WeltaidskonferenzEiner wurde geheilt

Mehr als 33 Millionen Menschen sind weltweit mit dem Aids-Virus HIV infiziert. In Berlin gelang Ärzten jetzt ein Wunder.

Eine Krankenschwester in einer Klinik in Kiew versorgt einen Aids-Patienten

Eine Krankenschwester in einer Klinik in Kiew versorgt einen Aids-Patienten

Er ist einverstanden.« Eckhard Thiel legt den Hörer auf und schaut hoch: »Kein Name, keine Fotos«, sagt der Arzt. »Er kommt jetzt runter.«

Thiels bestgehüteter Patient ist an diesem Nachmittag ins Benjamin-Franklin-Klinikum der Charité gekommen. Zu einer Nachuntersuchung. Eigentlich ist er längst wieder gesund. Aber das ist so unglaublich, dass seine Ärzte es selbst kaum fassen können und sich immer wieder von ihrem Erfolg überzeugen wollen.

Anzeige

Als die Tür zu Thiels Büro aufschwingt, tritt ein Mann in Jeans, weißem T-Shirt und Turnschuhen ins Zimmer. Er könnte Mitte dreißig sein. Dunkelhaarig, etwas spitze Nase, groß und sehr schmal, mit auffallend dünnen Armen. Er wirkt auf seltsam gebrochene Weise jugendlich, wie ein flügger Vogel mit verletzten Flügeln. Sein Gang ist schleppend, unsicher. Als er sich auf das braune Ledersofa im Büro seines Doktors hockt, sieht er verloren aus auf dem riesigen Möbel und dennoch voller Selbstbewusstsein. Tatsächlich ist der Mann 44 Jahre alt. Dass man ihm sein Alter nicht ansieht, ist umso erstaunlicher, wenn man weiß, was er durchgestanden hat. Thiels Patient ist Amerikaner. Wir werden ihn einfach Neil nennen.

Vor 18 Monaten wurde Neil von der Boulevardpresse regelrecht gejagt und musste gegen die Öffentlichkeit streng abgeschirmt werden. Zeitweise lebte er außerhalb Berlins in einer geheimen Wohnung. Sein Arzt erzählt: Um an Neils Identität zu kommen, hätten Reporter sogar versucht, Pfleger der Klinik zum Reden zu bringen, Schwestern zu bezirzen. 

HIV-Resistenz

Menschen mit einem bestimmten Gendefekt haben eine natürliche HIV-Resistenz, weil ihnen 32 Bausteine im Gen CCR5 fehlen. Das wollen US-Mediziner jetzt nachahmen – durch eine Gentherapie. Mithilfe neu entwickelter Genscheren, sogenannter Zinkfingernukleasen (ZFN), können sie zielgenau die 32 Bausteine ausschneiden.

Versuch

Von den auf diese Weise manipulierten Immunzellen werden bis zu 50 Prozent resistent gegen HIV. Übertrüge man sie in den Körper eines Patienten, würden die normalen – anfälligen – Immunzellen allmählich vom Virus zerstört. Übrig bliebe eine HIV-resistente Körperabwehr. Dazu wäre kein Spender nötig, körpereigene Zellen würden manipuliert. Gerade hat ein entsprechender Versuch begonnen. Daran nehmen Patienten teil, deren Erreger für die Arzneien unempfindlich wurden, oder solche, die mit gravierenden Nebenwirkungen auf Aids-Medikamente reagieren.

Impfstoff-Entwicklung

Gleichzeitig arbeiten Forscherteams an der Entwicklung eines Impfstoffs gegen das HI-Virus. Die Schwierigkeit liegt in der enormen Wandlungsfähigkeit des Krankheitserregers. Ständig wechselt er seine Gestalt und bietet so kaum eine Angriffsfläche für eine Vakzine. Nur wenige Menschen sind von Natur aus immun gegen das Virus. In ihrem Blut fahnden Forscher nach Antikörpern, die als Vorbild für eine Impfung dienen könnten.

Proteinkomplex

Vergangene Woche vermeldeten die Wissenschaftler Xueling Wu und Tongqing Zhou von den US-amerikanischen National Institutes of Health (NIH) in "Science" Vollzug: Sie haben zwei Antikörper gefunden, die im Laborversuch 91 Prozent aller bekannten HIV-Stämme bekämpfen. Sie attackieren die Bindungsstelle CD4, die das Virus benötigt, um sich an die Zellen des Immunsystems zu heften. Dieser Proteinkomplex ist bei allen bekannten Varianten ähnlich aufgebaut. Es ist womöglich die Achillesferse des Virus. Nun wird an einer entsprechenden Vakzine gearbeitet. Falls sie klinisch einsetzbar sein wird, werden bis dahin aber noch Jahre vergehen.

Neil blieb ein Phantom. Doch über seinen Fall berichteten die Medien in aller Welt : Neil ist, soweit bekannt, der erste und einzige Mensch, der von dem Aids-Virus HIV geheilt wurde. Seit mehr als drei Jahren schluckt er keine Medikamente mehr gegen den tückischen Erreger, trotzdem ist das Virus aus seinem Körper verschwunden. Und nach menschlichem Ermessen wird HIV ihn auch nie wieder befallen können.

Doch seine Heilung war ein Drama. »Man kann dabei sterben«, sagt Neil lakonisch. »Nur wegen meiner Infektion hätte ich dieser Therapie bestimmt nicht zugestimmt.« Die Behandlung hat Spuren hinterlassen. Neil spricht gut Deutsch, aber er redet langsam, stockt ab und zu, schweigt sekundenlang. Schon will das Gegenüber etwas erwidern, aber da bringt Neil den begonnenen Satz doch noch zu Ende.

Zweimal ist er dem Tod von der Schippe gesprungen. Zwei der schlimmsten Geißeln, die die moderne Medizin kennt, trafen ihn. Neil war viele Jahre lang HIV-positiv. Dann erkrankte er außerdem an Krebs. Und wie es heute aussieht, war sein doppeltes Unglück gerade der Grund dafür, dass er jetzt mehr oder weniger gesund ist. Neil ist bislang ein krasser Einzelfall. Doch seine Geschichte hält Lehren für die Medizin bereit. Sein Schicksal wird in die Lehrbücher eingehen.

Leserkommentare
    • se1f
    • 19.07.2010 um 10:13 Uhr

    wahren Helden unserer Gesellschaft. Chapeau vor so viel Mut und Engagement!

  1. Entfernt. Bitte bleiben Sie beim Thema des Artikels. Danke. Die Redaktion/cs

  2. ein medizinisches Wunder. Aber das "Neil" nach seinem Erfolg weiterhin ungeschützten Verkehr hat, finde ich grausam. Nicht das er vielleicht nur eine Vorbildfunktion inne hat,als Beispiel was das Virus anrichten kann - sondern auch als Mensch, finde ich, ist so ein Verhalten unter aller Würde. Gut, er kann sich nicht nochmal mit HIV infizieren, aber es gibt auch andere Krankheiten. Der Mann hat meiner Meinung nach nie gelernt, Verantwortung für sich und Andere zu übernehmen.
    Er hat eine neue Chance bekommen und sollte sie nicht verspielen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • joG
    • 19.07.2010 um 11:14 Uhr

    ....Es gibt keinen Grund dazu sich zu schützen. Der Mann ist resistent. Er kann Aids offenbar nicht mehr bekommen.

    • joG
    • 19.07.2010 um 11:14 Uhr

    ....Es gibt keinen Grund dazu sich zu schützen. Der Mann ist resistent. Er kann Aids offenbar nicht mehr bekommen.

    • joG
    • 19.07.2010 um 11:14 Uhr

    ....Es gibt keinen Grund dazu sich zu schützen. Der Mann ist resistent. Er kann Aids offenbar nicht mehr bekommen.

    Antwort auf "Wahrlich..."
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • oooo
    • 19.07.2010 um 11:42 Uhr

    aufmerksam gelesen, würden sie sehen, dass es ihre Kritik bereits impliziert.

    • oooo
    • 19.07.2010 um 11:42 Uhr

    aufmerksam gelesen, würden sie sehen, dass es ihre Kritik bereits impliziert.

    • IllI
    • 19.07.2010 um 11:23 Uhr

    ach und in Ihrer kleinen Scheinwelt ist AIDS das einzige was man sich einfangen kann ??

    ot

    Wirklich grandios, was die heutige Medizin (und nicht zuletzt die Technik) zustandebringt... hut ab ...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    nicht Behandelbar. Sind sie alle Resistenz, und damit tödlich?

    Bin mir sicher, das jetzt einige Wissen wollen, wo man diesen Test machen lassen kann, um zu Wissen, das "Mann" oder "Frau", Aidsresistent ist, und was er kostet. "

    "In Europa hingegen tragen 10 bis 20 Prozent der Bevölkerung eine Kopie des defekten Gens".

    Das dürfte wohl einigen reichen, ohne Schutz zu "Arbeiten"!

    nicht Behandelbar. Sind sie alle Resistenz, und damit tödlich?

    Bin mir sicher, das jetzt einige Wissen wollen, wo man diesen Test machen lassen kann, um zu Wissen, das "Mann" oder "Frau", Aidsresistent ist, und was er kostet. "

    "In Europa hingegen tragen 10 bis 20 Prozent der Bevölkerung eine Kopie des defekten Gens".

    Das dürfte wohl einigen reichen, ohne Schutz zu "Arbeiten"!

    • oooo
    • 19.07.2010 um 11:42 Uhr

    aufmerksam gelesen, würden sie sehen, dass es ihre Kritik bereits impliziert.

  3. Von einem 1:0 zu sprechen, wenn einer der "Kontrahenten" gar nicht angetreten ist, ist schon eine besondere intellektuelle Leistung. Ich habe jedenfalls in dem Artikel nichts von Homöopathie gelesen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    und Sie sind sich also sicher, dass noch niemand versucht hat diese Krankheit mit Hilfe von Homöopathie zu heilen und man könne deshalb davon sprechen, dass Homöopathie gar nicht angetreten sei?

    Das halte ich für eine besondere intellektuelle Leistung.

    Ich persönlich finde es eine beeindruckende Leistung, wie hier ein als unheilbar betiteltes Leiden geheilt wurde, inwiefern der Geheilte Verantwortungsbewusstsein zeigt, sei dahingestellt.

    Dennoch halte ich es nicht für die endgültige Lösung jedem Menschen ein defektes CCR5-Gen einzubauen. Denn auch dieses Gen wird im funktionsfähigen Zustandfür irgendetwas zu gebrauchen sein. Man sollte also keine schwachstelle für andere Krankheiten öffnen.

    • marxo
    • 05.06.2011 um 10:02 Uhr

    Sie fordern also ein, Versuche mit nachweislich (ja, über und über, holen sie sich die geschätzten 2000 Studien, von common sense, Zehntklässlerwissen Chemie und Physik, abgesehen) unwirksamen Mitteln an HIV-Patienten vorzunehmen.

    Das wäre zynischer Menschenversuch. Der in Afrika stattfindet. Dort toben sich europäische Homöopathen nach Herzenslust aus, "Entwicklungshilfe" der obszönen Art. Was sich prima ergänzt mit denjenigen traditionellen Wunderheilern, die das Leben der Leute dort verschlimmern. Zahlreiche Kräuterheiler in Ghana geben an, das Wissen um die Wirkung ihrer Kräuter aus Träumen erhalten zu haben, nicht wenige behaupten, HIV-AIDS, Tuberkulose und andere gefährliche Krankheiten "heilen" zu können. Therapien schließen meistens das Öffnen der Haut durch Rasierklingenschnitte und das Einreiben von unsterilen Mixturen ein, womit Keimen Pforten geöffnet werden. Auch "homöopathische" Methoden sind verbreitet: Mit Schlägen, giftigen Trunken und kochend heißem Wasser meint man so manchen bösen Geist aus dem Körper z.B. von bettnässenden Kindern austreiben zu können. Manche Pflanzengifte sind als Kontaktgifte in der Lage, das Augenlicht zu zerstören. Psychoaktive und andere Substanzen in Kayal-Mixturen sollen helfen, im "spirituellen" Reich zu sehen und so böse Geister zu besiegen. Das alles ist im Kern nichts anderes als Anthroposophie und Homöopathie.

    und Sie sind sich also sicher, dass noch niemand versucht hat diese Krankheit mit Hilfe von Homöopathie zu heilen und man könne deshalb davon sprechen, dass Homöopathie gar nicht angetreten sei?

    Das halte ich für eine besondere intellektuelle Leistung.

    Ich persönlich finde es eine beeindruckende Leistung, wie hier ein als unheilbar betiteltes Leiden geheilt wurde, inwiefern der Geheilte Verantwortungsbewusstsein zeigt, sei dahingestellt.

    Dennoch halte ich es nicht für die endgültige Lösung jedem Menschen ein defektes CCR5-Gen einzubauen. Denn auch dieses Gen wird im funktionsfähigen Zustandfür irgendetwas zu gebrauchen sein. Man sollte also keine schwachstelle für andere Krankheiten öffnen.

    • marxo
    • 05.06.2011 um 10:02 Uhr

    Sie fordern also ein, Versuche mit nachweislich (ja, über und über, holen sie sich die geschätzten 2000 Studien, von common sense, Zehntklässlerwissen Chemie und Physik, abgesehen) unwirksamen Mitteln an HIV-Patienten vorzunehmen.

    Das wäre zynischer Menschenversuch. Der in Afrika stattfindet. Dort toben sich europäische Homöopathen nach Herzenslust aus, "Entwicklungshilfe" der obszönen Art. Was sich prima ergänzt mit denjenigen traditionellen Wunderheilern, die das Leben der Leute dort verschlimmern. Zahlreiche Kräuterheiler in Ghana geben an, das Wissen um die Wirkung ihrer Kräuter aus Träumen erhalten zu haben, nicht wenige behaupten, HIV-AIDS, Tuberkulose und andere gefährliche Krankheiten "heilen" zu können. Therapien schließen meistens das Öffnen der Haut durch Rasierklingenschnitte und das Einreiben von unsterilen Mixturen ein, womit Keimen Pforten geöffnet werden. Auch "homöopathische" Methoden sind verbreitet: Mit Schlägen, giftigen Trunken und kochend heißem Wasser meint man so manchen bösen Geist aus dem Körper z.B. von bettnässenden Kindern austreiben zu können. Manche Pflanzengifte sind als Kontaktgifte in der Lage, das Augenlicht zu zerstören. Psychoaktive und andere Substanzen in Kayal-Mixturen sollen helfen, im "spirituellen" Reich zu sehen und so böse Geister zu besiegen. Das alles ist im Kern nichts anderes als Anthroposophie und Homöopathie.

  4. und Sie sind sich also sicher, dass noch niemand versucht hat diese Krankheit mit Hilfe von Homöopathie zu heilen und man könne deshalb davon sprechen, dass Homöopathie gar nicht angetreten sei?

    Das halte ich für eine besondere intellektuelle Leistung.

    Ich persönlich finde es eine beeindruckende Leistung, wie hier ein als unheilbar betiteltes Leiden geheilt wurde, inwiefern der Geheilte Verantwortungsbewusstsein zeigt, sei dahingestellt.

    Dennoch halte ich es nicht für die endgültige Lösung jedem Menschen ein defektes CCR5-Gen einzubauen. Denn auch dieses Gen wird im funktionsfähigen Zustandfür irgendetwas zu gebrauchen sein. Man sollte also keine schwachstelle für andere Krankheiten öffnen.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service