Nachdem Marion M. die Wahrheit erfahren hat, steigt sie in ihr Auto, fährt nach Hause und weint. Sie ist verwirrt und wütend – auf die DDR, in der sie groß geworden ist, und ebenso auf die Frau vom Landratsamt in Stendal, die ihr an diesem Tag eine Akte hingelegt hat, 69 vergilbte Blätter mit Behördenstempeln der »Deutschen Demokratischen Republik«. Marion M. hat alles gelesen und an ihre Brust gedrückt, obwohl sie daraus auch Furchtbares hat lernen müssen. Sie hätte die Dokumente am liebsten mitgenommen, um wenigstens etwas in den Händen zu halten, doch die Frau vom Amt hat sie nicht hergegeben.

»Aber das ist doch mein Leben!«, hat Marion M. gerufen.

»Tut mir leid«, hat die Frau geantwortet.

»Ach, bin ich jetzt wieder der Staatsfeind?«

Es ist der 14. Mai 2009, an dem Marion M. das große Geheimnis ihres Lebens löst, zugleich tun sich für sie viele neue Rätsel auf. Ein ganzes Jahr lang macht sie sich von nun an auf die Suche nach sich selbst.

Marion M. ist 57 Jahre alt und stammt aus der Nähe von Magdeburg. Das Land DDR ist lange ihre Heimat gewesen, den Staat hat sie gehasst. Als sie jung war, arbeitete sie als Eisenbahnschaffnerin in Interzonenzügen. Sie sah die Weinenden am Bahnsteig, die dieser Staat und sein Eiserner Vorhang von ihren Liebsten trennten. Das genügte ihr. Sie weigerte sich, in die SED einzutreten, von da an durfte sie nur noch in Regionalbahnen Dienst tun. Nach der Wende hat sie sich in vielen Jobs durchgeschlagen, zuletzt ist sie Altenpflegerin gewesen. Wenn sie heute Probleme mit Behörden hat, kommt die alte Wut auf den Staat wieder hoch.

»Sind die im Amt vielleicht auch bei der Stasi?«, grollt sie. »Oder warum kriege ich meine Akte nicht?«

Nach ihrer Adoptionsakte hat sie seit dem Mauerfall gesucht, 20 Jahre lang. Sie weiß zwar seit ihrem zwölften Lebensjahr, dass sie adoptiert worden ist, aber sie kannte weder ihren Vater noch ihre Mutter. Bei den Ämtern hieß es nur, es gäbe keine Unterlagen. 2003 tauchte dann ein Melderegisterauszug mit dem Namen der biologischen Mutter auf und mit deren Geburtsort, einem Dorf ganz in der Nähe. Und da stand auch noch der Name einer Halbschwester.

Jetzt erst, im Landratsamt von Stendal, hat Marion M. herausgefunden, dass ihre Mutter tot ist. Sie starb 1966 in Witten im Ruhrgebiet. Die Tochter weiß nun, warum ihr so lange kein Zufall bei der Suche weitergeholfen hat: Ihre Mutter war kurz nach Marions Geburt in den Westen geflohen. Der Vater war Dorfpolizist, aus der Akte erfuhr sie endlich seinen Namen. Er hat sie nie als sein Kind anerkannt, und als die Mutter ihn auf Unterhalt verklagte, war er verschwunden, er ging wohl ebenfalls in den Westen. Marion M. hat noch etwas erfahren, das sie bewegt: Sie hat nicht nur eine unbekannte Halbschwester – sie hat sogar zwei. Beide sind ein wenig jünger als sie und leben im Ruhrgebiet. Die Frau vom Amt hat soeben ihre Adressen herausgefunden.

Das alles wäre schon aufregend genug, aber da ist etwas, das Marion M. tief verstört: Auf ihren Adoptionsunterlagen von 1956 fehlt die Unterschrift der Mutter. Es könnte sein, dass Marion M. das Opfer einer Zwangsadoption ist – dass ihre Mutter sie nicht freiwillig weggegeben hat. Erst vor ein paar Wochen hat sie einen Fernsehfilm gesehen, Die Frau vom Checkpoint Charlie. Er handelt von einer DDR-Bürgerin, die in den siebziger Jahren flüchtete und diplomatische Verwicklungen auslöste. Sie kämpfte um ihre Kinder, die noch im Osten waren, man hatte sie ohne Einwilligung der Mutter zu Adoptiveltern gebracht. Ein Film über einen echten Fall. Wurde auch Marion M.s Mutter durch die Adoption bestraft? In der Akte findet sich zumindest ein Indiz dafür: Sie sei schon vor ihrer Flucht häufig »in den Westen gegangen«, hatten Nachbarn dem Jugendamt erzählt.