurf für Aufruhr, der durchaus das Zeug hat, zur ersten ernsten evangelischen Krise in dieser Angelegenheit zu werden. Dass der sich anschließende Verdacht der Vertuschung die weit über ihren Sprengel hinaus bekannte Bischöfin Maria Jepsen betrifft, verleiht der Causa Pastor K. aus Ahrensburg bei Hamburg zusätzlich Brisanz.

Nichts ist bisher bewiesen. Doch so wie katholischer Missbrauch stets katholisch roch und reformpädagogischer (an der Odenwaldschule) reformpädagogisch, so riecht der Fall K. sehr evangelisch. Das evangelische Pfarrhaus, gerne gerühmter Hort bürgerlicher Traditionspflege, soll hier der Tatort gewesen sein. Laut Aussagen von drei seiner Stiefsöhne hat Pfarrer K. sich über Jahre an ihnen vergangen. Darüber hinaus hat K. womöglich in Jugendgruppen nach Opfern gesucht. Ehe und Familie, von zölibatsskeptischen Protestanten den katholischen Priestern gerne als beste Prävention angeraten, haben hier jedenfalls keine Tat vermeiden geholfen. Und auch der Modus, der offenbar verhinderte, dass die Vorgänge aus den achtziger Jahren öffentlich geworden sind, passt auf ungute Weise zu einer Kirche, die sich selbst als offener und selbstverwalteter versteht als ihr katholisches Gegenüber.

Die Reflexe der katholischen Hierarchie führen zu institutioneller Abschottung und aktiver Vertuschung. Die Reflexe der Nordelbischen Kirche führten dazu, dass der Fall verschleppt und verschlampt wurde, dass wiederholte Versuche auch Kirchenoberer, K. aus dem Verkehr zu ziehen, gescheitert sind an einer evangelischen Kollegialitäts- und Kumpelkultur, wo jeder jedem Gutes und keiner keinem wehtun will.

Ein Irrtum wäre es überdies, zu glauben, die evangelische Kirche habe dank der bitteren Lektionen der Katholiken wenigstens einen Erfahrungsvorsprung im Umgang mit dem Skandal. Bei der Aufklärung der Vorwürfe verhält sie sich denkbar katholisch, also zögerlich.