Władysław Bartoszewski »Es kann Prügel geben«
Sie saßen gemeinsam im Gefängnis und wollen nun die Wende für ihr Land: Ein Gespräch mit der polnischen Legende Władysław Bartoszewski über den neuen Präsidenten
© WOJTEK RADWANSKI/AFP/Getty Images

Polens ehemaliger Außenminister Wladyslaw Bartoszewski
DIE ZEIT: Als der konservativ-liberale Bronisław Komorowski jetzt die polnische Präsidentschaftswahl gewann, sagte der Regierungschef Donald Tusk, es sei der glücklichste Tag in seinem Leben. Wie haben Sie diesen Tag erlebt?
Władysław Bartoszewski: Mit Erleichterung. Der Gegenkandidat Jarosław Kaczyński wäre kein guter Präsident geworden. Ich war ohne Zweifel für Bronek Komorowski .
Der 88-Jährige hat Auschwitz überlebt und gegen den Kommunismus gekämpft. Acht Jahre seines Lebens saß er im Gefängnis. Zweimal war er Außenminister, zuletzt bis 2001. Heute berät er Premier Donald Tusk
ZEIT: Sie haben sich im Gefängnis kennengelernt.
Bartoszewski: Ich war mit ihm im selben Gefangenenlager inhaftiert, in dem viele andere später sehr bekannte Politiker des neuen Polens waren wie der erste Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki oder Bronisław Geremek. Im Winter 1981/82 saß ich ungefähr vier Monate gemeinsam mit Komorowski. Wir waren damals schon eng befreundet, was verwunderlich war.
ZEIT: Warum?
Bartoszewski: Ich war damals um die 60 und er im Alter meines Sohnes. Aber schon nach wenigen Wochen haben wir uns geduzt. Seitdem verstehen wir uns gut. Insofern war für mich die Wahlentscheidung von doppelter Bedeutung: Denn jemand, den ich so gut kenne, ist wie ein Familienmitglied, für den hafte ich – dass er seriös, ausgewogen, geduldig, stabil im Denken und Handeln ist.
ZEIT: Woher kam Ihr schnelles Vertrauen?
Bartoszewski: Komorowski hat Geschichte studiert. Er hat aber nie bei den Kommunisten gearbeitet, nur als Gymnasiallehrer in einer Franziskanerschule. Christlicher geht es fast nicht.
ZEIT: Das hat Sie verbunden?
Bartoszewski: Für mich war es ein Zeichen dafür, wie er sich im Leben entscheiden würde. Andererseits haben wir über die Notwendigkeit gesprochen, die Wahrheit in der Geschichte wiederherzustellen, um so die geistige Genesung der vergifteten Generationen einzuleiten. Er hat damals schon erkannt, dass man die Leute ausbilden, umerziehen muss. Sie sollten wissen, dass weder Stalin ein Engel war noch alle Deutschen Teufel waren. Ich habe da in der jungen Generation also Menschen entdeckt, die ähnlich denken wie ich.
ZEIT: Sie sind nicht der Einzige, der jetzt gegen den Kandidaten Jarosław Kaczyński war. Der Regisseur Andrzej Wajda hat wie Sie Komorowski unterstützt. Über die Wahl sagte er: Dies ist ein Bürgerkrieg. Ein Kampf um alles.
Bartoszewski: Ich habe mit Andrzej Wajda später darüber gesprochen, ob er nicht zu scharfe Worte gewählt hat. Er sagte, man müsse warnen, bis zur allerletzten Minute. Er hat hier eine Aufladung gesehen wie bei den früheren Religionskriegen in Europa. In meinem Milieu haben wir verstanden: Man muss überhaupt nichts mit Tusks Partei Platforma Obywatelska zu tun haben und kann trotzdem der Meinung sein, dass sie den besten Präsidenten stellt. Die anderen dagegen waren der Meinung: Die Partei Recht und Gerechtigkeit ist gleich Kaczyński, Kaczyński ist gleich sein Bruder, der Bruder ist ein Märtyrer, daraus folgen mystische Begründungen, die nicht annehmbar sind, wenn es um einen stabilen Staat geht.
ZEIT: Die große Überraschung war, dass Jarosław Kaczyński, Kaczyński bei diesem Wahlkampf anders als sonst moderat aufgetreten ist. Ihr Lager hat die Konfrontation gesucht, nicht er.
Bartoszewski: Ich kann niemandem in Polen oder im Ausland verbieten, an einen polnischen Politiker zu glauben.
ZEIT: Sie nehmen ihm die Veränderung nicht ab.
Bartoszewski: Andere Bekehrungen als die des heiligen Paulus bleiben für mich mit einem Fragezeichen und guten Wünschen versehen.
- Datum 22.07.2010 - 19:24 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 15.07.2010 Nr. 29
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an die einfühlsame und kenntnisreiche, sich selbst hinter die Sache zurücknehmende, dabei kenntnisreiche Interviewerin.
Sehr aufschlussreiches und nettes Interview. Danke!
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