Martenstein "Ich bin ein Kriegsopfer. Noch 65 Jahre nach Kriegsende bin ich traumatisiert!"
Harald Martenstein denkt darüber nach, warum er Colaflaschen immer bis zum letzten Tropfen leeren muss
Ich mache den Kühlschrank auf. Im Kühlschrank liegen Colaflaschen und Ginger-Ale-Flaschen, grüner Tee, Orangina, die meisten dieser Flaschen sind halb leer oder fast leer. Die liegen da schon seit Tagen! Zuerst ist eine halb leere oder angebrochene Colaflasche vorhanden. Ganz normal. Dann kommt jemand, öffnet eine neue Flasche, statt die alte leer zu trinken, legt die zweite halb leere Flasche neben die erste halb leere Flasche, dann aber, wieder ein oder zwei Tage später, kommt eine dritte halb leere Flasche dazu. Das stört mich. Nicht ich habe diese Flaschen halb leer getrunken und, offenbar zur ewigen Ruhe, in den Kühlschrank gelegt, nein, andere haben es getan.
Was mich betrifft, ich trinke meine Weinflaschen immer bis zum letzten Tropfen aus, auch Saft, auch Milch. Wenn in der Milchtüte ein einziger Hundertstelliter Flüssigkeit übrig ist, dann stelle ich diese Tüte wieder in den Kühlschrank, nur sie allein, hole beim nächsten Mal die Tüte wieder heraus und verwende den Hundertstelliter. Im Grunde brauchte ich dazu eine Pipette. Das ist wahrscheinlich auch krank, oder skurril, aber es ist eben meine eigene, ganz spezielle Form des Irrsinns. Den eigenen Irrsinn findet man halt einleuchtender als den Irrsinn von anderen.
Man müsste alle Flaschen dieser Erde innerhalb eines kurzen Zeitraumes restlos austrinken. Nehmen. Leer trinken. Neu kaufen. Einnahme, Ausgabe. Yin und Yang. Eine gesunde Balance. A perfect world, ohne Staatsverschuldung, ohne Bankenkrise. Wenn es schon im Kühlschrank nicht klappt, wo denn dann? Bei mir hängt es mit dem Krieg und der Nachkriegszeit zusammen.
Ich bin in einem Kriegsteilnehmerhaushalt aufgewachsen, kein Essen wegwerfen, immer schön aufessen. Das habe ich verinnerlicht. Ich bin ein Kriegsopfer, mit meiner Zwangsneurose. Noch 65 Jahre nach Kriegsende bin ich traumatisiert!
Mir ist klar, dass man halb leere, oder meinetwegen halb volle, Colaflaschen nicht in die Dritte Welt schicken kann, um den Welthunger oder in diesem Fall wohl eher den Weltdurst zu bekämpfen. Gewiss, in Bangladesch wären sie sicher oft froh, wenn sie eine halb volle Cola hätten, auch wenn sie dort natürlich zu warm ist. Aber die Dinge sind komplizierter. Indem der Colaverbrauch in diesem Haushalt hier künstlich in die Höhe getrieben wird, fördert man vielleicht die Konjunktur und sichert Arbeitsplätze.
Womöglich halten wir, nur wir, eine ganze Familie von bolivianischen Cocabauern am Leben, cocapadre, cocamadre y los cocahijos, nur durch das, nach ein oder zwei Wochen, Wegschütten von abgestandener Cola. Während ich durch das sorgfältige, zeitnahe Austrinken jeder einzelnen Weinflasche die deutsche Weinwirtschaft an den Rand des Ruins treibe. Andere Kolumnisten schütten immer die halbe Flasche weg. Seit Jahren predige ich doch: Moralisch richtiges und moralisch falsches Verhalten sind nicht so leicht auseinanderzuhalten, wie naive Geister es sich vorstellen. Oft ist das scheinbar Richtige genau das Falsche.
Dann widerspreche ich mir eben. Seit Jahren sitze ich regelmäßig in der Küche und trinke abgestandene Cola, in der kein einziges Bläschen Kohlensäure überlebt hat, esse trockene Brötchen, die mein Sohn beim Frühstück, als sie frisch waren, verschmäht hat, bestreiche sie mit Butter, deren Verfallsdatum weit überschritten ist, belege sie mit Wurst, deren braune Ränder sich bereits krümmen, schädige die Konjunktur, obwohl ich ansonsten nicht supergeizig bin, aber es geht nicht anders. Der Hunger. Der Krieg. Winter 1946/47! Adolf Hitler ist es gewesen.
Zu hören unter www.zeit.de/audio
- Datum 16.07.2010 - 06:36 Uhr
- Serie Martenstein
- Quelle ZEITmagazin, 15.07.2010 Nr. 29
- Kommentare 15
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Sie sind wirklich ein armer Mensch. Ich leide mit Ihnen, Herr Martenstein.
Der Nachwuchs neigt offensichtlich in allen Familien dazu, ständig neue Flaschen zu öffnen, bei Hüttenkäse oder Joghurt nicht aufs Verfallsdatum zu achten und immer die neuen Produkte zu öffnen usw. usw.
Hier haben Sie mein tiefempfundenes Mitgefühl! Immerhin gehts mir nicht anders! Wobei ich - moralisch sicher verwerflich - abgelaufenes entsorge. Ich bin doch kein Mülleimer! (Geht total gegen meine Nachkriegs-Erziehung - "Alles wird aufgegessen, nichts wegwerfen!"
Auf die Nerven gehen Sie mir jedoch mit Ihrer, sicherlich ironisch gemeinten, Feststellung, Sie seien ein Kriegsopfer und traumatisiert! Dies stellen Sie ja auch als Überschrift Ihres Artikels fest.
Nach den jüngsten Berichten über die traumatisierten Jungs, die aus Afghanistan zurückkommen, völlig wesensverändert sind, mit ihrem Leben nicht mehr klar kommen und von unserem Staat im Stich gelassen werden und deshalb völlig verzweifelt sind....
Tja, diese Jungs müssen sich doch beim Lesen Ihrer "Glosse" (Hihi, ich bin ein Kriegsopfer...) total veralbert fühlen.
Das ist noch ein schwaches Wort dafür, was ich eigentlich schreiben möchte!
Ich bin wohlgemerkt gegen den Einsatz unseres Militärs in Afghanistan, aber das haben die 25-30-jährigen Veteranen nicht verdient, weder die Behandlung durch die BW noch Ihren Artikel.
happy loser
Aber interessant wird es, wenn die Wohlstandsopfer - wie ich - ihren eigenen Haushalt haben. Was habe ich schon für altes Brot gegessen, weil ich zu faul war, noch zum Aldi zu laufen! Es rächt sich alles.
Ich finde die Glosse witzig, man muss das Wort "Kriegsopfer" nicht immer genau definieren, kann es gern auch mal neu denotieren. Sonst wäre keine Lyrik denkbar. Außerdem ist es doch oft so, dass man dem unausweichlichen Irrsinn des Lebens nur noch mit Humor begegnen kann.
Mein Vater ist noch im Krieg geboren und ich eher spät. Von meinem ersten Gehalt nach dem Studium legte ich einen Notvorrat (Wasser, Lebensmittel, Seife, Kerzen Campingkocher und Ofen) an. Die Lebensmittel reichen für mich und meine Freundin mindestens drei Wochen.
Noch Fragen?
Aus als 66er Jahrgang kein "echtes" Kriegsopfer, fühle ich mich dem Trauma meiner Eltern und Großeltern tief verbunden. Ich könnte heulen, wenn ich sehe, was bei uns an Lebensmitteln in den Müll wandert.
Aus als 66er Jahrgang kein "echtes" Kriegsopfer, fühle ich mich dem Trauma meiner Eltern und Großeltern tief verbunden. Ich könnte heulen, wenn ich sehe, was bei uns an Lebensmitteln in den Müll wandert.
Sie tun mir wirklich leid! Wie ekelig, das abgestande Zeug zu konsumieren. Testen Sie doch mal was passiert, wenn Sie eine halbe Flasche oder ein altes Brötchen wegschmeissen.
...wahrscheinlich wird sich dann ein gewisses Schuldgefühl einstellen-welches Sie bislang durch den Konsumzwang zu vermeiden suchten.Mit Schuldgefühlen ist man übrigens in der deutschen Geschichte, speziell nach dem 2. Weltkrieg...recht sparsam umgegangen.
Auch das täte nun unserer Gesellschaft gut, Leute, die endlich darüber schreiben.
Einerseits kenne ich die Neigung, nichts Eßbares wegzuwerfen, andererseits fürchte ich mich vor Nahrung, in denen bereits Verderbnis lauert.
Kläglicher Kompromiß: Ältliche Nahrungsmittel so lange aufheben, bis man sie *wirklich* nicht mehr essen kann...
Tip: Brot zu diesem Zwecke trocken lagern, damit es nicht verschimmelt:)
..von Martenstein etwas steigern, wenn er nur vierzehntäglich statt wöchentlich Kommentare abliefern muss?
Liebe Kritiker,
Ihre Meinung in allen Ehren, aber mal ehrlich, dürfen wir eigentlich überhaupt noch lachen, solange jeden Tag Menschen in Afrika verhungern oder in Deutschland in überhitzten ICEs in Lebensgefahr gebracht werden?
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