Pro

Von Jens Jessen

Mit Wünschen ist es immer so, dass ihre Erfüllung weitere Wünsche freisetzt. Wenn der Kinderwunsch bisher unfruchtbarer Eltern sich durch eine Befruchtung im Reagenzglas erfüllen lässt, stellt sich zwangsläufig der Zusatzwunsch ein, bei der Gelegenheit auch gleich die Gefahr von Behinderungen auszuschließen. Das ist die Stunde der Präimplantationsdiagnostik (PID). Und wenn, so die entsetzten Kritiker, auf diese Weise schon das Kind mit Downsyndrom ausgeschlossen werden kann, warum nicht auch das unerwünscht weibliche oder schwarzhaarige oder minderbegabte Kind?

Indes – warum eigentlich nicht? Mag sein, es besteht die Gefahr, dass künftig im Labor nach erwünschten oder unerwünschten, vielleicht auch nur befürchteten oder erhofften Eigenschaften selektiert wird, dass also ein Rassismus neuer Art im Gewand des züchterischen Ehrgeizes auftritt. Aber ob diese Gefahr real ist, ist keine Frage der Entwicklung. Es hängt einzig und allein von dem Maß an Hybris oder Demut der zukünftigen Eltern ab. Nutzen sie die Möglichkeiten und bestellen sich ihr Wunschkind jetzt? Oder bewahren sie ein Quäntchen Demut und fügen sich in den verbleibenden Rest an Zufall und Schicksal?

Hier liegt die wahre Gefahr. Von Schicksal oder Zufall oder, altmodisch gesagt, von Gottes unerforschlichem Willen ist nämlich unter den Bedingungen der PID schon heute nicht mehr viel übrig. Wo früher Natur war, etwas Unverantwortetes und Unbeeinflussbares, in das der Mensch sich zu fügen und an dem er zu wachsen hatte, ist eine Entscheidung getreten und damit auch Verantwortung. Die bisher verzweifelten unfruchtbaren Eltern, die sich mithilfe der Medizin ein Kind ertrotzen, die ängstlichen, die sich ein gesundes aussuchen lassen, die ehrgeizigen, die dazu noch Schönheit und Begabung wollen – sie werden sich bei allem, was folgt, nicht mehr auf Natur oder Gott herausreden können, sondern an die eigene Nase fassen müssen. Aus dem einen vermiedenen Unglück kann auch neues Unglück wachsen.

Aber gleichviel. Der Mensch, dem die PID eine neue Karriere als Architekt seines und seiner Kinder Schicksal eröffnet hat, könnte vielleicht sogar eine neue Emanzipation von alten Zwängen gewinnen – wenn, ja wenn er denn in allem anderen auch so erfolgreich wäre. Es ist aber leider so, dass er nur die Natur bezwingt, nicht die Gesellschaft. Und es ist leider so, dass die menschliche Gesellschaft die größte Quelle der Unmenschlichkeiten bleibt. Der Mensch siegt im Reagenzglas, aber nicht über gewissenlose Banker, Ölproduzenten, brutale Diktatoren, noch nicht einmal über die Gewissenlosigkeiten des Alltags. Das sollte dem Menschen, der Gott ins Handwerk pfuschen will, zu denken geben: dass er nicht einmal in der Lage ist, sein eigenes Haus in Ordnung zu bringen.

Contra - Frank Drieschner

Contra

Von Frank Drieschner

Wer Gentests an Embryonen verbieten will, muss das gegenüber den Betroffenen rechtfertigen. Wer das ist? Nun, man stelle sich ein Paar vor, er ist schwer krank, sie ist gesund, es kann auch umgekehrt sein, die beiden wünschen sich ein gesundes Kind. Müssen die beiden diesen Wunsch rechtfertigen? Hoffentlich nicht.

Sie entscheiden sich, wie Tausende von anderen Paaren, für eine künstliche Befruchtung. Gibt es daran etwas auszusetzen? Wohl kaum.

Nun ist seine (oder ihre) Krankheit erblich, die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass ihr Kind betroffen sein wird. Dennoch könnte die Frau sich einen beliebigen Embryo einsetzen und den Fötus zur Not später straffrei abtreiben lassen. Das Paar entscheidet sich aber für einen anderen Weg. Sie lassen die Embryonen bereits vor der Einsetzung in die Gebärmutter testen. Was soll daran Unrecht sein?

Die Gegner der PID haben auf dieses Paar längst ein ganzes Argumentenarsenal abgefeuert, vom Naziverdacht, der noch jede bioethische Debatte in Deutschland befeuert hat, über die Diskriminierung Behinderter bis zum Vorwurf, ihren Nachwuchs genetisch optimieren zu wollen. Wer lege denn fest welche Erkrankungen eine PID rechtfertigten? Gewiss sei man dann bald bei Kleinwüchsigkeit, Augenfarbe und Geschlecht.

Der Verdacht der Selektion findet sich sogar als Minderheitenposition in einem Papier des Nationalen Ethikrats. Sei die Grenze zur Eugenik einmal überschritten, gebe es kein Halten mehr, wie die deutsche Geschichte beweise. Allerdings hat das Argument etwas an Plausibilität eingebüßt, weil die Wiederkehr des Dritten Reichs ja angeblich auch schon durch Abtreibung, In-vitro-Fertilisation und Patientenverfügungen drohte, aber erstaunlicherweise noch immer nicht eingetreten ist.

Lässt sich nicht entscheiden, was für Krankheiten »schwer« sind? Natürlich geht das, der Gesetzgeber könnte eine Liste erstellen, und wenn Gerichte und spätere Parlamente sie zu korrigieren wünschten – warum nicht?

Diskriminierung Behinderter? Ja, es ist nicht schön, sich eingestehen zu müssen, dass andere die eigene Existenz als Unglück betrachten. Und die Vorstellung ist schrecklich, dass Eltern sich vor ihren Kindern für deren Behinderungen rechtfertigen müssen. Aber kann man eine Freiheitseinschränkung wirklich mit dem Wunsch begründen, anderen unerfreuliche Fragen zu ersparen?

Und die Designerkinder schließlich, die angeblich herausselektiert werden sollen? Wenn das technisch möglich wäre, was es nicht ist – dann ließe sich darüber reden. So aber möge man das Paar, um das allein es hier gehen sollte, mit diesem Einwand verschonen.

Was bisweilen in Vergessenheit gerät: Die beiden sind Bürger, sie dürfen tun und lassen, was sie möchten, so lange es ihnen nicht mit guten Gründen verboten werden kann.