Risikogesellschaft Wir sind keine Zocker

Wie der Staat den Menschen Mut machen kann, sich in unsicheren Zeiten zu behaupten

Als Jürgen Habermas 1985 von der »Neuen Unübersichtlichkeit« schrieb, ging es ihm um die steigende Komplexität der Gesellschaft und die Schwierigkeiten, diese gestaltend zu ordnen. Jetzt, ein Viertel Jahrhundert später, erscheint uns die alte Bundesrepublik – vor Tschernobyl, noch nicht vereint, vor 9/11, vor den neuen Kriegen, ohne Wirtschafts- und Finanzkrise – wie ein Idyll. Heute kennen wir die Steigerungsformen der damals diagnostizierten Unübersichtlichkeit. Ein Mehr an Verunsicherung, ein Mehr an Statusangst, ein Mehr an düsteren Zukunftsszenarien. Wenig wissen wir darüber, wie die Transformation von einer zukunftsgewissen zu einer zukunftsungewissen Gesellschaft verläuft.

Die Bundesrepublik, wie andere westliche Gesellschaften auch, galt seit den fünfziger und sechziger Jahren als Gesellschaft großer Wohlstands- und Sicherheitsgewinne. Immer weitere Teile der Bevölkerung erhielten Zugang zu Wohlstand und Bildungschancen. Zudem knüpfte der fürsorgende Staat ein dichtes Sicherungsnetz. Damit wurde nicht nur objektive Sicherheit produziert, sondern auch subjektive. Verlässlichkeit, Erwartbarkeit, Kontinuität waren die kulturellen Insignien dieser Zeit. Langfristig stabile materielle und politische Verhältnisse sorgten für Statussicherheit. Für die Bürger war damit eine grundlegende Sicherheit des sozialen Orientierungsrahmens gegeben, und die Unsicherheitstoleranz schrumpfte.

Anzeige
Der Autor

Steffen Mau ist Professor für  politische Soziologie an der Universität Bremen. Zuletzt erschien von ihm gemeinsam mit Roland Verwiebe das Buch »Die Sozialstruktur Europas«

Spätestens mit Beginn der neunziger Jahre haben sich die Zeiten geändert: Das einstige »Wohlstandswunderland« existiert nicht mehr. Mit der allgemeinen Anhebung des Lebensstandards und sich ausweitender Inklusion ist es vorbei. Dafür stehen Entwicklungen wie die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes, die Veränderungen der Familienstrukturen, die Reorganisation des Wohlfahrtsstaates und die Öffnung nationaler Märkte. Sie sind die Ursachen für abnehmende Lebensqualität, eine wachsende Wohlstandspolarisierung und größere soziale Verwundbarkeit. Erst kürzlich hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) eine Studie vorgelegt, welche die sich öffnende Schere der Ungleichheit und das Schrumpfen der Mittelschicht belegt. Die Gesellschaft wird danach mehr und mehr zur geneigten Ebene, auf der man zwar nach oben wandern, aber auch ohne Halt nach unten schlittern kann.

Schon heute können wir ein nicht gekanntes Ausmaß an Verunsicherung und Zukunftsängsten konstatieren. Mit einer weniger »sicheren« Zukunft stellen sich verschärft Fragen von Planungs- und Handlungssicherheit. Wie gehen Menschen damit um, wenn sie an das Versprechen von Sicherheit gewöhnt sind? Welche Brandmauern bauen sie, um neue Sicherheitsgarantien zu gewinnen? Gibt es Spieler, Hasardeure, die das Risiko als Chance begreifen? Wo regieren Schockstarre und Resignation, wo Fatalismus, wo Widerstand? Sind Chaosqualifikation und Improvisationsvermögen die neuen Leitsterne erfolgreicher Selbstbehauptung? Und wo gibt es ein Erlernen neuer Formen der Risikobewältigung?

Die deutsche Wiedervereinigung ist ein Lehrstück für ein solches Verunsicherungsbeben. Je nach Ressourcen, mentaler Lagerung und Generationenzugehörigkeit gab es Gewinner und Verlierer des Zusammenbruchs der DDR. Es gab viele, die zwar zurechtkamen, aber nur mit hohen sozialen Kosten. Und es gab dramatische soziale Folgen wie eine »demografische Revolution« mit einer halbierten Geburtenrate, Scheidungen, Abwanderung en masse, berufliche Deklassierungen, Verödung peripherer Regionen. Heute steht wieder die Frage an, wie die Gegenwart durch das unsichere Zukünftige bestimmt wird: Führt die Wahrnehmung erhöhter Arbeitsmarktrisiken dazu, dass Paare ihren Kinderwunsch aufschieben oder ganz aufgeben? Gibt es im Kontext sozialpolitischer Sparpolitik neue Strategien der Eigenvorsorge, eine Privatisierung des Risikos? Sind düstere Zukunftsaussichten Auslöser für regionale Mobilität? Wie beeinflussen unsichere Bildungsrenditen individuelle Bildungsentscheidungen? Wo bleiben die, deren Risiken nicht mehr kollektivierbar erscheinen und die es allein nicht schaffen?

Leser-Kommentare
  1. 1988-1990 Military service at the Nationale Volksarmee (radio operator)
    1975-1985 35. Polytechnical secondary school in Rostock

    Gut, wenn einem das Gefühl nicht täuscht.

  2. Wort- und Vertragsbrüche sind schon lange der Normalfall. Worauf kann man sich denn noch verlassen?
    Auf konkrete Menschen, allerdings.
    Wahrscheinlich auch auf die gute alte Weisheit, die sagt: Lügner widersprechen sich irgendwann selbst.

  3. Hey, wo gibt's das Programm, das solche holzgeschnitzen Textbausteine fabriziert? Ist es Open Source? Ich will's doch sehr hoffen, denn Geld würde ich nicht dafür ausgeben.

  4. Bemühen Sie sich bitte um sachlicher Kommentare. Die Redaktion / mh

  5. Ich glaube, ein wichtiger Punkt ist, daß Menschen selber aktiv werden. Man kann nicht die ganze Zeit sich über "die da oben" aufregen und das eigene Verhalten nicht ändern.

    Die Zockerei, der Einfluß der Banken auf die Politik und die Gehälter der Führungskräfte irriteren viele Menschen, aber kaum jemand wechselt das Konto, verzichtet auf Konsumkredite oder reflektiert das eigene Kaufverhalten. Viele Ärgern sich über Streß, lassen sich aber über Maß stressen. Manch einer findet, die Besuchskultur und damit die sozialen Kontakte weniger werden. Schon mal etwas von einladen gehört? Viele finden Geiz ist geil schrecklich, und kaufen bei Mediamarkt oder Lidl ein.

    Und wenn das Land geistig ärmer, sozial kälter, die Politik schlechter wird, sind immer alle anderen Schuld und der einzelne kann da sowieso nichts machen.

    Ich glaube, die Menschen müssen vorallem wieder lernen, die Verantwortung für sich und ihr Umfeld stärker wieder selbst in die Hand zu nehmen. Das funktioniert in manchen Gemeinden/Stadtteilen ganz ausgezeichnet. Viele Initiativen im Bereich Kultur, Gründung von Kindergärten oder freie Wählergemeinschften zeigen Erfolge.

    Abgeleitet von Kennedy sollte jeder überlegen, wie er zum Wohle seines Umfeldes (ich verzichte hier bewußt auf Staat, Heimat oder Gesellschaft) beitragen kann, und wenn es nur kleine Gesten sind. Nicht das Individuum alleine, aber viele Individuen zusammen haben die Macht, sehr viel zu bewegen. Das Netz ist offen für viele Initiativen.

  6. die erdebevölkerung nimmt zu. die klimaerwärmung wird nicht aufgehalten. weiterhin hohe arbeitslosigkeit. luft, wasser, nahrung und lebensraum werden kostbarer. die menschheit rüstet auf, deutschland ist drittgrösster waffenproduzent weltweit. die zwei-klassengesellschaft wird immer mehr realität.
    eine berufsarmee steht aktuell zur debatte...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    @Wunderlampe. Aufgrund der demographischen Entwicklung, (es sind nicht genug junge Männer da, die man verheizen kann) glaube ich, daß dieser Kelch wird an Deutschland vorbeigehen wird. Daß der Friedensnobelpreisträger den Iran angreift, steht außer Frage...

    Anderes oder @7
    Ein großes Problem sehe ich in der Angst vieler Menschen vor der Zukunft. Die meisten Probleme in Deutschland lassen sich lösen. Das gilt für den demographischen Wandel, genauso wie für die Finanzierung der Sozialkassen und für die Verteilung und Entlohnung von Arbeit. Wenn ich da bin, habe ich vielfach das Gefühl, die Menschen warten nur passiv ab oder starren wie das Kaninchen auf die Schlange.
    Vorschläge die Lage zu ändern werden oft zerredet.

    Wären diejenigen, welche keine keine Hoffnung haben, alles Silverager ohne Kinder oder Neffen und Nichten, verstünde ich das. Aber Eltern und Großeltern sollten ein ureigenes Interesse haben, daß ihre Kinder und Enkel eine faire Chance bekommen und die Zukunft selbst in die Hand nehmen.

    @Wunderlampe. Aufgrund der demographischen Entwicklung, (es sind nicht genug junge Männer da, die man verheizen kann) glaube ich, daß dieser Kelch wird an Deutschland vorbeigehen wird. Daß der Friedensnobelpreisträger den Iran angreift, steht außer Frage...

    Anderes oder @7
    Ein großes Problem sehe ich in der Angst vieler Menschen vor der Zukunft. Die meisten Probleme in Deutschland lassen sich lösen. Das gilt für den demographischen Wandel, genauso wie für die Finanzierung der Sozialkassen und für die Verteilung und Entlohnung von Arbeit. Wenn ich da bin, habe ich vielfach das Gefühl, die Menschen warten nur passiv ab oder starren wie das Kaninchen auf die Schlange.
    Vorschläge die Lage zu ändern werden oft zerredet.

    Wären diejenigen, welche keine keine Hoffnung haben, alles Silverager ohne Kinder oder Neffen und Nichten, verstünde ich das. Aber Eltern und Großeltern sollten ein ureigenes Interesse haben, daß ihre Kinder und Enkel eine faire Chance bekommen und die Zukunft selbst in die Hand nehmen.

  7. "Eine verunsicherte Gesellschaft entscheidet über ihre Zukunft und Gegenwart zugleich."

    Gerade kommt mir Leyen und Maizière in den Sinn. Zusammengenommen mit Guttenberg kommen mir da grausige, fieberhafte Phantasteien.

    Blickt "unsere" Gesellschaft überhaupt noch noch vorne? Oder doch "lieber nur" weniger als 65 Jahre nach hinten?

  8. @Wunderlampe. Aufgrund der demographischen Entwicklung, (es sind nicht genug junge Männer da, die man verheizen kann) glaube ich, daß dieser Kelch wird an Deutschland vorbeigehen wird. Daß der Friedensnobelpreisträger den Iran angreift, steht außer Frage...

    Anderes oder @7
    Ein großes Problem sehe ich in der Angst vieler Menschen vor der Zukunft. Die meisten Probleme in Deutschland lassen sich lösen. Das gilt für den demographischen Wandel, genauso wie für die Finanzierung der Sozialkassen und für die Verteilung und Entlohnung von Arbeit. Wenn ich da bin, habe ich vielfach das Gefühl, die Menschen warten nur passiv ab oder starren wie das Kaninchen auf die Schlange.
    Vorschläge die Lage zu ändern werden oft zerredet.

    Wären diejenigen, welche keine keine Hoffnung haben, alles Silverager ohne Kinder oder Neffen und Nichten, verstünde ich das. Aber Eltern und Großeltern sollten ein ureigenes Interesse haben, daß ihre Kinder und Enkel eine faire Chance bekommen und die Zukunft selbst in die Hand nehmen.

    Antwort auf "wird es krieg geben?"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service