Er ist einverstanden.« Eckhard Thiel legt den Hörer auf und schaut hoch: »Kein Name, keine Fotos«, sagt der Arzt. »Er kommt jetzt runter.«

Thiels bestgehüteter Patient ist an diesem Nachmittag ins Benjamin-Franklin-Klinikum der Charité gekommen. Zu einer Nachuntersuchung. Eigentlich ist er längst wieder gesund. Aber das ist so unglaublich, dass seine Ärzte es selbst kaum fassen können und sich immer wieder von ihrem Erfolg überzeugen wollen.

Als die Tür zu Thiels Büro aufschwingt, tritt ein Mann in Jeans, weißem T-Shirt und Turnschuhen ins Zimmer. Er könnte Mitte dreißig sein. Dunkelhaarig, etwas spitze Nase, groß und sehr schmal, mit auffallend dünnen Armen. Er wirkt auf seltsam gebrochene Weise jugendlich, wie ein flügger Vogel mit verletzten Flügeln. Sein Gang ist schleppend, unsicher. Als er sich auf das braune Ledersofa im Büro seines Doktors hockt, sieht er verloren aus auf dem riesigen Möbel und dennoch voller Selbstbewusstsein. Tatsächlich ist der Mann 44 Jahre alt. Dass man ihm sein Alter nicht ansieht, ist umso erstaunlicher, wenn man weiß, was er durchgestanden hat. Thiels Patient ist Amerikaner. Wir werden ihn einfach Neil nennen.

Vor 18 Monaten wurde Neil von der Boulevardpresse regelrecht gejagt und musste gegen die Öffentlichkeit streng abgeschirmt werden. Zeitweise lebte er außerhalb Berlins in einer geheimen Wohnung. Sein Arzt erzählt: Um an Neils Identität zu kommen, hätten Reporter sogar versucht, Pfleger der Klinik zum Reden zu bringen, Schwestern zu bezirzen. 

Neil blieb ein Phantom. Doch über seinen Fall berichteten die Medien in aller Welt : Neil ist, soweit bekannt, der erste und einzige Mensch, der von dem Aids-Virus HIV geheilt wurde. Seit mehr als drei Jahren schluckt er keine Medikamente mehr gegen den tückischen Erreger, trotzdem ist das Virus aus seinem Körper verschwunden. Und nach menschlichem Ermessen wird HIV ihn auch nie wieder befallen können.

Doch seine Heilung war ein Drama. »Man kann dabei sterben«, sagt Neil lakonisch. »Nur wegen meiner Infektion hätte ich dieser Therapie bestimmt nicht zugestimmt.« Die Behandlung hat Spuren hinterlassen. Neil spricht gut Deutsch, aber er redet langsam, stockt ab und zu, schweigt sekundenlang. Schon will das Gegenüber etwas erwidern, aber da bringt Neil den begonnenen Satz doch noch zu Ende.

Zweimal ist er dem Tod von der Schippe gesprungen. Zwei der schlimmsten Geißeln, die die moderne Medizin kennt, trafen ihn. Neil war viele Jahre lang HIV-positiv. Dann erkrankte er außerdem an Krebs. Und wie es heute aussieht, war sein doppeltes Unglück gerade der Grund dafür, dass er jetzt mehr oder weniger gesund ist. Neil ist bislang ein krasser Einzelfall. Doch seine Geschichte hält Lehren für die Medizin bereit. Sein Schicksal wird in die Lehrbücher eingehen.