Ole von Beust Ich will hier raus

Noch ein Rücktritt? Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust sucht nach dem richtigen Weg, um aus dem Amt zu scheiden

Der Abschied steht Ole von Beust deutlich vor Augen. Am Ende eines langen Gesprächs, das von den vergangenen neun Jahren handelte, davon, wie er sich verändert hat, was er von den Eliten seiner Stadt hält, warum er linker und grüner geworden ist und vor allem, warum er sich für eine Schulreform schlägt, die viele seiner Wähler in Hamburg als einen persönlichen Affront empfinden, am Ende also erzählt Ole von Beust von seinem Vater.

Mehr als 20 Jahre lang war Achim-Helge Freiherr von Beust Bezirksbürgermeister im Hamburger Stadtteil Wandsbek. Ein leidenschaftlicher Kommunalpolitiker, der sich auch nach vielen Jahren noch für jeden Bebauungsplan begeistern konnte. Aber als er pensioniert wurde, war es von einem auf den anderen Tag vorbei. Er kaufte sich ein Wohnmobil, reiste durch Europa, lehnte jedes Ehrenamt ab und hat das Bezirksamt, dem er 20 Jahre lang vorstand, fortan nicht mehr betreten. Alles hat seine Zeit.

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Das war das Vorbild, das sein Vater ihm gab. Der Vater, der vor ein paar Jahren starb, fast 90 Jahre alt, und an den Ole von Beust nun denken muss, als man ihn fragt, wie er sich seinen Abschied aus der Politik vorstelle. Das Gespräch liegt ein paar Wochen zurück. Aber warum lässt sich Ole von Beust überhaupt ein auf solche Gedankenspiele? Verliert da gerade nach Koch und Köhler der nächste CDU-Mann die Lust – oder die Nerven?

»Der Reichtum wird heute erbarmungslos gezeigt«, sagt von Beust

In Hamburg ist in den vergangenen Monaten eine kuriose Situation entstanden. Die Stadt diskutiert offen über den angeblich bevorstehenden Rücktritt des Bürgermeisters, immer neue Termine werden erwogen und wieder verworfen, die Nachfolger stehen bereit, und der Betroffene selbst gibt sich wenig Mühe, den Spekulationen ein Ende zu setzen. Stattdessen erzählt er vom Wohnmobil seines Vaters und erklärt lässig, er wolle sich »jetzt nicht festlegen, wann ich über meine Zukunft entscheide«. Dabei ficht derselbe Ole von Beust gerade einen großen politischen Kampf: Am kommenden Sonntag stimmen die Hamburger in einem Volksentscheid über die Schulreform des schwarz-grünen Senats ab. Sechs Jahre sollen die Schüler gemeinsam lernen – für kein anderes Projekt hat von Beust in seiner fast neunjährigen Amtszeit so sehr gestritten wie für dieses.

Und so kann man in der Hansestadt derzeit zwei Dinge beobachten: die erstaunlichen Wandlungen des populären Christdemokraten Ole von Beust – und die offene Suche eines Spitzenpolitikers nach dem richtigen Abgang.

Hamburg-Altona, an einem heißen Nachmittag im Juni. Die türkische Tageszeitung Zaman , die auch in Deutschland erscheint, hat zu einer Diskussion über die Schulreform eingeladen. Die türkischen Gastgeber begrüßen von Beust wie einen alten Bekannten. »Unser Bürgermeister« sagen sie. Von Beust revanchiert sich mit dem Hinweis, er sei zwar nur von Deutschen gewählt worden, »aber ich bin nicht der Bürgermeister aller Deutschen. Ich bin der Bürgermeister dieser Stadt. Mein Job ist es, dafür zu sorgen, dass alle eine Chance haben.«

Er erzählt von seiner eigenen Schulzeit, die 1960 begann. 35 Kinder waren in der Klasse, kein Migrant, die Eltern haben sich um ihre Kinder gekümmert. »Und wie sieht es heute aus?« Die Familienstrukturen hätten sich verändert, die Zahl der Alleinerziehenden sei gewachsen, viele Kinder sprächen zu Hause kaum Deutsch. Hinzu kämen Arbeitslosigkeit, Billigjobs, Hartz IV: »Ich beobachte, dass die Zentrifugalkräfte dieser Gesellschaft immer stärker werden«, sagt von Beust. Integration sei daher eine Aufgabe, die längst nicht nur Migranten betreffe.

Leser-Kommentare
  1. jeden morgen öffne ich die zeitung, in der hoffnung, dass es endlich heisst:

    merkel tritt zurück!

    was für ein schöner tag wird das sein! vielleicht ist ja nach koch v.boist ein weiterer meilenstein der cdu rücktritte auf das lang ersehnte ende dieser unglaublich unfähigen regierung hin. ich würde es mir und dem land sehr wünschen!

  2. ...will nicht länger Gallionsfigur einer golduhrenbehängten, alstervillenversorgten, elbeyachtenbestückten S-Klasse-Elite sein. Verliert er den "Klassenkampf" am Wochenende für die Benachteiligten werden die Pfeffersäcke ihn verlieren. Der "Klassenkampf" in Hamburg: Ein Startschuß für Deutschland?

    • hirmer
    • 17.07.2010 um 10:13 Uhr

    Die Elite braucht den Staat (fast) nicht. Die Reichen brauchen keine gesetzliche Krankenversicherung, keine Rentenversicherung, keine Arbeitsagentur, kein Sozialamt und keine öffentlichen Schulen und Universitäten. Und sie benehmen sich inzwischen entsprechend.

    Wer es schafft diese Schicht zu integrieren hat wahrlich den Friedesnobelpreis verdient!

    Harald Artur Irmer

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    • M.M.
    • 17.07.2010 um 11:20 Uhr

    Diese Schicht, abgehoben in ihrem Selbstbild und Selbstverständnis, ist nicht zu integrieren.

    • M.M.
    • 17.07.2010 um 11:20 Uhr

    Diese Schicht, abgehoben in ihrem Selbstbild und Selbstverständnis, ist nicht zu integrieren.

    • SusaS
    • 17.07.2010 um 10:34 Uhr

    ... wirds nunmal grundsätzlich härter im politischen Leben. Ole von Beust merkt dass dann eben jetzt erst. Ein glaubwürdiger, echter Kerl dieser von Beust. Schade, dass er nicht mehr mag...

    Eine Leser-Empfehlung
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    Die Hundertausenden von Bürgern, die bereit sind, gegen die sogenannte "Reform" zu stimmen und dabei mehr Leute auf die Waage bringen, als die Befürworter, sind wohl kaum alles "Bonzen mit dicken Autos und Uhren". Dann wäre Hamburg wirklich eine sehr reiche Stadt.^^

    Die Reform wird hauptsächlich die Normalbürger treffen, die auf funktionierend staatliche Gymnasien angewiesen sind, während der von von Besut an die Wand gemalte Klischeegegner seine Kinder einfach nur auf die Privatschule schicken wird, bezahlt aus der Portokasse.

    Und davon will von Beust mit solchen Sprüchen ablenken. Was noch besonders witzig ist, weil ich ihn selber in der Nähe einer solchen Schickeria sehe, die er beschreibt. Schade nur, dass doch so viele darauf hereinfallen.

    [Wegen Doppelpostings entfernt. /Die Redaktion pt.]

    ...und dazu kostet es auch nur wenig: Nur den geschlossenen Gang der Benachteiligten in die Wahlkabine. Die aber bleiben lieber Wahlen fern und wundern sich danach über die Beschneidung ihrer Interessen.

    • SusaS
    • 17.07.2010 um 20:48 Uhr

    "Die Reform wird hauptsächlich die Normalbürger treffen, die auf funktionierend staatliche Gymnasien angewiesen sind, während der von von Besut an die Wand gemalte Klischeegegner seine Kinder einfach nur auf die Privatschule schicken wird, bezahlt aus der Portokasse."

    Ähm... wie war das mit den Klischees? :)

    Ach Leuts, bitte verschafft euch doch mal einen Überblick, schaut über den Tellerrand. Länder, wie Niederlande und Großbritannien, alle mit hoher Einwandererquote und genügend Problemvierteln in den Städten und überhaupt so gut wie ALLE sonstigen Länder haben Schulen, wo die Kinder länger zusammen lernen. Bei einigen der PISA-Oberen sind es soger 9 Jahre und länger! Meinen Herren, was der Bauer nicht kennt, mag er nicht essen und scheint er zu fürchten... auch wenns in der gesamten restlichen Welt funktioniert und erprobt ist...

    Nur wenn die Wohlhabenderen in den sozialen Systemen verbleiben müssen, die für die breite Masse da sind: Schul-, Gesundheits-, Rentensystem... werden mächtige Interessen immer dafür sorgen, dass es irgendwie "gut" läuft. Da vertraue man ganz auf das Eigeninteresse der jetzt Protestierenden. Ich hoffe sehr, die Hamburger führen ein richtungsweisendes Schulsystem ein, GENAU so wie es von Beust und die Grünen geplant haben. In 10 Jahren wären sie froh es getan zu haben...

    Die Hundertausenden von Bürgern, die bereit sind, gegen die sogenannte "Reform" zu stimmen und dabei mehr Leute auf die Waage bringen, als die Befürworter, sind wohl kaum alles "Bonzen mit dicken Autos und Uhren". Dann wäre Hamburg wirklich eine sehr reiche Stadt.^^

    Die Reform wird hauptsächlich die Normalbürger treffen, die auf funktionierend staatliche Gymnasien angewiesen sind, während der von von Besut an die Wand gemalte Klischeegegner seine Kinder einfach nur auf die Privatschule schicken wird, bezahlt aus der Portokasse.

    Und davon will von Beust mit solchen Sprüchen ablenken. Was noch besonders witzig ist, weil ich ihn selber in der Nähe einer solchen Schickeria sehe, die er beschreibt. Schade nur, dass doch so viele darauf hereinfallen.

    [Wegen Doppelpostings entfernt. /Die Redaktion pt.]

    ...und dazu kostet es auch nur wenig: Nur den geschlossenen Gang der Benachteiligten in die Wahlkabine. Die aber bleiben lieber Wahlen fern und wundern sich danach über die Beschneidung ihrer Interessen.

    • SusaS
    • 17.07.2010 um 20:48 Uhr

    "Die Reform wird hauptsächlich die Normalbürger treffen, die auf funktionierend staatliche Gymnasien angewiesen sind, während der von von Besut an die Wand gemalte Klischeegegner seine Kinder einfach nur auf die Privatschule schicken wird, bezahlt aus der Portokasse."

    Ähm... wie war das mit den Klischees? :)

    Ach Leuts, bitte verschafft euch doch mal einen Überblick, schaut über den Tellerrand. Länder, wie Niederlande und Großbritannien, alle mit hoher Einwandererquote und genügend Problemvierteln in den Städten und überhaupt so gut wie ALLE sonstigen Länder haben Schulen, wo die Kinder länger zusammen lernen. Bei einigen der PISA-Oberen sind es soger 9 Jahre und länger! Meinen Herren, was der Bauer nicht kennt, mag er nicht essen und scheint er zu fürchten... auch wenns in der gesamten restlichen Welt funktioniert und erprobt ist...

    Nur wenn die Wohlhabenderen in den sozialen Systemen verbleiben müssen, die für die breite Masse da sind: Schul-, Gesundheits-, Rentensystem... werden mächtige Interessen immer dafür sorgen, dass es irgendwie "gut" läuft. Da vertraue man ganz auf das Eigeninteresse der jetzt Protestierenden. Ich hoffe sehr, die Hamburger führen ein richtungsweisendes Schulsystem ein, GENAU so wie es von Beust und die Grünen geplant haben. In 10 Jahren wären sie froh es getan zu haben...

  3. Ole von Beust ist nicht der einzige. Karlheinz Weimar (CDU), Finanzminister von Hessen tritt ebenfalls nach 11 Jahren von seinem Amt zurück. Damit verlässt er gleichzeitig wie Roland Koch, zu dessen engem Kreis er gezählt wird, das Amt am 31.8.2010.

    Vermutlich reichte ein kurzer Blick auf den riesigen Schuldenberg, um das Amt nun fluchtartig verlassen zu wollen. Vielleicht merkst ja keiner.

    Der nächste, bitte.

    • Kiat
    • 17.07.2010 um 10:43 Uhr

    Meines Wissens hat Ole von Beust seinen Rücktritt bisher nie angekündigt. Im vorliegenden Artikel wird ja auch nur von "Indizien" gesprochen? Es ist ja nicht nur die ZEIT, die seit Wochen seinen Rücktritt herbeiredet resp. schreibt.
    Verständlich ist es aus Sicht der CDU schon, dass sie Ole von Beust weghaben möchte, je früher, desto lieber. Einen CDU-Mann, der den Eliten vorwirft, dass sie mit ihrem Reichtum protzen und der jetzt dafür ist, dass die Eliten-Kinder zwei Jahre länger mit den Pöbelkindern im gleichen Klassenzimmer sitzen müssen, kann die Elite nicht brauchen. Also wird von Beust "weichgekocht", bis er wirklich selbst geht. Dass sich renommierte Medien dafür hergeben, ist sehr bedauerlich.

  4. Soll hier Einfluss auf den Volksentscheid genommen werden? Stimmt ihr gegen mich, dann gehe ich.

    Zum ersten ist ein verlorener Volksentscheid kein Rücktrittsgrund. Sonst hätte auch Hr. Seehofer dieses Jahr nach dem verlorenen Volksentscheid zum Nichtraucherschutz in Bayern schon zurücktreten müssen.
    Wenn in dieser Ankündigung des Hrn. von Beust ein Stück Erpressung bezüglich des Volksentscheides liegen sollte, dann wäre das wahrhaft undemokratisch. Sachfragen mit Vertrauensfragen zu verbinden, ist zwar erlaubt, aber absolut kein guter Stil.
    Manche Politiker meinen, wenn man sie wählt, dann stimmt man 100% mit ihnen überein. Dem ist nicht so. Leider hat der Wähler nur die Wahl des kleinsten Übels. In Einzelfragen kann sich die Mehrheit deshalb gegen den mit Mehrheit gewählten Politiker wenden.

  5. []entfernt. Bitte verzichten Sie auf persoenliche Angriffe bemuehen Sie sich um eine sachliche Ausdrucksweise und um eine konstruktive Argumentation. Danke. Die Redaktion/ew]

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